Am norwegischen Maler
Edvard Munch ist so Einiges interessant. Er gehörte zu
den Künstlern, die um die Jahrhundertwende vom 19. ins
20. Jahrhundert maßgeblich den Weg über den
Expressionismus in die Moderne bereiteten. Es gibt
überdies vielleicht keinen anderen norwegischen Maler,
der es zu solcher internationaler Bekanntheit gebracht
hat. Aus aktuellem Anlass interessierte ich mich
allerdings nicht für das Schaffen von Munch, sondern
für seinen ungewöhnlichen Familiennamen.
Wenn man wissen will, wie man einen bestimmten Namen auszusprechen hat, ist ein wunderbarer Anhaltspunkt, Radio- und Fernsehsendung zu der betreffenden Persönlichkeit zu hören. Insbesondere mit der zunehmenden Digitalisierung hat man über das Internet guten Zugriff auf solche Sendungen. Und auch bei Edvard Munch fand sich natürlich schnell der ein oder andere Medienbeitrag.
In den deutschen Medien (unter anderem Radio Bremen [1][2], ARD [3]) sprach man den Namen recht überzeugend /munk/ aus. Das bestätigte auch der Vortrag eines Kunstexperten [4]. In einem Arte-Beitrag [5] sprach sogar ein Franzose den Namen so aus.
Was mich daran verblüffte, war die Tatsache, dass die Aussprache im Allgemeinen nicht so eindeutig geklärt zu sein schien. Auf das auslautende /k/ hatte man sich anscheinend einigen können. Wenig befriedigend sind aber die Informationen zum zentralen "u"-Laut in Munch. Die Lautschriften, die man im Internet zu diesem Namen findet, enthalten mal ein /ʉ/ (etwas zwischen deutschem ü und u), mal ein /u/ oder /ʊ/ (beides nah am deutschen u).
In Sprachführern und Sprachlehrgängen des Norwegischen findet man gewöhnlich die Grundregel, dass "u" wie das deutsche "ü" auszusprechen sei (etwa [6]). Und tatsächlich fand ich eine norwegische Radiosendung über Edvard Munch, in der sein Name mehrmals (und von zwei unterschiedlichen Personen) nach dieser Regel ausgesprochen wurde [7]. Schenkt man diesen norwegischen Quellen Glauben, so lautet die Aussprache von Munch also: /münk/ wie in "Pünktchen".
Bezeichnend ist in dieser Kontroverse allerdings, dass
das Norwegische keine einheitliche Sprache ist. Heute
noch gibt es zwei offiziell anerkannte Dialekte (oder
Varietäten) - für beide existieren Wikipedia-Seiten:
Bokmål (historische Bezeichnung Riksmål) und Nynorsk
(historisch Landsmål). Inoffiziell existieren sogar
noch zwei zusätzliche, konservativere Dialekte,
nämlich Riksmål und Høgnorsk.
Schnell fällt zudem auf, dass das "ch" in der
(modernen) norwegischen Sprache eigentlich überhaupt
keinen Platz hat. (Dennoch weist nichts daraufhin, dass
Munch ausländische Vorfahren gehabt haben könnte.)
Manches deutet also darauf hin, dass mindestens die
historische Aussprache des Namens "Munch" nicht
unbedingt mit der Aussprache moderner Muttersprachler
übereinstimmen muss.
Am Ende bleibt das versöhnende Ergebnis wohl, dass man Munch als Deutscher oder allgemein als Ausländer mit einiger Berechtigung als /munk/ aussprechen kann. Wer auf eine Aussprache als /münk/ besteht, steht damit international ziemlich alleine da, wird sich aber immerhin auf die Sprachkompetenz der einiger Muttersprachler berufen können.
Als mir vor zwei Jahren
auf der Frankfurter Buchmesse am Messestand des
Suhrkamp-Verlages ein Buch mit dem Titel "Was ist
Kritik?" ins Auge sprang, ahnte ich, dass dieses Buch
einige interessante Antworten für mich bereithalten
würde. Ich warf damals auch einen Blick in das Vorwort
des Buches und sah dort tatsächlich viele spannende
Kontroversen um das Wesen der Kritik erfasst.
