Der statistische Rahmen dieser Reise wurde bereits in einem früheren Artikel zusammengefasst.
Angesichts der vielen
Ziele auf unserer Reiseroute werde ich es in diesem
Artikel bei einer Kompilation markanter Details und
Anekdoten aus den unterschiedlichen Städten und
Ländern belassen. Falls Interesse an näheren
Informationen zu anderen Einzelheiten besteht, kann ich
gerne auf Anfrage in einem Kommentar zu diesem Artikel
darauf eingehen.
Prag. Ich
erinnere mich an vier oder fünf junge Deutsche in
weißen Unterhemden und Ray-Ban-Sonnenbrillen, die uns
auf dem Weg vom Bahnhof zum Hostel entgegenkamen. Gut
gelaunt hielten sie sich an ihren Bierflaschen fest,
während sie auf dem Wenzelsplatz an den zahlreichen
Dönerläden vorbei in Richtung Nationalmuseum
schlenderten. Glücklicherweise konnte dieser
kulturelle Rückschlag ohne Weiteres durch zahlreiche
Schätze tschechischer Kultur wie das Café Louvre oder
das Haus zur Schwarzen Mutter Gottes, das neben dem
Museum über tschechischen Kubismus das Grand Café
Orient beherbergt, wieder gut gemacht werden.
Wer hätte das geahnt?
Bagels stammen aus Krakau. Und dort trafen wir
auch tatsächlich bereits morgens um 7 Uhr die ersten
Bagel-Verkäufer auf den Straßen. Außerdem hatten wir
die besondere Gelegenheit, das menschenleere und dabei
umso schönere Krakau, insbesondere seinen sonst so
überlaufenen Hauptmarkt zu bewundern. Das Weichselufer
und Schindlers Fabrik sowie das nahebei gelegene
nagelneue Museum für Moderne Kunst (MOCAK) rundeten
unseren positiven Eindruck von Polen ab.
Dass Taiwan so viel Geld in die Slovakei investiert, hätten wir wohl nie erfahren, wenn wir nicht auf den Bänken an der ansehnlichen Donau-Uferpromenade in Bratislava gelesen hätten, dass die öffentlichen Wifi-Hotspots vom Taipei Representative Office gesponsert wurden. Ebenso unvergesslich war allerdings der Skifahrer in der Fußgängerzone, der sich bei strahlendem Sonnenschein in voller Wintermontur über das schlechte Vorankommen mangels Schnee auf dem Pflaster ärgerte.
Für Budapest
hatten wir leider zu wenig Zeit veranschlagt. Hier
liefen wir so viel wie kaum irgendwo anders. Neben dem
Burgberg rentierte sich auch der mühsame Aufstieg zur
Zitadelle in Buda sowie der Besuch der Zentralen
Markthalle und des Ludwig Múzeums neben dem
Nationaltheater am Donauufer im Süden Pests. Unsere
wunden Füße konnten wir nach Einbruch der Dunkelheit
beim Verspeisen einer Banane am Heldenplatz entspannen.
Eine einsame Inline-Skaterin machte vor, was man an
diesem wunderbaren Ort zu später Stunde noch
Meditatives anfangen konnte.
Am
UNESCO-Weltkulturerbe Sighişoara (Schäßburg)
wird mir vielleicht der alte evangelische Friedhof am
besten in Erinnerung bleiben, der mit seiner
attraktiven Lage am Hang und der geheimnisvollen
Naturverwachsenheit einen recht
transilvanisch-schaurig-schönen Eindruck auf uns
machte. Die "wahrscheinlich beste Stadt der Welt"
Braşov (Kronstadt) konnte durch ein
bezauberndes Stadtbild, vorbildliche Gastfreundschaft
und verführerische Nähe zum "Drakulaschloss" Bran
überzeugen. Im wahrsten Sinne des Wortes herausragend
war auch der Kapellenberg, von dem wir fast senkrecht
aus 400 Metern Höhenunterschied auf die Stadt und das
gesamte Burgenland herabschauen konnten.
Für das berühmte Donau-Delta war auf unserem
Rumänienbesuch leider keine Zeit, womit wir den
wichtigsten Teil Rumäniens offenbar verpasst hatten,
wie eine Führerin im rumänischen Parlamentspalast,
der wichtigsten touristischen Attraktion in
Bukarest, beteuerte. Ein bisschen Natur bekommt
man aber auch im Norden der rumänischen Hauptstadt zu
sehen, wenn man auf der Kiseleff-Chaussee am
Triumphbogen vorbei zum Park Herăstrău läuft. Doch
Bukarest ist im Wandel - viele Baustellen ließen den
Eindruck entstehen, dass sich ein erneuter Besuch in
zehn, vielleicht auch schon in drei Jahren durchaus
lohnen könnte.
