Das Dilemma, dass der
Computer zwar als Medium für die Speicherung und den
Austausch von Informationen höchst beliebt ist, sich
für den Endanwender aber doch leider in der Regel im
geschriebenen (Email, Chat) oder bestenfalls im
gesprochenen (Skype, VoIP) Wort erschöpft, war schon
einmal Thema auf tovotu [1]. Twiddla bot beste
Voraussetzungen, mal eben eine Zeichnung oder Skizze
für den Gesprächspartner anzufertigen und kreative
sowie konstruktive Zusammenarbeit daran zu vollführen.
Es war aber schon damals klar, dass die Mausbedienung
einem zeichen- und malfreudigen Computerbenutzer bald
auf die Nerven gehen würde.
Für eine kurze Skizze, Zeichnung oder ein paar mathematische Symbole, die über Tastatur und Maus nur schwerlich eingegeben werden können, ist ein Stift zweifellos bei den meisten Menschen das bevorzugte Eingabegerät. Damit der Computer dann als Speicher- und Kommunikationsmedium für die mit dem Stift verfassten Ideen dienen kann, bedarf es einer geeigneten Schnittstelle. Und die bieten so genannte Grafiktabletts. Einiger Bekanntheit und Beliebtheit in allen Anwenderschichten erfreut sich in diesem Milieu der japanische Hersteller Wacom.
Mit dem Ziel, mich selbst von der Nützlichkeit und Funktionstüchtigkeit eines solchen Geräts zu überzeugen, bestellte ich kurzer Hand eines im Internet. Um meine finanziellen Mittel nicht zu überstrapazieren, investierte ich in ein Wacom Bamboo Fun Small [2].
Der wertige Eindruck von Tablett und Stift, den die Produktfotos vermitteln, geht etwas verloren, wenn man das Gerät einmal in Händen hält: In dieser doch recht niedrigen Preisklasse wird Plastik verwendet, das mindestens den Stift etwas klapprig wirken lässt. Meiner Meinung nach steht dem Material die silbergraue Aufmachung auch nicht besonders gut, die man sich besser für Geräte aus Metall hätte aufheben sollen.
Die wirklich ansprechende Verpackung gleicht diesen Eindruck aber etwas aus. Und sobald man das Wacom Bamboo Fun in Betrieb nimmt, vergisst man ganz schnell die oberflächlichen Schwächen: Unter Fedora 15 kann man direkt nach dem Anschließen kreativ werden. Das System versteht sich sofort bestens mit dem neuen Eingabegerät und neben dem weit verbreiteten GIMP zeichnen sich Programme wie MyPaint [3], Krita [4] und Xournal [5] bei der Integration der Stifteingabe aus.
So ein Grafiktablett
ist deutlich mehr als eine Maus, die zum Stift mutiert
ist. Und mit einem dieser fummeligen Touchpads, mit
denen Notebooks ausgeliefert werden, hat die
Stifteingabe auch wenig zu tun. Die etwa
postkartengroße (DIN A6), druckempfindliche
Schreibunterlage entspricht der Anzeigefläche auf dem
Bildschirm. Befindet sich der Stift in der oberen
linken Ecke des Tabletts, wird der Cursor entsprechend
im oberen linken Bereich des Bildschirms zu finden
sein.
Am deutlichsten wird der Unterschied zu herkömmlichen Eingabegeräten bei Verwendung der zahlreichen Pinsel, Stifte und digitalen Malwerkzeuge in MyPaint. Mit Wasser-, Acryl-, Ölfarben, Blei-, Filzstiften, Radierern und Schwämmen bei 1024 Druckempfindlichkeitsstufen kann man schon schnell mal vergessen, dass man "nur" ein digitales Eingabemedium aus Plastik in der Hand hält. Lediglich das Kratzen des Plastiks auf dem Tablett, wenn man etwas mehr Druck ausübt, stört den Eindruck.
