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Schlagwort "Wissen"

Die ungeklärte Aussprache von Edvard Munch

Am norwegischen Maler Edvard Munch ist so Einiges interessant. Er gehörte zu den Künstlern, die um die Jahrhundertwende vom 19. ins 20. Jahrhundert maßgeblich den Weg über den Expressionismus in die Moderne bereiteten. Es gibt überdies vielleicht keinen anderen norwegischen Maler, der es zu solcher internationaler Bekanntheit gebracht hat. Aus aktuellem Anlass interessierte ich mich allerdings nicht für das Schaffen von Munch, sondern für seinen ungewöhnlichen Familiennamen.

Wenn man wissen will, wie man einen bestimmten Namen auszusprechen hat, ist ein wunderbarer Anhaltspunkt, Radio- und Fernsehsendung zu der betreffenden Persönlichkeit zu hören. Insbesondere mit der zunehmenden Digitalisierung hat man über das Internet guten Zugriff auf solche Sendungen. Und auch bei Edvard Munch fand sich natürlich schnell der ein oder andere Medienbeitrag.

In den deutschen Medien (unter anderem Radio Bremen [1][2], ARD [3]) sprach man den Namen recht überzeugend /munk/ aus. Das bestätigte auch der Vortrag eines Kunstexperten [4]. In einem Arte-Beitrag [5] sprach sogar ein Franzose den Namen so aus.

Was mich daran verblüffte, war die Tatsache, dass die Aussprache im Allgemeinen nicht so eindeutig geklärt zu sein schien. Auf das auslautende /k/ hatte man sich anscheinend einigen können. Wenig befriedigend sind aber die Informationen zum zentralen "u"-Laut in Munch. Die Lautschriften, die man im Internet zu diesem Namen findet, enthalten mal ein /ʉ/ (etwas zwischen deutschem ü und u), mal ein /u/ oder /ʊ/ (beides nah am deutschen u).

In Sprachführern und Sprachlehrgängen des Norwegischen findet man gewöhnlich die Grundregel, dass "u" wie das deutsche "ü" auszusprechen sei (etwa [6]). Und tatsächlich fand ich eine norwegische Radiosendung über Edvard Munch, in der sein Name mehrmals (und von zwei unterschiedlichen Personen) nach dieser Regel ausgesprochen wurde [7]. Schenkt man diesen norwegischen Quellen Glauben, so lautet die Aussprache von Munch also: /münk/ wie in "Pünktchen".

Bezeichnend ist in dieser Kontroverse allerdings, dass das Norwegische keine einheitliche Sprache ist. Heute noch gibt es zwei offiziell anerkannte Dialekte (oder Varietäten) - für beide existieren Wikipedia-Seiten: Bokmål (historische Bezeichnung Riksmål) und Nynorsk (historisch Landsmål). Inoffiziell existieren sogar noch zwei zusätzliche, konservativere Dialekte, nämlich Riksmål und Høgnorsk.
Schnell fällt zudem auf, dass das "ch" in der (modernen) norwegischen Sprache eigentlich überhaupt keinen Platz hat. (Dennoch weist nichts daraufhin, dass Munch ausländische Vorfahren gehabt haben könnte.) Manches deutet also darauf hin, dass mindestens die historische Aussprache des Namens "Munch" nicht unbedingt mit der Aussprache moderner Muttersprachler übereinstimmen muss.

Am Ende bleibt das versöhnende Ergebnis wohl, dass man Munch als Deutscher oder allgemein als Ausländer mit einiger Berechtigung als /munk/ aussprechen kann. Wer auf eine Aussprache als /münk/ besteht, steht damit international ziemlich alleine da, wird sich aber immerhin auf die Sprachkompetenz der einiger Muttersprachler berufen können.

10.11.2011 10:13 - Tags: Wissen Sprachen Kunst

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Aufschlussreiches über Kritik an sich

Als mir vor zwei Jahren auf der Frankfurter Buchmesse am Messestand des Suhrkamp-Verlages ein Buch mit dem Titel "Was ist Kritik?" ins Auge sprang, ahnte ich, dass dieses Buch einige interessante Antworten für mich bereithalten würde. Ich warf damals auch einen Blick in das Vorwort des Buches und sah dort tatsächlich viele spannende Kontroversen um das Wesen der Kritik erfasst.
Oft spekulierte ich mit unterschiedlichen Personen über den Inhalt dieses vielversprechenden Werkes, kam aber nie dazu, es zu kaufen, bis mich eines Tages eine besonders aufmerksame Person liebenswürdiger Weise damit überraschte.