Hatte es in Siebenbürgen bereits an Postfilialen und
Briefkästen gemangelt, so wurde dieser Missstand in
Bukarest auf die Spitze getrieben - hier schien es
nämlich für die ganze Stadt nur ein einziges Postamt
und keinen einzigen Briefkasten zu geben. Doch
seltsamerweise sollte sich das auch in Bulgarien und
der Türkei nicht bessern.
Ob in Sofia wirklich keine einzige Touristeninformation existierte oder ob wir sie nur aufgrund der uns unbekannten kyrillischen Schrift nicht finden konnten, ist bisher ungeklärt. Das besonders anziehende Ambiente in den zahlreichen Cafés und Restaurants Sofias lud zum Entspannen ein. Die vielen beschaulichen Plätze und Gebäude Sofias standen allerdings im Kontrast dazu, dass dies die einzige Stadt war, in der man gleich mehrmals versuchte, uns Falschgeld anzudrehen.
Dass unsere Reiseziele
in der Türkei gerade die drei größten Städte mit
2,8 bis 13 Millionen Einwohnern waren, stellte sich
nicht als die schlauste Wahl heraus. Natürlich konnte
Istanbul trotz der überwältigenden Masse an
Touristen, die aus gigantischen Kreuzfahrtschiffen in
zahllose Reisebusse und aus Reisebussen in die Museen,
Moscheen, Basare und Straßen strömten, in nahezu
jeder Hinsicht überzeugen. Diese Metropole am Bosporus
scheint über jeden Zweifel erhaben.
Anstatt allerdings in Ankara das
größenwahnsinnige Mausoleum Atatürks (Anıtkabir) zu
besuchen, dass die vielleicht einzige nennenswerte
Attraktion der riesigen Hauptstadt darstellt, hätten
wir besser die Landschaft Kappadokiens, die
Kalksinterterassen Pamukkales, den Strand von Çeşme
oder die antiken Ausgrabungen in Pergamon und Ephesus
besucht.
Die zuletztgenannten vier Orte hätten großartige
Ziele für Tagesausflüge von Izmir aus
abgegeben. Da uns die Zeit dafür aber nicht reichte,
sahen wir uns in Izmir die schöne Uferpromenade, die
Bergung eines dort auf Grund gelaufenes Schiffs sowie
ein paar Kilometer der Autobahn zu Fuß an. Neben den
üblichen streunenden Hunden, die uns schon in den
anderen Städten unserer Reiseroute begegnet waren,
begegneten wir in Izmir auch erstmals einem streunenden
Pferd, das sich in einem Industrieviertel über einen
am Straßenrand lagernden Müllberg hermachte.
Da wir nun schonmal in Stuttgart gelandet waren, wollten wir uns wenigstens einen kurzen Einblick in die Hauptstadt der Schwaben nicht vorenthalten. Wir erlebten, wie sich zahllose Polizeiautos vor dem Württembergischen Staatstheater einfanden, um den Besuch des türkischen Staatspräsidenten Abdullah Gül vorzubereiten und abzusichern. Vor der Touristeninformation durfte ich mir das Bedauern einer älteren Dame darüber anhören, dass Stadtpläne nicht mehr kostenlos ausgegeben werden und Stuttgart sowieso und vollends aufgrund des regen Drogenhandels den Bach heruntergehe. Sie berichtete von den schlechten Erfahrungen ihrer vergangenen Rumänienreise und den wundervollen Eindrücken aus Prag. Ich verübelte den Stuttgartern ihre 50 Cent für den Stadtplan nicht und kam weder im Kunstmuseum, noch in der Staatsgalerie, noch in der Fußgängerzone oder im Schlosspark mit Drogen in Kontakt - vielleicht ist Stuttgart ja doch noch zu retten.
Mein Interrail-Trip
durch Westeuropa war schon im August ein Jahr alt [1]. Anfang
September wurde es also langsam Zeit für eine neue
Reise. Schon im Namen des damaligen Artikels war
angelegt, wo es diesmal hingehen sollte: An die Stelle
der westeuropäischen Reiseziele sollten jetzt die
momentan noch weitaus weniger beliebten Urlaubsziele am
anderen, östlichen Ende Europas treten. Dass sich eine
solche Reise in vielen Punkten von der vergangenen
unterscheiden würde, wurde schon alleine daran
deutlich, dass ein Land wie Frankreich eine größere
Fläche einnimmt als beispielsweise Tschechien, Polen,
die Slowakei und Ungarn zusammen. Außerdem sind die
osteuropäischen Zugverbindungen nicht gerade für
besondere Verlässlichkeit und Geschwindigkeit bekannt.