Oft spekulierte ich mit unterschiedlichen Personen
über den Inhalt dieses vielversprechenden Werkes, kam
aber nie dazu, es zu kaufen, bis mich eines Tages eine
besonders aufmerksame Person liebenswürdiger Weise
damit überraschte.
Trotz des Mathematikstudiums, dass mich zum damaligen
Zeitpunkt gehörig einnahm, machte ich mich ziemlich
rasch über den ersten Aufsatz her - es handelt sich
nämlich bei "Was ist Kritik?" um eine Sammlung von
Aufsätzen zum titelgebenden Thema herausgegeben von
Rahel Jaeggi und Tilo Wesche [1].
Aber schon der erste Aufsatz nach dem wirklich
ansprechenden Vorwort rühmte sich einer überaus
schwer verständlichen Ausdrucksweise. Der
gewöhnungsbedürftige Fachjargon von Soziologen und
Sozialphilosophen schlug mir entgegen und zog sich so
durch den ersten Abschnitt des Buches, bestehend aus
drei Aufsätzen über "Kritik als Praxis".
Fast etwas enttäuscht gelangte ich dann aber dennoch vor zwei Wochen unter einigen Mühen zum zweiten Abschnitt über die normativen Grundlagen der Kritik. Im Gegensatz zum ersten vermochte dieses Kapitel mich sofort in seinen Bann zu ziehen. Die Ausdrucksweise in den vier Aufsätzen zeugte von der mir so sympathischen Exaktheit und Strukturiertheit neuzeitlicher Philosophen. Die Aufsätze begeisterten mich so sehr, dass ich mich dazu entschloss, einen Artikel darüber zu verfassen, noch bevor ich den letzten Abschnitt über die Konstellation der Kritik gelesen haben würde.
Der besagte zweite Abschnitt beginnt mit dem noch arg anspruchsvollen, dafür aber angenehm präzisen Aufsatz der irischen Professorin Maeve Cooke über die Rationalität der Gesellschaftskritik, in dem sie die Begriffe "Rationalität" und "Gesellschaftskritik" definiert und in unterschiedlichen historischen Kontexten untersucht. Dazu betont sie zunächst den herausragenden Stellenwert von Utopien und Mythen in der Gesellschaftskritik. Dadurch dass sie die Zustände darstellen, von denen Menschen träumen - zu denen sie sich hingezogen fühlen, haben Mythen und Utopien ein besonderes Potential, sich schließlich durchzusetzen. Indem sie außerdem der freien Fantasie entspringen, stellen sie bemerkenswert fruchtbare Quellen der Inspiration dar. Das eigentliche Anliegen des Aufsatzes ist es, davon ausgehend die Notwendigkeit von Rationalität herauszuarbeiten und zu präzisieren, was Rationalität in der Gesellschaftskritik leisten muss.
Mit "Kritik, und wie es besser wäre" liefert Rüdiger
Bittner von der Universität Bielefeld anschließend
gewissermaßen den grundlegendsten Aufsatz des Buches.
In spannenden Beispielen und verständlicher Sprache
erarbeitet er Antworten auf drei Fragen: Der Frage "Was
ist Kritik?" versucht er zunächst mit einer
linguistisch-etymologischen Methode beizukommen, die
äußerst interessante Antworten bereithält.
Konkreter wird es dann bei der Frage "Was ist kritisch
an der kritischen Theorie?", wobei man wissen muss,
dass mit "kritischer Theorie" die auf der
Gesellschaftskritik von Hegel, Marx und Freud fußende
Frankfurter Schule gemeint ist. Im wesentlichen
beschäftigt sich Bittner hier mit Aufsätzen von
Theodor W. Adorno und Max Horkheimer. Dabei erfuhr ich
viel über deren Anschauungen, unter anderem über die
Spiritualität in Adornos Gesellschaftskritik.
Die letzte Frage lautet "Muss ein Kritiker auch sagen
können, durch welche Eigenschaften der betreffende
Gegenstand seiner Kritik entginge?". Sie scheint
wesentlich dadurch motiviert zu sein, dass speziell
Adorno sogar ausdrücklich verbietet, die "wahre
Erkenntnis der Welt" zu beschreiben, sofern sie jemand
erlangen sollte. Die eher diplomatische Antwort
Bittners auf diese Frage lautet schließlich, dass es
vom Verständnis des Begriffs "Kritik" abhängt, ob die
Nennung der jeweils besseren Eigenschaften notwendig
ist.