Trotz des Mathematikstudiums, dass mich zum damaligen Zeitpunkt gehörig einnahm, machte ich mich ziemlich rasch über den ersten Aufsatz her - es handelt sich nämlich bei "Was ist Kritik?" um eine Sammlung von Aufsätzen zum titelgebenden Thema herausgegeben von Rahel Jaeggi und Tilo Wesche [1].
Aber schon der erste Aufsatz nach dem wirklich ansprechenden Vorwort rühmte sich einer überaus schwer verständlichen Ausdrucksweise. Der gewöhnungsbedürftige Fachjargon von Soziologen und Sozialphilosophen schlug mir entgegen und zog sich so durch den ersten Abschnitt des Buches, bestehend aus drei Aufsätzen über "Kritik als Praxis".

Fast etwas enttäuscht gelangte ich dann aber dennoch vor zwei Wochen unter einigen Mühen zum zweiten Abschnitt über die normativen Grundlagen der Kritik. Im Gegensatz zum ersten vermochte dieses Kapitel mich sofort in seinen Bann zu ziehen. Die Ausdrucksweise in den vier Aufsätzen zeugte von der mir so sympathischen Exaktheit und Strukturiertheit neuzeitlicher Philosophen. Die Aufsätze begeisterten mich so sehr, dass ich mich dazu entschloss, einen Artikel darüber zu verfassen, noch bevor ich den letzten Abschnitt über die Konstellation der Kritik gelesen haben würde.

Der besagte zweite Abschnitt beginnt mit dem noch arg anspruchsvollen, dafür aber angenehm präzisen Aufsatz der irischen Professorin Maeve Cooke über die Rationalität der Gesellschaftskritik, in dem sie die Begriffe "Rationalität" und "Gesellschaftskritik" definiert und in unterschiedlichen historischen Kontexten untersucht. Dazu betont sie zunächst den herausragenden Stellenwert von Utopien und Mythen in der Gesellschaftskritik. Dadurch dass sie die Zustände darstellen, von denen Menschen träumen - zu denen sie sich hingezogen fühlen, haben Mythen und Utopien ein besonderes Potential, sich schließlich durchzusetzen. Indem sie außerdem der freien Fantasie entspringen, stellen sie bemerkenswert fruchtbare Quellen der Inspiration dar. Das eigentliche Anliegen des Aufsatzes ist es, davon ausgehend die Notwendigkeit von Rationalität herauszuarbeiten und zu präzisieren, was Rationalität in der Gesellschaftskritik leisten muss.

Mit "Kritik, und wie es besser wäre" liefert Rüdiger Bittner von der Universität Bielefeld anschließend gewissermaßen den grundlegendsten Aufsatz des Buches. In spannenden Beispielen und verständlicher Sprache erarbeitet er Antworten auf drei Fragen: Der Frage "Was ist Kritik?" versucht er zunächst mit einer linguistisch-etymologischen Methode beizukommen, die äußerst interessante Antworten bereithält.
Konkreter wird es dann bei der Frage "Was ist kritisch an der kritischen Theorie?", wobei man wissen muss, dass mit "kritischer Theorie" die auf der Gesellschaftskritik von Hegel, Marx und Freud fußende Frankfurter Schule gemeint ist. Im wesentlichen beschäftigt sich Bittner hier mit Aufsätzen von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer. Dabei erfuhr ich viel über deren Anschauungen, unter anderem über die Spiritualität in Adornos Gesellschaftskritik.
Die letzte Frage lautet "Muss ein Kritiker auch sagen können, durch welche Eigenschaften der betreffende Gegenstand seiner Kritik entginge?". Sie scheint wesentlich dadurch motiviert zu sein, dass speziell Adorno sogar ausdrücklich verbietet, die "wahre Erkenntnis der Welt" zu beschreiben, sofern sie jemand erlangen sollte. Die eher diplomatische Antwort Bittners auf diese Frage lautet schließlich, dass es vom Verständnis des Begriffs "Kritik" abhängt, ob die Nennung der jeweils besseren Eigenschaften notwendig ist.