Wie auch immer: Den Vergleich mit der damaligen Reise
soll der interessierte Leser selber ziehen. Ich werde
in diesem Artikel die statistischen Rahmendaten
darlegen und in einem weiteren Artikel prosaisch die
Inhalte, das heißt die eigentlichen Erlebnisse,
Eindrücke und Erfahrungen der Reise
zusammenfassen.
Ich reiste in Begleitung eines Freundes unter Verwendung eines InterRail Global Passes, der uns innerhalb eines Zeitraums von 22 Tagen an 10 von uns festgelegten Tagen die Benutzung des europäischen Zugnetzes ermöglichte (für Details zum InterRail-Pass siehe [2]). Unsere Reiseroute, die wir für uns bereits vor Antritt der Reise festgelegt hatten, verlief über Prag, Krakau, Bratislava, Budapest, Sighișoara (Schäßburg), Brașov (Kronstadt), Bukarest, Sofia, Istanbul, Ankara, Izmir und Stuttgart und beinhaltete damit 12 verschiedene Städte in 8 Ländern (Tschechien, Polen, Slowakei, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Türkei, Deutschland), in denen wir mit 7 verschiedenen Währungen (Kronen, Zloty, Euro, Forint, Leu, Lew, Lira) und 7 Sprachen (4 slawische, 1 romanische, 1 uralische, 1 altaische Sprache) zurechtkommen mussten. In Bulgarien waren sogar sämtliche Hinweis- und Straßenschilder in der uns unbekannten kyrillischer Schrift bedruckt.
Von den rund 7000 Kilometern der Reiseroute legten wir
fast 5000 Kilometer mit dem Zug zurück (knapp 2000 mit
dem Flugzeug von Izmir nach Stuttgart) und verbrachten
somit fast 90 Stunden in Zügen, knapp 75 davon in
Nachtzügen. Damit ergibt sich eine durchschnittliche
Reisegeschwindigkeit der osteuropäischen Züge von gut
50 Kilometern pro Stunde.
Züge in Rumänien und der Türkei konnten nur im
Inland selbst reserviert werden, was dazu führte, dass
im Nachtzug von Bukarest nach Sofia, der übrigens den
weiten Weg aus Moskau kam, kein Bett mehr für uns frei
war, sodass wir im Großraumwaggon schlafen mussten.
Solche Probleme gab es in der Türkei dagegen nicht, wo
wir die modernsten, größten und schnellsten Züge
unseres Trips zu sehen bekamen.
10 Nächte verbrachten wir in günstigen Hotels und Hostels und 7 Nächte in Nachtzügen, sodass wir jede Nacht mit durchschnittlich 3 anderen, fremden Personen im Zimmer verbrachten. Bei 5 der 7 Unterkünfte, namentlich bei den Hostels und Hotels in Rumänien und der Türkei, war Frühstück im Übernachtungspreis, der stets zwischen 10 und 18 Euro lag, inbegriffen.
Die Kosten für die Reise beliefen sich am Ende auf fast 900 Euro, von denen wir gut 230 Euro in Unterkünfte (inkl. Nachtzüge) und 430 Euro in Transportkosten (Bahn, Bus, Flugzeug) investierten. Der Rest verteilte sich auf Verpflegung, Eintrittsgelder, Nutzung von Nahverkehrsmitteln und ähnliche Kosten, sodass wir also neben den Fahrtkosten mit durchschnittlich gut 12 Euro pro Tag und 13 Euro pro Nacht auskamen.
Der wesentlich anspruchsvollere, prosaische, d.h. schildernde Teil dieses Reiseberichts wurde in einem weiteren Artikel veröffentlicht.
Obwohl die letzte Zeche
in Essen schon 1986 stillgelegt wurde und sich schon
davor eine Verschiebung des wirtschaftlichen
Schwerpunktes zum Dienstleistungssektor angebahnt
hatte, verbinden viele Deutsche mit der zweitgrößten
Stadt des Ruhrgebiets die traditionell verwurzelten
Schlagworte Bergbau und Stahlindustrie.