Unter Linux etwas
schwer zu handhaben und meinem Empfinden nach auch ein
unnötiges Feature ist die Verwendung des
Bamboo-Tabletts als Touchpad. Es reagiert auch auf
Fingereingaben und ist immerhin so schlau, den
Handballen, der beim Halten des Stifts auf der
Eingabefläche abgelegt wird, zu ignorieren. In dem
Moment, da man den Stift zu weit vom Tablett entfernt,
ist die Gefahr ungewollter Finger- und Handeingaben
allerdings hoch. Daher hatte ich die Touch-Funktion bei
Verwendung des Bamboo Fun meistens ganz
deaktiviert.
Weil ich schnell sah, dass ich auf die Toucheingabe gut verzichten konnte, schickte ich das Bamboo Fun zurück und ersetzte es durch das deutlich billigere "Wacom Bamboo Pen only" [6]. Dieses Tablett hat die gleichen Ausmaße und Materialien wie das "Fun", besticht aber durch ein edles Schwarz und verzichtet neben der Fingereingabe auf Sondertasten sowie auf den Radierer am Stiftende. Dass das "Pen only" nur 512 Druckempfindlickeitsstufen hat, spürt man. Aber in der Praxis führen die 1024 Stufen am "Fun" hauptsächlich dazu, dass man etwa beim gründlichen Radieren mehr Druck ausüben muss, was das unangenehme Gefühl hervorruft, man könne Tablett oder Stift beschädigen.
Als ständiger Mausersatz dient so ein Tablett zwar
letztendlich nicht. Wer aber zwischen den
Kreativitätsschüben nicht immer den Stift aus der
Hand legen will, wird von individualisierter
Gestensteuerung profitieren, wie sie etwa "easystroke"
ermöglicht: [7]. Bei einer solchen
Verwendung wird auch klar, welche Vorteile die
Sondertasten am Modell "Bamboo Fun" gegenüber dem
einfachen "Pen only" bieten.
Wie man unter Windows mit einem Wacom Bamboo umgeht und
was die umfangreiche mitgelieferte Software von Wacom
unter Windows für nützliche Dienste leistet, konnte
ich leider nicht testen. Dafür existieren auch bereits
zahlreiche Erfahrungsberichte im Internet.
21.06.2011 21:54 - Tags: Produkte Meinungen Computer Multimedia Kunst Mathematik
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Mathematik alleine ist nichts
Richtiges - diese Ansicht vertreten offenbar
traditionell auch die eigentlich doch eher akademisch
ausgerichteten Universitäten. Schon länger ist es
beim Studium der Mathematik daher in allen deutschen
Universitäten Pflicht, ein Nebenfach zu belegen. Das
nimmt zwar von 180 zu erreichenden Punkten nur etwa 30
(in Bonn sind es sogar nur 24) Punkte ein. Man will
dann aber doch lieber nicht einfach "ins Blaue"
wählen.
Natürlich ist der ursprüngliche Sinn dieser Regelung,
Mathematik im Anwendungsbezug kennen zu lernen. Aus
diesem Grund bilden Informatik, Naturwissenschaften und
wirtschaftliche Fächer das Standardprogramm. Die
meisten Universitäten (auch Bonn) akzeptieren aber
inzwischen auch alle anderen Fächer aus dem
Studienangebot der Universität. Eine ungewöhnliche
Nebenfachwahl wird dabei üblicherweise mit einer
Erweiterung des Horizonts über die Mathematik und ihre
direkten Anwendungen hinaus begründet.
Während man in den meisten Universitäten sein
Nebenfach bereits mit Studienbeginn auswählt und
belegt, beschränkt man sich in Bonn in den ersten zwei
Semestern ausschließlich auf die Mathematik. Die 24 im
Nebenfach zu erreichenden Punkte teilen sich dann in
der Regel gleichmäßig auf 6 Punkte (also eine
Veranstaltung) pro Semester auf.
Als ich mich vom Bonner Servicebüro für Mathematik
über die Möglichkeiten bei der Nebenfachwahl
informieren ließ, betonte man, dass dem
obligatorischen Begründungsschreiben keine besondere
Bedeutung zukomme. Die größte Hürde, die jemand, der
sich in diesem Sinne "breit aufstellen" will, zu nehmen
hat, sei, dass man in aller Regel Gefahr läuft,
organisatorische Probleme mit der fachfremden Fakultät
und dem eigenen Stundenplan zu bekommen.