Rainer Forst, Professor der Philosophie an der Goethe-Universität Frankfurt, ist Verfasser des dritten Aufsatzes: "Der Grund der Kritik. Zum Begriff der Menschenwürde in sozialen Rechtfertigungsordnungen". Hier referiert Forst über die Legitimation des Begriffs der Menschenwürde. Er stellt nämlich richtiggehend fest, dass Menschenwürde eine wesentliche Bewertungskonstante in der Gesellschaftskritik darstellt und daher immer wieder neu einer legitimierenden Überprüfung ausgesetzt werden sollte. Dabei verwendet Forst die in den letzten Jahrzehnten etablierte Argumentation auf der Grundlage der Anschauung des Menschen als rechtfertigendes und begründendes Wesen: Wo eine moralische Handlung vollzogen wird, hat der Handelnde die Pflicht, sein Handeln zu rechtfertigen, und die Personen, an der moralisch gehandelt wird, hat umgekehrt ein Recht auf eine Rechtfertigung dieser Handlung. Aus dieser Grundüberlegung leitet Rainer Forst den üblichen Begriff der Menschenwürde überzeugend her.

Im letzten Aufsatz beschäftigt sich Raymond Geuss, Professor der englischen Universität Cambridge, mit "bürgerlicher Philosophie". Es geht also um Philosophie (und Gesellschaftskritik), die den momentanen Staat bzw. die momentane Gesellschaftsform als gegeben hinnimmt und in diesem Ermessensspielraum eine Kritik zu entwickeln sucht. Sie steht im Gegensatz zur so genannten "radikalen Kritik", die ebenso das System (des Staates, der Gesellschaft) an sich in Frage stellt.

Wie gesagt habe ich den letzten Abschnitt, der immerhin fast die Hälfte des Buches bzw. acht Aufsätze umfasst, noch nicht gelesen. Der Titel lässt vermuten, dass es um die Frage geht, ob Kritik nur aus der kritisierten Gesellschaft heraus geäußert werden kann oder ob man sogar umgekehrt fordern muss, dass der Kritiker einen von der Gesellschaft unabhängigen Standpunkt einnimmt.
Mein Eindruck ist aber bereits jetzt, dass das Buch eine bereichernde Lektüre darstellt, wenn man sich die Zeit nimmt, den manchmal etwas anstrengenden Fachjargon zu entschlüsseln. Im Zweifel kann man den ersten Abschnitt überspringen, wenn man sich mit der dortigen Ausdrucksweise überfordert sieht, da die einzelnen Aufsätze nicht in direktem Zusammenhang stehen.

Falsche Schlangen, richtige Schlangen - Gattungen und Merkmale

Tiere sind immer einen Artikel wert. Man muss nur das Glück und die Zeit haben, gerade auf die Perlen und Kuriositäten der Tierwelt zu stoßen, was besonders für einen Mathematiker wie mich ehrlich gesagt nicht gerade ein alltägliches Ereignis darstellt. Kürzlich stieß ich über einige Umwege auf die Unterordnung der Schlangen, bei denen sich einzelne Arten und Gattungen sowie bestimmte Merkmale und Verhaltensweisen als besonders reizvoll herausstellten.

Zunächst einmal ist bemerkenswert, dass es einige Reptilien gibt, die zwar über die Ordnung der Schuppenkriechtiere mit Schlangen verwandt sind, aber fälschlicherweise oft für Schlangen gehalten werden. Tatsächlich sehen nicht alle Schuppenkriechtiere wie Schlangen aus. Ein Großteil hat sogar noch deutlich erkennbare Beine, zum Beispiel Chamäleons oder Geckos.
Unbestritten ist die Ähnlichkeit einiger Schleichen, Skinke und Flossenfüße mit Schlangen. Die Schleichenart "Scheltopusik" etwa wird sogar bis zu 1,4 Meter lang. In allen drei genannten Familien gibt es allerdings einzelne Arten mit mehr oder weniger stark ausgeprägten Extremitäten, die bei Schlangen generell nicht zu finden sind.

Gemeinhin bekannt ist die bemerkenswerte Eigenschaft, das Schlangen den Mund oft ganz schön voll nehmen. Im Frankfurter Naturmuseum Senckenberg wird das an einer Anakonda demonstriert, die gerade ein gesamtes Wasserschwein verschluckt. Dabei sei angemerkt, dass Wasserschweine als die größten Nagetiere der Erde gelten und bis zu 130 Zentimeter lang bzw. 80 Kilogramm schwer werden können.
Während es sich bei Anakondas ja um ausgesprochen große Schlangen handelt, hat in dieser Hinsicht auch die Gattung der Afrikanischen Eierschlangen einiges vorzuweisen. Eierschlangen werden zwar immerhin bis zu einem Meter lang, ihr schmaler Körperbau ist aber eher als zierlich zu bezeichnen. Trotzdem kann eine etwa daumendicke Eierschlange ein Ei von der Größe eines Hühnereis verschlucken. Noch bevor dieses Ei den Magen erreicht, wird es in der Speiseröhre aufgeschlitzt. Die unverdauliche Schale würgt die Schlange anschließend säuberlich abgetrennt vom Rest wieder heraus.
Obwohl die Afrikanischen Eierschlangen völlig ungiftig sind, beherrschen sie zum Schutz vor Feinden das Gebahren von Giftschlangen perfekt. Indem sie ihre gerippten Schuppen aneinanderreiben, können sie beispielsweise die Warngeräusche von Sandrasselottern imitieren [1].