Deutschlands stärkstes Unternehmen der Stahlindustrie, ThyssenKrupp, sitzt tatsächlich nach wie vor in Essen. Aber längst fließen Essens Steuergelder vornehmlich aus ganz anderen Quellen (Unternehmenssitz Essen haben beispielsweise Aldi Nord, Backwerk, Deichmann, Karstadt oder auch Starbucks Deutschland). Es ist übrigens eine irreführende und vor allem falsche Interpretation, den Namen der Stadt auf den Begriff "Esse" aus der Metallurgie zurückzuführen. Tatsächlich schauen die fast sechshunderttausend Einwohner Essens auf eine 1200jährige Stadtgeschichte zurück, an deren Anfang ein Frauenstift stand. Der Name ist im Laufe der Zeit aus "Astnithi" hervorgegangen, wahrscheinlich der Name eines mittelalterlichen Adelsgeschlechts der Region.
Als ich gestern dank meines NRW-Tickets (Studenten
genießen Freifahrt mit dem öffentlichen Nahverkehr
Nordrhein-Westfalens) in den Genuss eines spontanen
Kurztrips nach Essen kam, konnte ich einen eigenen,
wenn auch kurzen Eindruck davon gewinnen, was die
Metropole, die sich inzwischen "Kulturhauptstadt
Europas 2010" nennen darf, wirklich auszeichnet.
Die besondere Betitelung im Namen der Kultur wird seit
den 80er-Jahren jährlich von der Europäischen Union
vergeben. Und Essen, das sich 2006 stellvertretend für
das Ruhrgebiet um diese Auszeichnung bewarb, ist zu
Recht stolz auf diesen Erfolg: Neben Essen ist in
Deutschland nur Weimar Kulturhauptstadt Europas (1999).
Außerdem erhielt West-Berlin in den 80er-Jahren das
Äquivalent "Kulturstadt Europas".
Vor meinem Kurztrip
hatte ich bereits bemerkt, dass Google Streetview für
Essen verfügbar ist. Dort sah ich mir den Stadtkern
und insbesondere den Bahnhof schonmal an. Letzterer
machte leider keinen guten Eindruck. Das Bildmaterial
von StreetView stellte sich aber als überholt heraus
(von 2009) und als ich schließlich den Essener Bahnhof
mit eigenen Augen begutachtete, bot sich mir ein
wesentlich überzeugenderes Bild. Wahrlich eine Stadt
im Wandel.
Ein vielleicht weniger bedeut- als unterhaltsames Detail ist dabei, dass die McDonald's-Filiale im Norden des Bahnhofs ihren Standort geändert hat: Sie befindet sich jetzt (im Vergleich zu StreetView) auf der anderen Straßenseite und bietet außerdem einen weit attraktiveres Erscheinungsbild, während an ihrem ursprünglichen Standort ein "MrChicken" eingezogen ist, dessen Logo (man beachte "MrCafe") eine beachtliche Ähnlichkeit mit dem Schriftzug seines Vorgängers aufweist [1] - ein Schelm, wer etwas Böses dabei denkt.
Bei meiner nur 6stündigen Erkundung Essens orientierte ich mich am "Kulturpfad", einer Fußgängerroute, die durch blau leuchtende Steine im Pflaster markiert ist und vom Folkwang-Kunstmuseum im Süden sowie vom Ende der Fußgängerzone im Norden begrenzt wird. Näheres über den Kulturpfad kann man in der Touristeninformation vor Ort erfragen. Im dort ausliegenden Flyer gibt es eine kleine Übersichtskarte.
Wie ich im Nachhinein erfuhr, rentiert sich auch ein Besuch des Essener Südens jenseits des Folkwangmuseums. Dort zeigt sich Essen mit dem Grugapark, einem der größten Parks Deutschlands, von seiner grünsten Seite (dort gibt es auch ein von Hundertwasser entworfenes Ronald-McDonald-Haus). Ich selbst bekam davon leider nichts mit, da ich meine Tour mit einem gut eineinhalbstündigen Besuch im Kunstmuseum Folkwang startete, von wo aus mich der Kulturpfad an Erlöserkirche, Folkwangbrücke, Stadtgarten, Saalbau der Philharmonie und Aalto-Oper vorbei nach Norden führte.
Während das Stadtbild südlich des Bahnhofs von modernen und großen Bürogebäuden gesäumt ist, betritt man ausgehend vom Bahnhof nach Norden fast direkt die Fußgängerzone mit zahlreichen modernen Einkaufszentren wie der Rathausgalerie. Hier gibt es auch den ein oder anderen Platz zum Verweilen: etwa neben der Münsterkirche, die eigentlich ein Dom ist.