Insbesondere fühlt sich die Universität offenbar
dafür verantwortlich, dass ihre Studenten das
gewählte Nebenfach auch wirklich werden durchziehen
können. Außerdem sollen die im Nebenfach gewählten
Veranstaltungen nicht völlig wahllos
zusammengewürfelt sein, sondern ein rundes Paket
abgeben.
Einem Studenten, der statt eines regulären Nebenfachs
direkt ein zweites Hauptstudium in einem zweiten Fach
neben der Mathematik beginnt, wird daher in der Regel
keine weitere Bedingung gestellt: Seine
Studienorganisation ergibt sich dann nämlich aus dem
Curriculum des zweiten Hauptfachs - hier fühlt sich
die Universität weitgehend von der Aufsichtspflicht
befreit. Der Student kann danach üblicherweise ohne
weitere Komplikationen Module, die er im zweiten
Hauptfach belegt hat, als Nebenfach für das
Mathematikstudium anrechnen lassen.
Auf Ablehnung der fachfremden Fakultäten stößt man
bei der Nebenfachwahl übrigens meistens auch nicht. In
Romanistik beispielsweise zeigte man sich ausgesprochen
kooperativ. Das letzte Wort übergab man zwar dem
Dekanat der philosophischen Fakultät, deutete aber
bereits an, dass sich da sicher eine Regelung finden
werde. In letzter Konsequenz sei es auch nicht
unüblich, sich für das Hauptfach Romanistik
einzuschreiben und dort nur diejenigen Veranstaltungen
zu besuchen, die man möchte und braucht.
Die Abteilung für Lateinische und Griechische
Literatur, die seit Nietzsches Zeiten in Bonn leider
etwas eingeschrumpft ist, war sogar hoch erfreut über
einen interessierten Studenten. Man versicherte mir
hier, dass man alles in Bewegung setzen werde, um mir
dieses Nebenfach möglich zu machen. Unzählige
Modulkombinationen wurden durchgesprochen und zuletzt
betonte man, die Wahl der Module sei mir doch
eigentlich völlig freigestellt. Alles ließe sich
einrichten, solange sich nur die mathematische
Fakultät damit einverstanden zeige.
Insbesondere bevor ich überhaupt mit dem Mathestudium
begonnen hatte, lag mir diese Nebenfachangelegenheit
schwer auf der Brust. Im Internet fand ich viele
unterschiedliche, teilweise widersprüchliche Meinungen
darüber. Ich möchte daher mit diesem Artikel einige
Orientierung bieten und gleichzeitig darauf hinweisen,
dass es wohl immer der einfachste und befriedigendste
Weg sein wird, in der Sprechstunde der Studienberatung
einer mathematischen Fakultät über das Thema zu
reden.
Was ich momentan noch nicht bieten kann, ist die
Antwort auf die höchst interessante Frage, ob das
Nebenfach irgendeine Relevanz für die spätere
Berufswahl oder die beruflichen Chancen haben wird.
Fest steht aber, dass Mathematiker ganz allgemein in
allen nur erdenklichen Bereichen gesucht und eingesetzt
werden. Außerdem vermute ich ganz stark, dass das
Nebenfach mit seinen kaum 30 Leistungspunkten nur
schwerlich ins Gewicht fallen wird.
So ganz ohne Anschauung
kommen auch Mathematiker nicht aus: Zwar kann man
wunderschön Sätze formulieren und Beweise führen,
ohne darin auch nur einmal ein "Beispiel" oder eben
eine "Anschaunung" anzuführen, aber zum Verständnis
dieser abstrakten Sätze und Beweise behilft sich doch
am Ende jeder Mathematiker ab und an mit dem ein oder
anderen anschaulichen Beispiel.
Und das ist auch der Grund, warum Mathematiker so gerne
eine Tafel oder doch zumindest etwas zum Zeichnen zur
Hand haben, wenn sie etwas erklären. So eine Skizze,
ein Graph oder ein Diagramm ist schließlich doch
ziemlich nützlich fürs Verständnis.