Über das Paarungsverhalten von Seepferdchen und Blauwalen sind meine Leser ja bereits zu genüge aufgeklärt, seit ich diesem Thema bereits vor einem Jahr einen ausführlichen Artikel widmete [2]. Ähnlich interessant gestaltet sich die Fortpflanzung von Schlangen. Insbesondere Würgeschlangen und Nattern, wie sie unter anderem sogar in unseren Breitengraden angetroffen werden können, haben die bemerkenswerte Angewohnheit, ein so genanntes Paarungsknäuel zu bilden [3]. Je nach Größe und Art der Schlange schlingen sich dabei bis zu 15 Männchen um ein Weibchen und versuchen, an seine Kloake zu gelangen. (Bei Tieren, die eine Kloake, also einen gemeinsamen Körperausgang für die Verdauungs-, Geschlechts- und Exkretionsorgane haben, ist jeder Geschlechtsverkehr gewissermaßen gleichzeitig Analverkehr.) Wenn man bedenkt, dass etwa die Große Anakonda im Schnitt zweieinhalb Meter lang und sieben Kilo schwer ist, kann man sich ausdenken, was für einen Anblick ein Paarungsknäuel aus 15 Exemplaren dieser Art bieten würde.

Angesichts dieses kollektiv-sexuellen Rituals kommt man bei dem Namen der "Gewöhnlichen Puffotter" auf ganz unschickliche Gedanken. Tatsächlich bezeichnet man aber als "puff" (im englischsprachigen Raum) die typischen Drohgeräusche, die diese Viper erzeugt, indem sie sich aufbläht und die Luft in lauten Zisch- und Knallgeräuschen entweichen lässt.
Andere interessante Schlangennamen sind Harlekin-Korallenotter, Strumpfbandnatter, Brillenschlange, Buschmeister, Boomslang und Bandy-Bandy. Ihre Namensherkunft ist aber denkbar unspekakulär

Zuletzt sei noch bemerkt, dass es eine kuriose Bewandtnis mit dem Wort "Otter" hat. Wie man dem Grimmschen Wörterbuch [4] entnehmen kann, hat sich diese Bezeichnung für eine Viper aus dem hochdeutschen Begriff "Natter" durch Lautverschiebung gebildet. Während es hier "die" Otter heißt, unterscheidet man streng von "dem" Otter (Tier der am Wasser lebenden Unterfamilie der Marder). Das Wörterbuch nennt für "den" Otter das althochdeutsche Wort oter als Ursprung, verfolgt die Etymologie aber bis ins Altgriechische (ὕδρα) und Sanskrit (uda) zurück.

10.08.2011 13:16 - Tags: Wissen Kurioses

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Globish: Eine nette Idee - nicht mehr, nicht weniger

Die Nachfrage nach einer einzelnen Weltsprache, auf die sich alle Menschen verstehen, kann aus völlig unterschiedlicher Motivation heraus entstehen. Schon die biblische Erzählung vom Turmbau zu Babel verdeutlicht, wie eine gemeinsame Sprache einen praktischen Nutzen haben, aber auch den menschlichen Zusammenhalt fördern kann. Konkretere Überlegungen, wie so eine Sprache aussehen könnte, führen unweigerlich zu weiteren Fragen ganz anderer Art: Aus praktischen Gründen würde man eine bereits existierende Sprache vorschlagen, stößt dann aber auf die sozialen, politischen und kulturellen Probleme, die daraus entstehen, dass jede existierende Sprache eine gesamte Kultur oder sogar ein Land repräsentiert. Erfindet man eine Sprache komplett neu (Plansprache, siehe etwa Esperanto [1]), stößt man mindestens auf jene Kontroversen, die schon bei so einfachen Themen wie einem einheitlichen Handyladegerät [2] entstehen.