Rainer Forst, Professor der Philosophie an der Goethe-Universität Frankfurt, ist Verfasser des dritten Aufsatzes: "Der Grund der Kritik. Zum Begriff der Menschenwürde in sozialen Rechtfertigungsordnungen". Hier referiert Forst über die Legitimation des Begriffs der Menschenwürde. Er stellt nämlich richtiggehend fest, dass Menschenwürde eine wesentliche Bewertungskonstante in der Gesellschaftskritik darstellt und daher immer wieder neu einer legitimierenden Überprüfung ausgesetzt werden sollte. Dabei verwendet Forst die in den letzten Jahrzehnten etablierte Argumentation auf der Grundlage der Anschauung des Menschen als rechtfertigendes und begründendes Wesen: Wo eine moralische Handlung vollzogen wird, hat der Handelnde die Pflicht, sein Handeln zu rechtfertigen, und die Personen, an der moralisch gehandelt wird, hat umgekehrt ein Recht auf eine Rechtfertigung dieser Handlung. Aus dieser Grundüberlegung leitet Rainer Forst den üblichen Begriff der Menschenwürde überzeugend her.
Im letzten Aufsatz beschäftigt sich Raymond Geuss, Professor der englischen Universität Cambridge, mit "bürgerlicher Philosophie". Es geht also um Philosophie (und Gesellschaftskritik), die den momentanen Staat bzw. die momentane Gesellschaftsform als gegeben hinnimmt und in diesem Ermessensspielraum eine Kritik zu entwickeln sucht. Sie steht im Gegensatz zur so genannten "radikalen Kritik", die ebenso das System (des Staates, der Gesellschaft) an sich in Frage stellt.
Wie gesagt habe ich den letzten Abschnitt, der immerhin
fast die Hälfte des Buches bzw. acht Aufsätze
umfasst, noch nicht gelesen. Der Titel lässt vermuten,
dass es um die Frage geht, ob Kritik nur aus der
kritisierten Gesellschaft heraus geäußert werden kann
oder ob man sogar umgekehrt fordern muss, dass der
Kritiker einen von der Gesellschaft unabhängigen
Standpunkt einnimmt.
Mein Eindruck ist aber bereits jetzt, dass das Buch
eine bereichernde Lektüre darstellt, wenn man sich die
Zeit nimmt, den manchmal etwas anstrengenden Fachjargon
zu entschlüsseln. Im Zweifel kann man den ersten
Abschnitt überspringen, wenn man sich mit der dortigen
Ausdrucksweise überfordert sieht, da die einzelnen
Aufsätze nicht in direktem Zusammenhang stehen.
Die Nachfrage nach
einer einzelnen Weltsprache, auf die sich alle Menschen
verstehen, kann aus völlig unterschiedlicher
Motivation heraus entstehen. Schon die biblische
Erzählung vom Turmbau zu Babel verdeutlicht, wie eine
gemeinsame Sprache einen praktischen Nutzen haben, aber
auch den menschlichen Zusammenhalt fördern kann.
Konkretere Überlegungen, wie so eine Sprache aussehen
könnte, führen unweigerlich zu weiteren Fragen ganz
anderer Art: Aus praktischen Gründen würde man eine
bereits existierende Sprache vorschlagen, stößt dann
aber auf die sozialen, politischen und kulturellen
Probleme, die daraus entstehen, dass jede existierende
Sprache eine gesamte Kultur oder sogar ein Land
repräsentiert. Erfindet man eine Sprache komplett neu
(Plansprache, siehe etwa Esperanto [1]), stößt man
mindestens auf jene Kontroversen, die schon bei so
einfachen Themen wie einem einheitlichen
Handyladegerät [2] entstehen.
Einige dieser Probleme werden recht überzeugend und
zunächst auch wohl durchdacht in "Globish - Die neue
Weltsprache?" [3] angegangen. Die Autoren
Jean-Paul Nerrière und David Hon sind selbst keine
Linguisten. Bestenfalls David Hon, der einen Magister
in Englisch hat, kann akademische Bildung in diesem
Fachbereich vorweisen.
