Als mir vor zwei
Jahren auf der Frankfurter Buchmesse am Messestand des
Suhrkamp-Verlages ein Buch mit dem Titel "Was ist
Kritik?" ins Auge sprang, ahnte ich, dass dieses Buch
einige interessante Antworten für mich bereithalten
würde. Ich warf damals auch einen Blick in das Vorwort
des Buches und sah dort tatsächlich viele spannende
Kontroversen um das Wesen der Kritik erfasst.
Oft spekulierte ich mit unterschiedlichen Personen
über den Inhalt dieses vielversprechenden Werkes, kam
aber nie dazu, es zu kaufen, bis mich eines Tages eine
besonders aufmerksame Person liebenswürdiger Weise
damit überraschte.
Trotz des Mathematikstudiums, dass mich zum damaligen
Zeitpunkt gehörig einnahm, machte ich mich ziemlich
rasch über den ersten Aufsatz her - es handelt sich
nämlich bei "Was ist Kritik?" um eine Sammlung von
Aufsätzen zum titelgebenden Thema herausgegeben von
Rahel Jaeggi und Tilo Wesche [1].
Aber schon der erste Aufsatz nach dem wirklich
ansprechenden Vorwort rühmte sich einer überaus
schwer verständlichen Ausdrucksweise. Der
gewöhnungsbedürftige Fachjargon von Soziologen und
Sozialphilosophen schlug mir entgegen und zog sich so
durch den ersten Abschnitt des Buches, bestehend aus
drei Aufsätzen über "Kritik als Praxis".
Fast etwas enttäuscht gelangte ich dann aber dennoch vor zwei Wochen unter einigen Mühen zum zweiten Abschnitt über die normativen Grundlagen der Kritik. Im Gegensatz zum ersten vermochte dieses Kapitel mich sofort in seinen Bann zu ziehen. Die Ausdrucksweise in den vier Aufsätzen zeugte von der mir so sympathischen Exaktheit und Strukturiertheit neuzeitlicher Philosophen. Die Aufsätze begeisterten mich so sehr, dass ich mich dazu entschloss, einen Artikel darüber zu verfassen, noch bevor ich den letzten Abschnitt über die Konstellation der Kritik gelesen haben würde.
Der besagte zweite Abschnitt beginnt mit dem noch arg anspruchsvollen, dafür aber angenehm präzisen Aufsatz der irischen Professorin Maeve Cooke über die Rationalität der Gesellschaftskritik, in dem sie die Begriffe "Rationalität" und "Gesellschaftskritik" definiert und in unterschiedlichen historischen Kontexten untersucht. Dazu betont sie zunächst den herausragenden Stellenwert von Utopien und Mythen in der Gesellschaftskritik. Dadurch dass sie die Zustände darstellen, von denen Menschen träumen - zu denen sie sich hingezogen fühlen, haben Mythen und Utopien ein besonderes Potential, sich schließlich durchzusetzen. Indem sie außerdem der freien Fantasie entspringen, stellen sie bemerkenswert fruchtbare Quellen der Inspiration dar. Das eigentliche Anliegen des Aufsatzes ist es, davon ausgehend die Notwendigkeit von Rationalität herauszuarbeiten und zu präzisieren, was Rationalität in der Gesellschaftskritik leisten muss.
Mit "Kritik, und wie es besser wäre" liefert Rüdiger
Bittner von der Universität Bielefeld anschließend
gewissermaßen den grundlegendsten Aufsatz des Buches.
In spannenden Beispielen und verständlicher Sprache
erarbeitet er Antworten auf drei Fragen: Der Frage "Was
ist Kritik?" versucht er zunächst mit einer
linguistisch-etymologischen Methode beizukommen, die
äußerst interessante Antworten bereithält.
Konkreter wird es dann bei der Frage "Was ist kritisch
an der kritischen Theorie?", wobei man wissen muss,
dass mit "kritischer Theorie" die auf der
Gesellschaftskritik von Hegel, Marx und Freud fußende
Frankfurter Schule gemeint ist. Im wesentlichen
beschäftigt sich Bittner hier mit Aufsätzen von
Theodor W. Adorno und Max Horkheimer. Dabei erfuhr ich
viel über deren Anschauungen, unter anderem über die
Spiritualität in Adornos Gesellschaftskritik.
Die letzte Frage lautet "Muss ein Kritiker auch sagen
können, durch welche Eigenschaften der betreffende
Gegenstand seiner Kritik entginge?". Sie scheint
wesentlich dadurch motiviert zu sein, dass speziell
Adorno sogar ausdrücklich verbietet, die "wahre
Erkenntnis der Welt" zu beschreiben, sofern sie jemand
erlangen sollte. Die eher diplomatische Antwort
Bittners auf diese Frage lautet schließlich, dass es
vom Verständnis des Begriffs "Kritik" abhängt, ob die
Nennung der jeweils besseren Eigenschaften notwendig
ist.