Einige dieser Probleme werden recht überzeugend und zunächst auch wohl durchdacht in "Globish - Die neue Weltsprache?" [3] angegangen. Die Autoren Jean-Paul Nerrière und David Hon sind selbst keine Linguisten. Bestenfalls David Hon, der einen Magister in Englisch hat, kann akademische Bildung in diesem Fachbereich vorweisen.
Die Herangehensweise an die Frage der Weltsprache ist dementsprechend auch weniger akademisch als vielmehr pragmatisch und bodenständig. Zunächst wird die unzweifelhafte Tatsache in den Raum gestellt, Englisch habe sich als weltweite Verkehrssprache längst etabliert. Sie von diesem Platze zu verdrängen sei kaum denkbar.

Englisch ist also der Ausgangspunkt des Buches. Wesentlich am weiteren Verlauf des Diskurses ist aber die Tatsache, dass diese Grundlage nicht gerade günstig ist. Diese Erkenntnis zieht sich durch die gesamten 200 Seiten und ist Anlass, nicht Englisch Weltsprache sein und werden zu lassen, sondern das Konzept "Globish" in den Raum zu werfen, das gleichzeitig die Entfremdung der englischen Sprache von ihren kulturellen Wurzeln verhindern und den Lernprozess verkürzen und übersichtlicher gestalten soll.
Im Zentrum von "Globish" steht das Bestreben, den längst etablierten Kern der englischen Sprache, der tatsächlich in der internationalen Kommunikation verwendet wird und sinnvollerweise verwendet werden sollte, zu entwurzeln und durch die Taufe auf einen neuen Namen zu emanzipieren.

Zwischen diesem etablierten Kern und dem kulturell und historisch verwurzelten Englisch bestehe nämlich bereits heute eine beidseitige Inkompatibilität und Ablehnung. Einerseits könne das "richtige Englisch" die internationale Kommunikation sogar erschweren: Die Kommunikation zwischen Fremdsprachlern auf Englisch funktioniere erfahrungsgemäß besser als zwischen einem Fremdsprachler und einem Muttersprachler. Dem verwendeten Vokabular und der Sprechgeschwindigkeit, aber auch dem Akzent bzw. Dialekt wird hier eine entscheidende Rolle beigemessen. Umgekehrt sehe ein Liebhaber der englischen Sprache in der "Verkehrssprache Englisch" eine Bedrohung: "Globish kann auch die englische Sprache davor schützen, von anderen Kulturen zerbrochen zu werden" (Seite 64).
Solange außerdem Englisch den Posten der Verkehrssprache für sich beansprucht, werde sich politische sowie kulturelle Abneigung nicht verhindern lassen. In Ländern, in denen etwa die amerikanische Kultur kein gutes Ansehen hat, sei Englisch seltener die bevorzugte Verkehrssprache.

Das Erlernen einer Fremdsprache beinhaltet traditionell auch immer eine Auseinandersetzung mit der damit verbundenen Kultur. Für eine Verkehrssprache, die idealerweise auch schnell zu erlernen sein soll, wäre dieser kulturelle Hintergrund eher ein Balast. Globish ist letztendlich also die Idee, ein Stück aus der englischen Sprache zu isolieren, ihm den Namen "Globish" zu verpassen und dann zu sagen: "Wenn man diese Dinge gelernt hat, ist man fertig" (Seite 49). Dabei werden hinderliche Details, wie die Unterschiede zwischen der britischen und der amerikanischen Aussprache, Schreibweise oder Grammatik vernachlässigt. "Und auch sonst sollte sich niemand darum kümmern", heißt es dazu etwas zu radikal für meinen Geschmack auf Seite 61.