Die Herangehensweise an die Frage der Weltsprache ist
dementsprechend auch weniger akademisch als vielmehr
pragmatisch und bodenständig. Zunächst wird die
unzweifelhafte Tatsache in den Raum gestellt, Englisch
habe sich als weltweite Verkehrssprache längst
etabliert. Sie von diesem Platze zu verdrängen sei
kaum denkbar.
Englisch ist also der Ausgangspunkt des Buches.
Wesentlich am weiteren Verlauf des Diskurses ist aber
die Tatsache, dass diese Grundlage nicht gerade
günstig ist. Diese Erkenntnis zieht sich durch die
gesamten 200 Seiten und ist Anlass, nicht Englisch
Weltsprache sein und werden zu lassen, sondern das
Konzept "Globish" in den Raum zu werfen, das
gleichzeitig die Entfremdung der englischen Sprache von
ihren kulturellen Wurzeln verhindern und den
Lernprozess verkürzen und übersichtlicher gestalten
soll.
Im Zentrum von "Globish" steht das Bestreben, den
längst etablierten Kern der englischen Sprache, der
tatsächlich in der internationalen Kommunikation
verwendet wird und sinnvollerweise verwendet werden
sollte, zu entwurzeln und durch die Taufe auf einen
neuen Namen zu emanzipieren.
Zwischen diesem etablierten Kern und dem kulturell und
historisch verwurzelten Englisch bestehe nämlich
bereits heute eine beidseitige Inkompatibilität und
Ablehnung. Einerseits könne das "richtige Englisch"
die internationale Kommunikation sogar erschweren: Die
Kommunikation zwischen Fremdsprachlern auf Englisch
funktioniere erfahrungsgemäß besser als zwischen
einem Fremdsprachler und einem Muttersprachler. Dem
verwendeten Vokabular und der Sprechgeschwindigkeit,
aber auch dem Akzent bzw. Dialekt wird hier eine
entscheidende Rolle beigemessen. Umgekehrt sehe ein
Liebhaber der englischen Sprache in der
"Verkehrssprache Englisch" eine Bedrohung: "Globish
kann auch die englische Sprache davor schützen, von
anderen Kulturen zerbrochen zu werden" (Seite 64).
Solange außerdem Englisch den Posten der
Verkehrssprache für sich beansprucht, werde sich
politische sowie kulturelle Abneigung nicht verhindern
lassen. In Ländern, in denen etwa die amerikanische
Kultur kein gutes Ansehen hat, sei Englisch seltener
die bevorzugte Verkehrssprache.
Das Erlernen einer Fremdsprache beinhaltet traditionell auch immer eine Auseinandersetzung mit der damit verbundenen Kultur. Für eine Verkehrssprache, die idealerweise auch schnell zu erlernen sein soll, wäre dieser kulturelle Hintergrund eher ein Balast. Globish ist letztendlich also die Idee, ein Stück aus der englischen Sprache zu isolieren, ihm den Namen "Globish" zu verpassen und dann zu sagen: "Wenn man diese Dinge gelernt hat, ist man fertig" (Seite 49). Dabei werden hinderliche Details, wie die Unterschiede zwischen der britischen und der amerikanischen Aussprache, Schreibweise oder Grammatik vernachlässigt. "Und auch sonst sollte sich niemand darum kümmern", heißt es dazu etwas zu radikal für meinen Geschmack auf Seite 61.
Angesichts der Tatsache, dass das Buch im
Sprachenverlag Langenscheidt erschienen ist, fehlt ihm
an vielen Stellen die fachlich-linguistische Grundlage.
Für einen durchschnittlichen Leser ist das allerdings
sehr angenehm und man bekommt das Gefühl, die
Vorsätze dieses neuen Konzepts seien weniger utopisch
und ideell. Tatsächlich trügt dieser Eindruck aber:
Letztendlich dreht sich das Buch nur um die Etablierung
eines neuen Begriffs für etwas, das längst im Kommen
ist, indem man es schärfer abgegrenzt als bisher.