Als ich aber gestern mit einem Kommilitonen über ein mathematisches Thema chattete, vermisste ich die Möglichkeit, ihm etwas vorzuzeichnen. Die sterilen Worte, auf die man beim Live-Chat meistens angewiesen ist, reichten nicht aus. Audio- und Video-Chat wären auch nicht genau das gewesen, wonach wir suchten. Wir wollten uns schließlich nicht nur gegenseitig etwas vorführen, sondern wir wollten die Möglichkeit haben, jeweils in den Skizzen des anderen herumzumalen und so die eigenen Gedanken dort einzufügen.
Zu diesem Problem befragt spuckte Google
günstigerweise sofort den passenden Wikipedia-Artikel
aus: Was wir suchten, nannte sich "Paint Chat" [1]. Und
tatsächlich stehen auf der Wikipedia-Seite einige
Beispiele für Software, die in diese Kategorie
einzuordnen ist.
Viele Angebote dieser Art gehören zu großen
Künstler-Community-Webseiten. Den Künstlern ist es so
möglich, in Echtzeit gemeinsam an digitalen
Kunstwerken zu arbeiten, auch wenn sie auf
entgegengesetzten Seiten des Globus' sitzen.
Wir wollten uns zu unserem Zweck natürlich nicht extra in einer Künstler-Community anmelden. Die beste Alternative schien da der Webdienst Twiddla zu sein [2]. Der Name dieser Webseite leitet sich vom englischen "to twiddle" (mit etwas herumspielen, an etwas herumfummeln) ab. Ursprünglich sollte die Seite wohl "twiddle" heißen. Die zugehörige Domain war aber schon vergeben, woraufhin man entschied, den letzten Buchstaben durch einen solchen Vokal zu ersetzen, dass die Domain noch frei ist. "a" war der erste Vokal, den man ausprobierte, und da "twiddla.com" noch frei war, taufte man das neue Projekt kurzer Hand "Twiddla" [3].
Ganz unproblematisch ohne Anmeldung lässt sich auf der
Startseite von Twiddla mit einem Klick auf den grünen
"Go"-Knopf eine neue Sitzung starten. Als Starter der
Sitzung erhält man einen Link, mit dem man andere
Leute zu dieser Sitzung einladen kann. Alle Teilnehmer
der Sitzung können sich Namen geben und frei die
verfügbaren Zeichen-, Mal- und Text-Werkzeuge der
Software auf den anfangs weißen Arbeitsbereich
anwenden.
Das aktuelle Ergebnis der Sitzung kann jederzeit als
Grafikdatei abgespeichert werden. Aber wenn alle
Teilnehmer die Sitzung verlassen, werden die Daten der
Sitzung nach kurzer Zeit gelöscht und es ist dann
nicht mehr möglich, die Sitzung zu einem späteren
Zeitpunkt wieder dort fortzusetzen, wo man sie beendet
hat.
Twiddla ist generell kostenlos - es bedarf nicht einmal einer Anmeldung. Die Webseite finanziert sich offenbar alleine über die Möglichkeit, Premium-Accounts zu erstellen [4]. Wer einen solchen Premium-Account besitzt, profitiert von der Möglichkeit, beendete Sitzungen zu einem späteren Zeitpunkt wieder aufzunehmen. Dazu gesellen sich weitere nützliche Features, die auf der Webseite von Twiddla eingesehen werden können.
Meine Erfahrungen Twiddla bisher waren sehr positiv. Man kann in einer Sitzung nicht nur zusammen Malen und Zeichnen, sondern sogar Dateien hochladen bzw. austauschen und gemeinsam Texte und bereits vorhandene Bilddateien bearbeiten. An einer Sitzung können bis zu 200 Leute teilnehmen, sodass sogar Vorlesungen oder Ähnliches vorstellbar wären. Außerdem macht die Benutzung dieses Paint Chats einfach riesigen Spaß. Sich unterhalten kann eine schöne Sache sein, aber wenn man dabei noch lustige oder nützliche Zeichnungen austauschen kann, wird man den Nutzen von und den Spaß an der Unterhaltung garantiert maximieren.