Bevor man ganz im
Norden zur Sankt-Gertrud-Kirche und ins Nordviertel
dahinter gelangt, muss man allerdings durch einen Teil
der Fußgängerzone, der sich mit Döner-, Sex- und
Shisha-Läden nicht gerade schmückt. (Davor endet der
Kulturpfad natürlich.) Das Nordviertel selbst bekam
ich nicht zu Gesicht. Meine Tour endete an der
U-Bahn-Haltestelle Rheinischer Platz, von wo aus ich
noch einen Blick auf die gewaltige Baustelle werfen
konnte, die einmal der hochmoderne Campus der
Universität Duisburg-Essen werden soll - auch hier ist
der Wandel also noch im Gange.
Insgesamt hat sich mir Essen von einer schönen Seite
gezeigt. Der kulturelle Wandel gibt sich leicht zu
erkennen: Andere deutsche Städte sind sicherlich
schöner, doch der geschichtliche Hintergrund mit den
damit verbundenen Vorurteilen über das Ruhrgebiet
macht einen Besuch Essens sicherlich zu einer
erkenntnisreichen und lohnenden Erfahrung.
Den Kulturpfad im Speziellen halte ich für eine
gelungene Einrichtung. Eventuell wäre etwas
ausgeglicheneres Info-Material angebracht. Für 10 Euro
gibt es ein 200 Seiten starkes Büchlein zum Thema [2]. Wer
allerdings kein Geld ausgeben will und etwas kompaktere
Informationen wünscht, steht mit nichts als dem
mageren Flyer aus der Touristeninformation da.
In den vergangenen sechs Tagen
stattete ich zusammen mit Schwester und Vater meinem
Bruder, der momentan auf Long Island studiert, einen
weihnachtlichen Besuch ab. Dabei nutzten wir die
einmalige Gelegenheit, die größte Stadt der
Vereinigten Staaten zu besichtigen: New York City.
Als wir am Nachmittag des 24. Dezembers im Big Apple
angekommen waren und zum ersten Mal von unserem Hotel
"La Quinta" in Queens die Subway zur Fifth Avenue
genommen hatten, bot sich uns bereits der Anblick
menschenüberlaufener Straßen rund um Times Square und
Rockefeller Center. Der reichliche weihnachtliche
Schmuck konnte über den fehlenden Schnee
hinwegtrösten [1].
Auch ohne das hexagonale Weiß war es reichlich kühl
und am Bryant Park und im Rockefeller Center liefen
Menschenmassen mit Schlittschuhen vergnügt über das
künstliche Eis.
Am Samstag, dem ersten Weihnachtsfeiertag - vielleicht einem der wenigen Tage im Jahr, an denen man den Eindruck bekommen kann, dass New York doch irgendwann mal schläft - fuhren wir mit der Long Island Railroad gen Osten zum abgelegenen Campus der Stony Brook Universität, um meinen Bruder zu besuchen. Der geräumige Campus war jetzt zur Ferienzeit natürlich wie ausgestorben. Von den gut 23000 Studenten war nichts zu sehen. Ein kurzer Rundgang verschaffte uns aber einen Überblick über die großen, aber schlicht gehaltenen Gebäude der Universität. Natürlich konnten wir auch einen Blick in die völlig überteuerten und erbärmlich kleinen Studentenunterkünfte werfen, bevor wir mit unserem Bruder abends in das Hotel in Queens einkehrten.
Das Wetter schien beständig bis auf ein paar Wolken am Himmel und so entschieden wir uns am Sonntagmorgen für eine Überfahrt von Manhattan nach Liberty und Ellis Island. Als wir in Ellis Island anlegten, fielen dann doch die ersten Schneeflocken vom Himmel und es wurde bekannt gegeben, dass der Schiffverkehr aufgrund der Witterung ab 14 Uhr eingestellt werden sollte. Nach einem kurzen Besuch des Einwanderermuseums bedeckte den Boden bereits eine zarte Schneeschicht und wieder zurück in Manhattan flogen uns zunehmend die Schneeflocken um die Ohren. Nach einem kurzen Trip durch die Downtown mit Ground Zero, City Hall und Wallstreet, flüchteten wir uns vorerst ins Metropolitan Museum of Art, das dann aber auch bereits eine halbe Stunde zu früh die Pforten schloss. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich in den Straßen New Yorks ein ausgewachsener Schneesturm, ein "blizzard", entwickelt. Orkanartige Windböen ließen einen dichten Schneeflockenschleier zwischen den Wolkenkratzern hin- und herjagen. Mit einer Sichtweite von kaum 5 Metern bahnten wir uns den Weg zum Times Square: Hier wollten wir noch Last-Minute-Tickets für ein Broadway-Musical erstehen, verwarfen unsere Pläne dann angesichts des katastrophalen Wetters aber wieder.