Zugegebenermaßen versucht man auch, Forderungen für
die Praxis aufzustellen. Da ist zum Einen die Forderung
nach kompakteren Sprachkursen, deren Umfang und Nutzen
von Anfang an klar definiert ist: In 120 Lerntagen soll
man Globish, das auf 1500 Vokabeln eingegrenzt wird,
erlernen können. Während die Theorie hier eiskalt
vorrechnet, wie viele Vokabeln und Grammatikregeln man
bei dieser Zielsetzung pro Tag zu lernen hat, vergisst
man, dass am Ende doch die Sprachpraxis den
entscheidenden Lernfaktor darstellt. Die Einschränkung
auf ein fixes Vokabular ist viel zu formal und von
Anfang an zum Scheitern verurteilt. Außerdem ist die
Idee von Sprachkursen, die sich auf das wesentliche
beschränken, längst allerorts in die Tat umgesetzt
worden.
Andererseits will man englische Muttersprachler dazu
auffordern, sich in der internationalen Kommunikation
auf Globish zu beschränken und diese "neue Sprache"
als in sich abgeschlossenes Mittel der Kommunikation zu
akzeptieren. Es ist tatsächlich offenbar notwendig,
dass sich Muttersprachler in der internationalen
Kommunikation gewissermaßen umstellen müssen, damit
sie von Fremdsprachlern besser verstanden werden.
Solche Tendenzen sind aber bereits erkennbar und es
spricht Einiges dafür, dass sich der diesbezügliche
Wandlungsprozess auch ohne eine solche konkrete
Forderung schließlich vollziehen wird.
Ich halte "Globish - Die neue Weltsprache?" für eine interessante Lektüre. Sie beleuchtet viele Probleme der Entwicklung des Englischen zur internationalen Verkehrssprache neu und behandelt diese Entwicklung auch kritisch. Leider zeigt das Buch hier aber keinen nennenswerten Tiefgang, was zum einen darin begründet ist, dass die beiden Autoren nicht vom Fach sind, zum anderen, dass sie ein breites Publikum ansprechen möchten. Obwohl der letztere Aspekt eine entscheidende Rolle bei der Konzeption dieses Buches gespielt haben mag, ist der titelgebende Lösungsvorschlag "Globish" für das Weltsprachenproblem meiner Meinung nach ein Schuss in den Ofen. Was er suggeriert und anstrebt, wird sich auch ohne den bloßen Begriff und die damit verbundene Ideologie durchsetzen. Das zeichnet sich längst ab. Unter Sprachpuristen, die sich eine Abgrenzung des richtigen Englisch von der vereinfachten Verkehrssprache wünschen, wird sich der Begriff vielleicht durchsetzen und seinen psychologischen Nutzen beweisen. Aber die reformatorische Kraft, die sich Nerrière und Hon davon versprechen, traue ich "Globish" nicht zu.
An dieser Stelle noch ein Dank an Langenscheidt [4], die mir ein Exemplar des Buches zur Verfügung gestellt haben.
28.07.2011 00:17 - Tags: Literatur Sprachen Gesellschaft Meinungen Wissen
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Mein Interesse für
unsere Nachbarn aus dem Norden und ihre Sprache, hatte
ich bereits in einem früheren Artikel geäußert [1].
Seitdem ist ein Jahr vergangen und weder beherrsche ich
die dänische Sprache, noch hat sich eine Gelegenheit
für einen Besuch Dänemarks ergeben. Mein Interesse
hat aber kaum abgenommen.
Jetzt besitze ich ja seit kurzem ein Android-Handy und,
wie ich gestern Abend durch den App-Market stöberte,
stieß ich auf die spottbillige App LingoPal Dänisch
[2]: Ein
sprechender Sprachführer "mit Stil".
Für einen Euro bietet diese App auch nicht viel mehr,
als man für das Geld erwarten würde. Aber immerhin
sind die wichtigsten Redewendungen aus den Kategorien
Konversation/Smalltalk, Flirten, Beschimpfung,
Auskunft/Wegbeschreibung, Reisen, Tage/Uhrzeit und den
anderen Themengebieten, die einen Kurzurlauber
interessieren könnten, enthalten.
Zum Flirten hält die App dabei so nützliche Wendungen
bereit wie "Ich bin Delphintrainer" oder "Ich mag
Hunde, lange Spaziergänge am Strand und französische
Gedichte im Mondlicht lesen". Wenn da mal nicht jedes
dänische "piger" (Mädchen) dahinschmilzt.