05.12.2010 13:56 - Tags: Mathematik Internet alltägliches Multimedia Kunst
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Bonn ist Deutschlands Hochburg
der Mathematik - gewissermaßen sogar offiziell: Die
Exzellenzinitiative des Bundes hat hier vor zwei Jahren
den einzigen Exzellenzcluster im Fachbereich Mathematik
genehmigt. Das heißt zum einen, dass das Bonner
Hausdorff Research Institute for Mathematics (HIM)
finanziell kräftig zugespielt bekommt. Aber zum
anderen bedeutet das auch, dass die besten Professoren
Deutschlands und viele namhafte Forscher aus anderen
Ländern an diesem Ort versammelt werden.
Die Stadt Bonn kam da auf die hervorragende Idee, diese geballte Expertise im Fach Mathematik mit der Bevölkerung zu teilen. (Zumal Mathematik als eines der MINT-Fächer momentan sehr um die Gunst der Öffentlichkeit buhlt.) Man richtete also vor einiger Zeit den halbjährig stattfindenden "Mathematischen Salon" im HIM ein [1]. Dabei handelt es sich um eine Abendveranstaltung in den wunderschönen Räumlichkeiten des HIM mit freiem Eintritt. Das Programm besteht jeweils aus einem wissenschaftlichen Vortrag umrahmt von zwei musikalischen Darbietungen.
Ich war vergangene Woche dort und kann von einem
aufregenden Abend berichten. In den kleinen, dafür
aber umso schickeren Räumlichkeiten waren alle
Sitzplätze belegt, als ein Herr mit weißem Bart die
Stimme für einige Begrüßungsworte erhob. Auf dem
gedruckten Programm konnte man etwas über das Thema
des Abends und die Vortragenden erfahren und das war
höchst interessant.
Bemerkenswert ist zunächst, dass es sich bei den
beiden Musikern um Profis handelte. Der Pianist, Rob
Schneiderman aus Boston, Massachusetts, [2] hatte
bis Anfang dreißig eine musikalische Laufbahn
verfolgt, bevor er sich entschloss, seine Liebe zur
Mathematik in einem Studium derselben auszudrücken. Er
trägt inzwischen einen Doktortitel in diesem Fach und
forscht momentan am hiesigen Max-Planck-Institut für
Mathematik. Zusammen mit dem Kontrabass-Spieler John
Goldsby [3], der seit 1994
Solo-Bassist in der Big Band des Westdeutschen
Rundfunks ist, spielte er groovige Improvisationen auf
unterschiedliche Stücke von Jazzgrößen des 20.
Jahrhunderts.
Nur thematisch war der musikalische Beitrag
Rahmenprogramm. Qualität und zeitlicher Umfang setzten
Musik und wissenschaftlichen Vortrag mindestens auf
eine Stufe. Den Essay mit dem Titel "Alles ohne
Erfahrung? Über Freude und Leid des Apriorismus" trug
der studierte Mathematiker, Philosoph und Altphilologe
Ulrich Nortmann vor. Er diskutierte darin den Charakter
der mathematischen Forschung insbesondere in Hinblick
auf die scheinbar völlig fehlende Empirie.
Den musikalischen und essayistischen Vorträgen folgte
der laut der Moderation "wichtigste" Teil des Abends:
die freie Diskussionsrunde. Der Moderator hatte
abschließend noch in die Runde gefragt, wer von den
versammelten Gästen denn nun als "Mathematiker" zu
bezeichnen sei, und - man glaubt es kaum - nur weniger
als die Hälfte zeigten auf.
Die freien Diskussionen fanden in den vielen niedlichen
Räumlichkeiten des HIM statt, wo überall Stehtische
platziert worden waren, an denen man zum Gespräch
kostenlos Rotwein, Wasser und Laugengebäck zu sich
nehmen durfte.