Am nächsten Tag war
der Himmel wieder strahlend blau. Doch noch immer
brauste der Wind mit 60 Kilometern pro Stunde durch die
Straßen und die Folgen des Schneesturms waren
angesichts der Schneedecke von einem halben Meter und
der zahlreichen ausgefallenen Subway-Verbindungen nicht
zu übersehen.
Gerade unsere Verbindung von Queens nach Manhattan
hatte ein Totalausfall erwischt. Wir stapften also
einen guten Kilometer zur nächsten Subwaystation einer
günstigeren Linie, die dann auch tatsächlich fuhr.
Mittags kamen wir so trotz der völlig verschneiten und
noch kaum geräumten Straßen ins Museum of Modern Art
(MoMA), wo wir die vielleicht bedeutendsten Werke der
modernen und zeitgenössischen, vor allem
amerikanischen Kunst bewunderten.
Gegen Abend besuchten wir das gigantische
Einkaufszentrum "Queens Mall". Die dortigen Geschäfte
schlossen ihre Pforten allerdings aufgrund des Wetters
viel früher als gewöhnlich und so saßen wir wieder
ziemlich früh in unserem kleinen Hotelzimmer.
Bis Dienstagmorgen hatte sich New York weitgehend von der unerwarteten Schneebescherung erholt. Die meisten subway trains verkehrten wieder einigermaßen regelmäßig und die Straßen und Gehwege gingen über vor Auto- und Menschenmassen. Zwischen Gehweg und Straße türmten sich mannshohe Schneeberge, ein Durchkommen war nur an den Fußgängerüberwegen in Sicht. Und selbst dort hatten sich riesige Lachen nassgrauen Schneematsches gebildet. Die New Yorker ließen sich ihre "holidays" nicht verderben: sie waren mit Gummistiefeln für dieses Wetter bestens gerüstet, was wir Urlauber nicht von uns behaupten konnten. Die Matschlachen mussten wir also weiträumig umgehen oder nasse Füße riskieren.
Unser Rückflug am Donnerstag ging übrigens ohne Probleme pünktlich und verlief ohne Zwischenfälle. An dem Tag, da wir New York verließen, hatten die sturmartigen Winde bereits das Weite gesucht, alle Züge fuhren wieder pünktlich, die Straßen waren geräumt und der Schnee taute unter der warmen, strahlenden Sonne dahin.
Trotz und wegen des katastrophalen Blizzards war die kurze New York-Reise eine ganz einzigartige und lohnende Erfahrung. Insbesondere zu Anfang war ich bei jedem Blick auf die gelben Taxis, die gigantischen Wolkenkratzer, die silbernen Subwaytrains und die unruhigen Leuchtreklamen und Bildschirme auf dem Times Square wie in eine andere Welt versetzt - nämlich in jene, die dem durchschnittlichen Europäer viel zu gut aus den Nachrichten und vor allem aus Filmen und Büchern bekannt zu sein scheint. So hatte ich zunächst das Gefühl, ich laufe durch eine gigantische unwirkliche Filmkulisse. Spätestens durch den Schneesturm wurde ich allerdings in die Wirklichkeit zurückgerufen, auch wenn ich nicht leugnen kann, den ein oder anderen Gedanken an "The Day After Tomorrow" verschwendet zu haben.
Vom legendären
Eurotrip [1], bei dem alle
bekannten, großen und schönen Städte Europas in
einer großen Reise abgeklappert werden, träumen nicht
nur Nicht-Europäer: Es handelt sich dabei um eine
beliebte Beschäftigung für die Zeit zwischen Abitur
und Studium oder für die vorlesungsfreie Sommerzeit.
Zu Zeiten von Hochgeschwindigkeitszügen und billigen
Youth Hostels stellt man sich das auch gar nicht mehr
teuer vor: Mit einem großen Rucksack bepackt und einem
Europa-Zugticket, dem so genannten InterRail-Ticket,
ausgestattet könne selbst ein mittelloser Student auf
große Reise gehen.
Welche falschen Vorurteilen sich in dieser Vorstellung
verstecken und wie man sich so einen InterRail-Trip am
ehesten vorstellen kann, versuche ich im Folgenden zu
erläutern.
Auf der Seite der
Deutschen Bahn [2] können die
InterRail-Tarife für deutsche Bundesbürger
ziemlich übersichtlich eingesehen werden. Hier
entsteht aber schon die erste Illusion: Weil die DB auf
ihrer Webseite viel zu wenige weiterführende
Informationen anbietet, entgehen dem interessierten
InterRail-Käufer alle weiteren entstehenden Kosten und
eine ausführliche Liste der teilnehmenden
Bahngesellschaften.