Besonders interessant ist, dass Dänen "Hvor gammel er
du?" fragen, wenn sie an dem Alter ihres Gegenüber
interessiert sind. Dass der dänische Begriff für alt
("gammel") mit den deutschen Begriffen "gammelig" oder
"gammeln" zusammenhängen könnte, wirkt eher wie ein
schlechter Witz. Ein Blick in das deutsche Wörterbuch
von WAHRIG lokalisiert diese Begriffe aber tatsächlich
auf Norddeutschland und bei dem Eintrag zu "gammeln"
steht sogar tatsächlich "vielleicht zu dän. gamle".
Dass die Dänen sich gegenseitig fragen, wie gammelig
sie sind, wenn es ums Alter geht, ist schon eine
höchst brisante Annahme. Besonders abwegig ist das
allerdings nicht, wenn man bedenkt, wie nah die
skandinavischen Sprachen sonst dem (Nord-)Deutschen
sind. Ein bisschen verunsichert und auch enttäuscht
wurde ich zuletzt dann doch nach einem Blick ins
Grimmsche Wörterbuch [3]. Hier konzentriert sich
die Analyse des Begriffs auf die Formen "Gammel" und
"gämeln", denen allerdings ganz andere Bedeutungen
zukommen, als man anhand der heutigen Verwendungen von
"gammeln" oder "gammelig" vermuten würde.
Zwar redet das Grimmsche Wörterbuch auch von
fränkischen Wurzeln dieser Begrifflichkeiten. Die
stark abweichenden Bedeutungen lassen aber vermuten,
dass sich derselbe Begriff zu unterschiedlichen Zeiten
in unterschiedlichen Regionen mit verschiedenen
Bedeutungen gebildet haben könnten. Zuletzt sind wir
also kaum schlauer als vorher - auf alle Fälle im
Gedächtnis wird aber die eher wie eine Beleidigung
klingende Frage bleiben: "Hvor gammel er du?".
Im Sommer 2009 kaufte
ich mir ein elektronisches Wörterbuch von Sharp [1]. Für
300.000 englisch-deutsch-englische (Duden-Oxford
Wörterbuch) und 150.000 deutsch-deutsche (Duden
Universalwörterbuch) Stichwörter und Wendungen
bezahlte ich 100 Euro. Abgesehen von der inhaltlichen
Ausstattung wartete das Gerät mit übersichtlicher
Bedienung, geringem Gewicht, praktischem Format bei
großem Display und einer ordentlichen Batterielaufzeit
auf: Die eine AAA-Batterie, die zum Betrieb nötig ist,
musste ich zum ersten Mal vor zwei Wochen wechseln.
Schon damals war ein großer Nachteil klar: Dieses Wörterbuch ist nicht erweiterbar. Das leisteten schon damals nur die teureren "Bookman" von Franklin [2]. Franklins Geräte kosten nur 30 Euro mehr als mein Sharp-Wörterbuch und bieten dafür abgesehen von der Erweiterbarkeit zahlreiche Zusatzfunktionen wie Kurzgrammatik, Lernspiele, Vokabeltrainer und TOEFL-Wortlisten. Allerdings sind sie größer und schwerer und kommen standardmäßig nur mit einem Wörterbuch daher, wohingegen mein Sharp ja zwei Wörterbücher enthält, die ich beide nicht missen will. Jedes weitere Franklin-Wörterbuch schlägt mit 50-60 Euro zu Buche, was ein angemessener Preis ist, aber die Gesamtkosten schon fast auf das Doppelte des Preises meines Geräts schnellen lässt, wenn man nur ein weiteres Wörterbuch installiert.
Die Erweiterbarkeit bezahlt man bei Franklin mit einer tendenziellen Trägheit der Bedienoberfläche. Diese Schwäche weisen auch die wesentlich neueren und erheblich teureren "Bookman SD" [3] auf. Im Moment werden die Standardversionen mit einem und zwei Wörterbüchern (250 bzw. 300 Euro) durch ein Jubiläumsangebot mit Wörterbüchern in Englisch, Italienisch, Französisch, Spanisch und Deutsch für 300 Euro in den Schatten gestellt. Ansonsten kosten zusätzliche Wörterbücher bei diesen Geräten jeweils 60-70 Euro.