Ich hatte nur noch ein sehr interessantes Gespräch mit
einem Unternehmensberater - ehemaliger Mathematiker und
anschließend Chemiker -, verließ die Gesellschaft
aber schon früh; zu einem Zeitpunkt, da die meisten
Diskussionen noch in vollem Gange waren. Ich hatte es
nicht leicht, Anschluss zu finden: Immerhin gab es kaum
Gäste unter 35 mal abgesehen von den oft noch sehr
jungen Kindern einiger Anwesenden.
Eines ist aber gewiss: Ich werde mir den nächsten
"Mathematischen Salon" (im Mai) nicht entgehen und es
mir nicht nehmen lassen, ihn wärmstes allen zu
empfehlen, die ein bisschen Sinn für Mathematik,
Philosophie und natürlich Musik haben.
Der Slogan "Rechnen
einst und heute" ist nicht gerade ein Publikumsmagnet,
wage ich zu behaupten. Dass das Arithmeum in Bonn, das
sich diese Worte auf die Fahnen schreibt, trotz seines
hochinteressanten Äußeren nie nennenswert gut besucht
war, sooft meine Wege daran vorbei führten, kann also
leider kaum überraschen.
Trotzdem stattete ich dem Arithmeum jetzt, nach meinem
Umzug nach Bonn, einen zweiten Besuch ab. Hatte ich im
vergangenen Winter den fachlichen und historischen Wert
der Ausstellung im Kopf, so wollte ich diesmal mein
Augenmerk auf einen ganz anderen Aspekt richten, der
mir überhaupt vernachlässigt zu werden scheint.
"Das Arithmeum soll ein Gesamterlebnis vermitteln"
heißt es auf der offiziellen Webseite [1]. Liest
man hier, dass der "ästhetische Genuss von
Architektur, Ausstellungsdesign und die Vermittlung von
Kunst" eine zentrale Rolle im Konzept der Ausstellung
einnehmen, werden die angestaubten Rechenmaschinen
plötzlich zu Nebensachen in einem
gestalterisch-künstlerischen Großprojekt.
Vom künstlerischen und gesamtkompositorischen Aspekt
des Arithmeums hatte ich erst geahnt, als mein erster
Besuch damals bereits abgeschlossen war. Seitdem
rätselte ich, welche besondere Bedeutung eigentlich
der ungewöhnlich aufwändigen Gestaltung der
Ausstellungsräume mit unkonventionellen
Designer-Stühlen, geheimnisvollen Mobilées an der
Decke und originellen Gemälden an den Wänden
zukam.
Dass das Arithmeum also so wenig besucht ist,
bestätigt mir, dass ich nicht der einzige bin, dem das
Konzept, das auf der offiziellen Webseite beschrieben
wird, entgangen ist. Denn das "Gesamterlebnis", von dem
hier die Rede ist, klingt unglaublich aufregend und
würde sicherlich viel mehr Besucher anlocken, wäre es
offensichtlicher, dass das Arithmeum sich durchaus
nicht an historischen Rechenmaschinen erschöpft.
Was es mit diesem "Gesamterlebnis" genau auf sich hat
und welche ungekannt große Rolle die Kunst eigentlich
darin spielt, habe ich in einer der wöchentlich
stattfindenden Führungen erfahren dürfen. Ich kann
nur jedem halbwegs Kunstinteressierten empfehlen,
sonntags die 15-Uhr-Führung mitzumachen. Dort erfährt
man, wie sich Bauhaus, konkrete Kunst, De Stijl und
Farbflächenmalerei in Architektur, Inneneinrichtung
und den aushängenden Gemälden (Originale!)
widerspiegeln. Wer sich mehr für die ausgestellten
"Rechner" und einen Überblick über das Arithmeum
interessiert, dessen Wissensdurst wird in einer
sonntäglichen Führung um 11 Uhr gestillt.
Das Arithmeum als eben jenes "Gesamterlebnis" zwischen Kunst, Architektur, Geschichte, Mathematik, Ausstellungsdesign und Ästhetik wahrzunehmen, als das es von offizieller Stelle von Anfang an konzipiert war, ist unzweifelhaft der beachtliche Genuss einer bewundernswert individuellen, aufregenden und vor allem interessanten Einrichtung.
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