Wer dazu nähere Informationen einholen möchte, schaut
am besten auf dem internationalen und offiziellen
Informationsportal [3] des "InterRail Europe
Train Pass" nach. Unter "Planning" kann man dort eine
übersichtliche Karte Europas mit den relevanten
Zugverbindungen herunterladen. Außerdem gibt es dort
Informationen, welche Züge vorab reserviert werden
müssen und welche zusätzlichen Kosten dabei
anfallen.
Im Einzelfall kann auf der Webseite der
Österreichischen Bundesbahn [4] angezeigt werden, ob
eine ganz bestimmte Zugverbindung
reservierungspflichtig ist oder nicht. Verlässliche
Informationen darüber, welche Gebühren anfallen
werden, erhält man aber fast ausschließlich am
Bahnschalter!
Zu den
Reservierungsgebühren, die für Inhaber des
InterRail-Tickets anfallen, seien einige Anmerkungen
gemacht: Reservierungspflichtige Züge gibt es in fast
jedem Land (außer z.B. der Schweiz) und Gebühren für
eine Zugfahrt können in Höhe von 4 bis 85 Euro in der
zweiten Klasse anfallen. Deutlich über 20 Euro werden
allerdings nur in Ausnahmefällen wie dem EuroStar, der
unter dem Ärmelkanal durchfährt, verlangt. Die
Benutzung von Nachtzügen fällt bisweilen noch teurer
aus: Die Preise für Nachtzüge unterscheiden sich
stark (nicht nur abhängig vom gewählten Abteil und
Komfort). Ein einfacher Sitzplatz kann für ca. 8 Euro
zu haben sein, ein Liegeplatz im 6er-Abteil kostet 25
bis 50 Euro und für 4er-Abteile und besser fallen
entsprechend Preise bis über 100 Euro an.
Im Einzelfall kann man nur sicher über die anfallenden
Kosten sein, wenn man am Bahnhof direkt nachfragt. Nur
dort können die nötigen Reservierungen schließlich
getätigt werden!
Bei alldem ist auch zu beachten, dass ein
InterRail-Ticket nie im Heimatland des Inhabers gültig
ist. Das hat den unangenehmen Nebeneffekt, dass die
erste Zugfahrt, mit der man sein Heimatland verlässt,
sowie die entsprechende Rückfahrt bezahlt werden
müssen. Die Interrailer erhalten aber auf diese
Fahrten immerhin gewisse Vergünstigungen, die am
Bahnschalter erfragt werden können.
Vielen schwebt mit dem Erwerb des InterRail-Tickets auch die große Flexibilität und Spontaneität vor, die mit einem solchen Allround-Tickets einherzugehen scheint. Wer aber nicht rechtzeitig plant und in den meisten Fällen auch verbindliche Buchungen vornimmt, wird keinen Spaß mit seinem InterRail-Ticket haben.
Die oben genannten Zugreservierungen sollten schon Tage
oder Wochen vor der Fahrt getätigt werden. Zum einen
sind Züge auf viel befahrenen Strecken tatsächlich
bisweilen Tage vorher ausgebucht. Zum anderen ist
zusätzlich das Fahrkarten-Kontingent für
InterRail-Benutzer begrenzt. Man muss außerdem leider
sagen, dass man selbst an Bahnschaltern oft falsche
Informationen über die Verfügbarkeit bestimmter
Plätze bekommt. Für mehrere Schnellzüge und zwei
Nachtzüge, die wir in Genf nicht buchen konnten - sie
waren angeblich ausgebucht -, konnten wir in Marseille
problemlos Plätze reservieren.
Bei der Reservierung von Zügen ergeben sich noch
weitere Probleme: Wer in der Schweiz ausländische
Züge buchen will, muss damit rechnen, 5 Franken (etwa
3,50 Euro) Aufschlag zu bezahlen. Einen solchen
Aufschlag verrechnete man weder in Frankreich noch in
Spanien. In Portugal wiederum war es überhaupt nicht
möglich, ausländische Züge zu reservieren. Wenn man
Portugal also mit einem bestimmten Zug verlässt, muss
man eventuelle Anschlusszüge kurzfristig am
Umsteigebahnhof buchen, wenn man das nicht schon vor
der Einreise nach Portugal erledigt hat. Ähnliche
Probleme könnten sich in anderen Ländern ergeben -
eine frühzeitige Planung und Buchung kann dem
Interrailer diese Strapazen ersparen.