Übrigens lassen die
Geräte von Casio die Erweiterbarkeit bis heute
vermissen [4], sind dafür aber
inzwischen mit einer aberwitzigen Masse von 21
Wörterbüchern in 6 Sprachen (Englisch, Französisch,
Italienisch, Spanisch, Latein, Deutsch) bepackt. Ob man
hier die Erweiterbarkeit überhaupt braucht, ist
fraglich, wenn man bedenkt, dass für die Geräte von
Franklin gar nicht mehr Sprachen verfügbar sind.
Angesichts dieser mächtigen Ausstattung kann man auch
verschmerzen, dass Casios Schlachtschiff doppelt so
viel wiegt wie meines und dabei 1,5cm länger, 2cm
breiter und 2mm dicker ist.
Die genannten Wörterbuchlösungen versagen, sobald man sich mit einer etwas ungewöhnlicheren Sprache beschäftigen will. Das fängt schon bei Portugiesisch an, geht aber über Schwedisch und Russisch bis hin zu Arabisch und Chinesisch. Von der Erweiterbarkeit bleibt nicht viel übrig, wenn es diese Erweiterungsmöglichkeiten gar nicht gibt.
Der unhaltbare technische Fortschritt und die ewige
Frage nach Erweiterbarkeit drängen die Frage auf, ob
es überhaupt noch gerechtfertigt ist, ein Gerät zu
entwickeln, dass "nur" als Wörterbuch dienen kann.
Aktuelle Smartphones bringen längst genug
Leistungsfähigkeit und Speicherplatz für diese
Funktion auf.
Und tatsächlich dringen deutsche Wörterbuchverlage
inzwischen in diese Richtung vor. Langenscheidt
präsentiert mit den "Professional-Wörterbüchern"
für Android, iOS und Bada [5] Wörterbücher in
Italienisch, Spanisch, Französisch und Englisch. Wenn
die Angaben zum Wortschatz (bis zu 900.000 Stichwörter
und Wendungen) mit den üblichen Angaben auch nur
ansatzweise vergleichbar sind, bieten diese
Wörterbücher einen gigantischen Umfang: dreimal so
viele Stichwörter wie in Casios und Franklins
größten Geräten!
Langenscheidt bietet
für Smartphone-Besitzer außerdem umfangreiche
Wörterbücher in den Sprachen Dänisch, Polnisch,
Niederländisch, Portugiesisch, Russisch, Schwedisch,
Tschechisch und Türkisch. Man vermisst nur Latein,
Altgriechisch und nicht-indogermanische Sprachen wie
Chinesisch, Japanisch oder Arabisch. Übrigens bietet
auch Duden seine wichtigsten Wörterbücher für
Smartphones an [6] und noch mehr
Wörterbücher gibt es bei der Paragon Software Group
[7].
Die Smartphone-Lösung hat den entscheidenden Nachteil,
dass Smartphones bekanntermaßen eine extrem kurze
Akkulaufzeit haben. Bisweilen müssen sie schon nach
einem oder zwei Tagen wieder an die Steckdose.
Zugegebenermaßen haben sich Smartphone-Nutzer damit
inzwischen arrangiert, indem sie überall ihr
Ladegerät dabei haben. Aber ein bisschen lau klingt
das schon - verglichen mit der oben erwähnten Laufzeit
meines Sharp-Wörterbuchs. Manch einer mag sich
darüber hinaus über die Bedienung via Touchscreen
ärgern. Die mechanischen Tasten der klassischen
elektronischen Wörterbücher sind angenehmer in der
Eingabe, aber es gibt ja auch Smartphones mit
Tastatur-Slider.
Wer kein Smartphone hat, aber trotzdem gerne so viele Wörterbücher horten würde, kann sich entweder ein Smartphone zulegen oder auf Archos' neue Android-Geräte zurückgreifen (Archos 28, 32, 43, 70). Alle oben genannten Wörterbücher von Langenscheidt zuzüglich der wichtigsten Wörterbücher von Duden schlagen übrigens mit fast 500 Euro zu Buche. Auch wenn ich auf Türkisch, Polnisch und Tschechisch eventuell verzichten könnte, würde ich immernoch mindestens Latein, Altgriechisch und Chinesisch vermissen. Aber man kann eben nicht alles haben.
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