Rainer Forst, Professor der Philosophie an der Goethe-Universität Frankfurt, ist Verfasser des dritten Aufsatzes: "Der Grund der Kritik. Zum Begriff der Menschenwürde in sozialen Rechtfertigungsordnungen". Hier referiert Forst über die Legitimation des Begriffs der Menschenwürde. Er stellt nämlich richtiggehend fest, dass Menschenwürde eine wesentliche Bewertungskonstante in der Gesellschaftskritik darstellt und daher immer wieder neu einer legitimierenden Überprüfung ausgesetzt werden sollte. Dabei verwendet Forst die in den letzten Jahrzehnten etablierte Argumentation auf der Grundlage der Anschauung des Menschen als rechtfertigendes und begründendes Wesen: Wo eine moralische Handlung vollzogen wird, hat der Handelnde die Pflicht, sein Handeln zu rechtfertigen, und die Personen, an der moralisch gehandelt wird, hat umgekehrt ein Recht auf eine Rechtfertigung dieser Handlung. Aus dieser Grundüberlegung leitet Rainer Forst den üblichen Begriff der Menschenwürde überzeugend her.
Im letzten Aufsatz beschäftigt sich Raymond Geuss, Professor der englischen Universität Cambridge, mit "bürgerlicher Philosophie". Es geht also um Philosophie (und Gesellschaftskritik), die den momentanen Staat bzw. die momentane Gesellschaftsform als gegeben hinnimmt und in diesem Ermessensspielraum eine Kritik zu entwickeln sucht. Sie steht im Gegensatz zur so genannten "radikalen Kritik", die ebenso das System (des Staates, der Gesellschaft) an sich in Frage stellt.
Wie gesagt habe ich den letzten Abschnitt, der immerhin
fast die Hälfte des Buches bzw. acht Aufsätze
umfasst, noch nicht gelesen. Der Titel lässt vermuten,
dass es um die Frage geht, ob Kritik nur aus der
kritisierten Gesellschaft heraus geäußert werden kann
oder ob man sogar umgekehrt fordern muss, dass der
Kritiker einen von der Gesellschaft unabhängigen
Standpunkt einnimmt.
Mein Eindruck ist aber bereits jetzt, dass das Buch
eine bereichernde Lektüre darstellt, wenn man sich die
Zeit nimmt, den manchmal etwas anstrengenden Fachjargon
zu entschlüsseln. Im Zweifel kann man den ersten
Abschnitt überspringen, wenn man sich mit der dortigen
Ausdrucksweise überfordert sieht, da die einzelnen
Aufsätze nicht in direktem Zusammenhang stehen.
Die Nachfrage nach
einer einzelnen Weltsprache, auf die sich alle Menschen
verstehen, kann aus völlig unterschiedlicher
Motivation heraus entstehen. Schon die biblische
Erzählung vom Turmbau zu Babel verdeutlicht, wie eine
gemeinsame Sprache einen praktischen Nutzen haben, aber
auch den menschlichen Zusammenhalt fördern kann.
Konkretere Überlegungen, wie so eine Sprache aussehen
könnte, führen unweigerlich zu weiteren Fragen ganz
anderer Art: Aus praktischen Gründen würde man eine
bereits existierende Sprache vorschlagen, stößt dann
aber auf die sozialen, politischen und kulturellen
Probleme, die daraus entstehen, dass jede existierende
Sprache eine gesamte Kultur oder sogar ein Land
repräsentiert. Erfindet man eine Sprache komplett neu
(Plansprache, siehe etwa Esperanto [1]), stößt man
mindestens auf jene Kontroversen, die schon bei so
einfachen Themen wie einem einheitlichen
Handyladegerät [2] entstehen.
Einige dieser Probleme werden recht überzeugend und
zunächst auch wohl durchdacht in "Globish - Die neue
Weltsprache?" [3] angegangen. Die Autoren
Jean-Paul Nerrière und David Hon sind selbst keine
Linguisten. Bestenfalls David Hon, der einen Magister
in Englisch hat, kann akademische Bildung in diesem
Fachbereich vorweisen.
Die Herangehensweise an die Frage der Weltsprache ist
dementsprechend auch weniger akademisch als vielmehr
pragmatisch und bodenständig. Zunächst wird die
unzweifelhafte Tatsache in den Raum gestellt, Englisch
habe sich als weltweite Verkehrssprache längst
etabliert. Sie von diesem Platze zu verdrängen sei
kaum denkbar.