Die Unterkunft
bei einem solchen EuroTrip ist übrigens nicht so
einfach gefunden, wie man sich das bisweilen
vorstellt.
Zelten ist durchaus nicht die einfachste und billigste
Variante. Auch hier fallen Zeltplatzgebühren an und
abgesehen von dem geringen Komfort, den man beim Zelten
im Allgemeinen erfährt, dürfte es mühsam sein,
ständig ein Zelt (zzgl. Isomatte und Schlafsack) mit
sich herumzutragen, das man bei häufigem Ortswechsel
abends auf- und morgens wieder abbauen und bei Regen
notgedrungen nass wieder in die Schutzhülle stopfen
muss. Zeltplätze sind gerade in großen Städten eher
ungünstig gelegen, sodass weitere Kosten für den
Transfer in die Innenstadt anfallen können.
Auch in Hostels kommt man nur günstig unter, wenn man
frühzeitig bucht. Man sollte sich wirklich ersparen,
ohne Buchung in eine bestimmte Stadt zu kommen, um dann
zu erfahren, dass gerade eine besondere Veranstaltung
einen Besucheransturm provoziert, sodass alle
günstigen Übernachtungsmöglichkeiten bereits
ausgebucht sind.
Buchungen nimmt man am besten bei großen Webseiten wie
Hostelworld [5] vor, wo man gute
Möglichkeiten hat, Preise zu vergleichen,
Verfügbarkeiten zu überblicken und Erfahrungsberichte
zu lesen.
Auch bei günstigen Hostels kann man im Sommer mit durchschnittlichen Kosten von knapp unter 20 Euro pro Nacht - zumeist ohne Frühstück - rechnen. Über den Tag kommt man wohl nicht mit weniger als 10 Euro aus, man sollte eher mit 15 Euro oder mehr rechnen. Pro Zug fallen durchschnittlich 5 Euro Reservierungsgebühren an. Die genannten Kosten können sich stark vermehren, wenn man in teuren Ländern wie der Schweiz oder Schweden unterwegs ist, viele Museen besucht, in Restaurants speist, viele Nachtzüge und internationale Fernzüge verwendet oder Taxi-, Metro-, Tram- und Busfahrten reichlich in Anspruch nimmt.
Außerdem sollte man sich keinen Illusionen hingeben,
wie viele unterschiedliche Orte man in einer bestimmten
Zeit besuchen kann. Wer beispielsweise alle großen
Hauptstädte Europas auf seinem InterRail-Trip besuchen
will, sollte extrem lange Zugfahrten und eine
Gesamtreisedauer von mindestens einem Monat einplanen,
in der man nur höchstens eine Übernachtung in jeder
Stadt erlebt.
Ein Dilemma bleibt: Wer nicht viel Zug fährt und sich
lange an einem Ort aufhält, für den rentiert sich das
InterRail-Ticket womöglich preislich nicht. Wer die
Möglichkeiten des InterRail-Tickets ausnutzen will,
muss mit langen Zugfahrten und wenig Zeit an jedem
einzelnen Ort rechnen. Auf meinem vergangenen
InterRail-Trip habe ich beispielsweise fast jeden Tag
mindestens einen Zug benutzt und kam so insgesamt auf
Zugkosten von unter 400 Euro in 15 Tagen. Ohne
InterRail-Ticket wären Kosten von mindestens 700 Euro
angefallen. Ich halte es kaum für möglich, mehr als 4
Länder in 15 Tagen zu besuchen, wenn man nicht
unvernünftig lange Zugfahrten in Kauf nimmt.
Die Gesamtkosten für die 15tägige Reise beliefen sich
auf etwa 1000 Euro und ich halte das für einen
ziemlich niedrigen Wert. Ob man sich als Student also
eben mal einen solchen Trip leisten kann, ist
fraglich.
Als Fazit bleibt
also zu sagen: Ein InterRail-Trip kann nur schwerlich
ein richtiger Eurotrip werden, schon gar nicht ein
günstiger. Hoffnung auf besondere Spontaneität sollte
man sich nicht machen, sondern im Vornherein so viel
wie möglich buchen und reservieren. Und zuletzt sollte
man nicht blind davon ausgehen, dass sich das
InterRail-Ticket in jedem Fall preislich lohnt. Für
Frühbucher gibt es nicht nur in Deutschland ziemlich
günstige Zugfahrten und daher sollte nicht nur, wer
lieber eine Hand voll Städte besichtigen will und dort
jeweils mindestens 3 Tage bleiben möchte, unbedingt
die Rentabilität des InterRail-Tickets ausführlich
prüfen.
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