Angesichts der Tatsache, dass das Buch im Sprachenverlag Langenscheidt erschienen ist, fehlt ihm an vielen Stellen die fachlich-linguistische Grundlage. Für einen durchschnittlichen Leser ist das allerdings sehr angenehm und man bekommt das Gefühl, die Vorsätze dieses neuen Konzepts seien weniger utopisch und ideell. Tatsächlich trügt dieser Eindruck aber: Letztendlich dreht sich das Buch nur um die Etablierung eines neuen Begriffs für etwas, das längst im Kommen ist, indem man es schärfer abgegrenzt als bisher.
Zugegebenermaßen versucht man auch, Forderungen für die Praxis aufzustellen. Da ist zum Einen die Forderung nach kompakteren Sprachkursen, deren Umfang und Nutzen von Anfang an klar definiert ist: In 120 Lerntagen soll man Globish, das auf 1500 Vokabeln eingegrenzt wird, erlernen können. Während die Theorie hier eiskalt vorrechnet, wie viele Vokabeln und Grammatikregeln man bei dieser Zielsetzung pro Tag zu lernen hat, vergisst man, dass am Ende doch die Sprachpraxis den entscheidenden Lernfaktor darstellt. Die Einschränkung auf ein fixes Vokabular ist viel zu formal und von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Außerdem ist die Idee von Sprachkursen, die sich auf das wesentliche beschränken, längst allerorts in die Tat umgesetzt worden.
Andererseits will man englische Muttersprachler dazu auffordern, sich in der internationalen Kommunikation auf Globish zu beschränken und diese "neue Sprache" als in sich abgeschlossenes Mittel der Kommunikation zu akzeptieren. Es ist tatsächlich offenbar notwendig, dass sich Muttersprachler in der internationalen Kommunikation gewissermaßen umstellen müssen, damit sie von Fremdsprachlern besser verstanden werden. Solche Tendenzen sind aber bereits erkennbar und es spricht Einiges dafür, dass sich der diesbezügliche Wandlungsprozess auch ohne eine solche konkrete Forderung schließlich vollziehen wird.

Ich halte "Globish - Die neue Weltsprache?" für eine interessante Lektüre. Sie beleuchtet viele Probleme der Entwicklung des Englischen zur internationalen Verkehrssprache neu und behandelt diese Entwicklung auch kritisch. Leider zeigt das Buch hier aber keinen nennenswerten Tiefgang, was zum einen darin begründet ist, dass die beiden Autoren nicht vom Fach sind, zum anderen, dass sie ein breites Publikum ansprechen möchten. Obwohl der letztere Aspekt eine entscheidende Rolle bei der Konzeption dieses Buches gespielt haben mag, ist der titelgebende Lösungsvorschlag "Globish" für das Weltsprachenproblem meiner Meinung nach ein Schuss in den Ofen.  Was er suggeriert und anstrebt, wird sich auch ohne den bloßen Begriff und die damit verbundene Ideologie durchsetzen. Das zeichnet sich längst ab. Unter Sprachpuristen, die sich eine Abgrenzung des richtigen Englisch von der vereinfachten Verkehrssprache wünschen, wird sich der Begriff vielleicht durchsetzen und seinen psychologischen Nutzen beweisen. Aber die reformatorische Kraft, die sich Nerrière und Hon davon versprechen, traue ich "Globish" nicht zu.

An dieser Stelle noch ein Dank an Langenscheidt [4], die mir ein Exemplar des Buches zur Verfügung gestellt haben.

Was bedeutet DHL und wo hat "tesa" seine Ursprünge?

Chrysantheme: Welche Bedeutung haben die Buchstaben im Namen des großen Paketdiensts DHL eigentlich?
Bougainville: Das D steht bestimmt für Deutschland.
Akazie: Und L wird dann wohl irgendwas mit Logistik bedeuten.
Bougainville: Etwa "Deutsche Handelslogistik"? Klingt nicht gerade überzeugend...
Chrysantheme: Und was ist mit "tesa"?
Akazie: Gute Frage. Vielleicht ist es der Name irgendeiner Göttin?

Natürlich tappen die drei Pflänzchen im Dunkeln und die Auflösung der zwei Probleme ist auch leider wenig spektakulär: Als Namen ihres Unternehmens wählten die drei Gründer Adrian Dalsey, Larry Hillblom und Robert Lynn schlicht und ergreifend die Anfangsbuchstaben ihrer Nachnamen [1].

Auch "tesa" entstand aus dem Namen einer Person, nämlich dem Namen der bei Beiersdorf angestellten Sekretärin Elsa Tesmer, die den Namen 1905 in einem unternehmensinternen Kreativitätswettbewerb vorschlug. Welches Produkt daraus entstehen sollte, war anfangs gar nicht klar: Man versuchte es mit einer patentierten Zahnpastatube, die aber so enttäuschend floppte, dass man keine Sorgen hatte, den Markennamen danach für etwas völlig anderes zu verwenden - nämlich eine Ummantelung für Wurstwaren, eine neuartige "Tauchmasse".
Nachdem sich "tesa" auch in der Wurstwarenwelt nicht durchsetzen mochte, dauerte es weitere neun Jahre, bis sich 1935 das endgültige Produkt - ein transparenter Klebefilm - mit dem Namen zierte (für weitere Informationen siehe Technology Review 05.2011, Seite 94).

30.05.2011 18:59 - Tags: Wissen

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