Englisch ist also der Ausgangspunkt des Buches.
Wesentlich am weiteren Verlauf des Diskurses ist aber
die Tatsache, dass diese Grundlage nicht gerade
günstig ist. Diese Erkenntnis zieht sich durch die
gesamten 200 Seiten und ist Anlass, nicht Englisch
Weltsprache sein und werden zu lassen, sondern das
Konzept "Globish" in den Raum zu werfen, das
gleichzeitig die Entfremdung der englischen Sprache von
ihren kulturellen Wurzeln verhindern und den
Lernprozess verkürzen und übersichtlicher gestalten
soll.
Im Zentrum von "Globish" steht das Bestreben, den
längst etablierten Kern der englischen Sprache, der
tatsächlich in der internationalen Kommunikation
verwendet wird und sinnvollerweise verwendet werden
sollte, zu entwurzeln und durch die Taufe auf einen
neuen Namen zu emanzipieren.
Zwischen diesem etablierten Kern und dem kulturell und
historisch verwurzelten Englisch bestehe nämlich
bereits heute eine beidseitige Inkompatibilität und
Ablehnung. Einerseits könne das "richtige Englisch"
die internationale Kommunikation sogar erschweren: Die
Kommunikation zwischen Fremdsprachlern auf Englisch
funktioniere erfahrungsgemäß besser als zwischen
einem Fremdsprachler und einem Muttersprachler. Dem
verwendeten Vokabular und der Sprechgeschwindigkeit,
aber auch dem Akzent bzw. Dialekt wird hier eine
entscheidende Rolle beigemessen. Umgekehrt sehe ein
Liebhaber der englischen Sprache in der
"Verkehrssprache Englisch" eine Bedrohung: "Globish
kann auch die englische Sprache davor schützen, von
anderen Kulturen zerbrochen zu werden" (Seite 64).
Solange außerdem Englisch den Posten der
Verkehrssprache für sich beansprucht, werde sich
politische sowie kulturelle Abneigung nicht verhindern
lassen. In Ländern, in denen etwa die amerikanische
Kultur kein gutes Ansehen hat, sei Englisch seltener
die bevorzugte Verkehrssprache.
Das Erlernen einer Fremdsprache beinhaltet traditionell auch immer eine Auseinandersetzung mit der damit verbundenen Kultur. Für eine Verkehrssprache, die idealerweise auch schnell zu erlernen sein soll, wäre dieser kulturelle Hintergrund eher ein Balast. Globish ist letztendlich also die Idee, ein Stück aus der englischen Sprache zu isolieren, ihm den Namen "Globish" zu verpassen und dann zu sagen: "Wenn man diese Dinge gelernt hat, ist man fertig" (Seite 49). Dabei werden hinderliche Details, wie die Unterschiede zwischen der britischen und der amerikanischen Aussprache, Schreibweise oder Grammatik vernachlässigt. "Und auch sonst sollte sich niemand darum kümmern", heißt es dazu etwas zu radikal für meinen Geschmack auf Seite 61.
Angesichts der Tatsache, dass das Buch im
Sprachenverlag Langenscheidt erschienen ist, fehlt ihm
an vielen Stellen die fachlich-linguistische Grundlage.
Für einen durchschnittlichen Leser ist das allerdings
sehr angenehm und man bekommt das Gefühl, die
Vorsätze dieses neuen Konzepts seien weniger utopisch
und ideell. Tatsächlich trügt dieser Eindruck aber:
Letztendlich dreht sich das Buch nur um die Etablierung
eines neuen Begriffs für etwas, das längst im Kommen
ist, indem man es schärfer abgegrenzt als bisher.
Zugegebenermaßen versucht man auch, Forderungen für
die Praxis aufzustellen. Da ist zum Einen die Forderung
nach kompakteren Sprachkursen, deren Umfang und Nutzen
von Anfang an klar definiert ist: In 120 Lerntagen soll
man Globish, das auf 1500 Vokabeln eingegrenzt wird,
erlernen können. Während die Theorie hier eiskalt
vorrechnet, wie viele Vokabeln und Grammatikregeln man
bei dieser Zielsetzung pro Tag zu lernen hat, vergisst
man, dass am Ende doch die Sprachpraxis den
entscheidenden Lernfaktor darstellt. Die Einschränkung
auf ein fixes Vokabular ist viel zu formal und von
Anfang an zum Scheitern verurteilt. Außerdem ist die
Idee von Sprachkursen, die sich auf das wesentliche
beschränken, längst allerorts in die Tat umgesetzt
worden.
Andererseits will man englische Muttersprachler dazu
auffordern, sich in der internationalen Kommunikation
auf Globish zu beschränken und diese "neue Sprache"
als in sich abgeschlossenes Mittel der Kommunikation zu
akzeptieren. Es ist tatsächlich offenbar notwendig,
dass sich Muttersprachler in der internationalen
Kommunikation gewissermaßen umstellen müssen, damit
sie von Fremdsprachlern besser verstanden werden.
Solche Tendenzen sind aber bereits erkennbar und es
spricht Einiges dafür, dass sich der diesbezügliche
Wandlungsprozess auch ohne eine solche konkrete
Forderung schließlich vollziehen wird.
Ich halte "Globish - Die neue Weltsprache?" für eine interessante Lektüre. Sie beleuchtet viele Probleme der Entwicklung des Englischen zur internationalen Verkehrssprache neu und behandelt diese Entwicklung auch kritisch. Leider zeigt das Buch hier aber keinen nennenswerten Tiefgang, was zum einen darin begründet ist, dass die beiden Autoren nicht vom Fach sind, zum anderen, dass sie ein breites Publikum ansprechen möchten. Obwohl der letztere Aspekt eine entscheidende Rolle bei der Konzeption dieses Buches gespielt haben mag, ist der titelgebende Lösungsvorschlag "Globish" für das Weltsprachenproblem meiner Meinung nach ein Schuss in den Ofen. Was er suggeriert und anstrebt, wird sich auch ohne den bloßen Begriff und die damit verbundene Ideologie durchsetzen. Das zeichnet sich längst ab. Unter Sprachpuristen, die sich eine Abgrenzung des richtigen Englisch von der vereinfachten Verkehrssprache wünschen, wird sich der Begriff vielleicht durchsetzen und seinen psychologischen Nutzen beweisen. Aber die reformatorische Kraft, die sich Nerrière und Hon davon versprechen, traue ich "Globish" nicht zu.
An dieser Stelle noch ein Dank an Langenscheidt [4], die mir ein Exemplar des Buches zur Verfügung gestellt haben.
28.07.2011 00:17 - Tags: Literatur Sprachen Gesellschaft Meinungen Wissen
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Wie das unter
arbeitslosen Abiturienten ist, hatte mich Mittwoch
Abend gegen 23 Uhr die Müdigkeit noch nicht eingeholt.
Ich wollte wenigstens noch einige Seiten in einem Buch
lesen. Da keines zur Hand war, dass noch darauf
wartete, zu Ende gelesen zu werden, griff ich zum
dünnsten Buch unter den Büchern, die ich mir seit
längerem zu lesen vorgenommen hatte: "Der Untergeher".
Ein Roman des österreichischen Schriftstellers Thomas
Bernhard aus dem Jahre 1983 [1].
Es handelte sich um die SZ-Bibliothek-Ausgabe: In grünem Schutzumschlag machte das dünne Büchlein einen recht sympathischen Eindruck. Ich wusste schon, es würde sich auf den 157 Seiten um Klaviervirtuosen drehen, namentlich auch um den weltberühmten Glenn Gould. Das Thema war mir gerade recht, befand ich mich doch selbst gerade in der Krise, in 10 Tagen ein Chopin vorspielen zu müssen, ohne im Geringsten mit meiner stümperhaften Spieltechnik zufrieden sein zu können.
Der Roman war mir auf Empfehlung meines Vaters in die Hände geraten. Seine Anmerkungen dazu im Vorfeld gaben mir schon einen Vorgeschmack auf Thomas Bernhard, einen der bedeutendsten deutschsprachigen Autoren der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts: Charakteristisch sei wohl, er habe sein Vaterland Österreich nicht gerade geschont. Doch nicht nur Österreich sei Zielscheibe der oft kränklich anmutenden und stets pessimistischen Kritik.
Ich brauchte zwanzig Seiten, um mich an den Stil zu gewöhnen. Danach riss er mich fort. Es wurde Mitternacht, es wurde ein Uhr, da entschied ich mich aus Vernunft, bei der nächsten Möglichkeit die Lektüre zu unterbrechen, um sie frühestens am nächsten Morgen fortzusetzen. Eine Möglichkeit ergab sich nicht, den Schlaf brauchte ich aber trotzdem und schloss mitten im Lesen das Buch. Die übrigen 60 Seiten schlossen sich am nächsten Morgen fast nahtlos an - geschafft.
Bernhards "Untergeher" ist mehr eine Rhapsodie als ein
literarisches Werk: ab der zweiten Seite nur noch 156
Seiten Blocksatz - ein einziger langer Paragraph ohne
Absätze geschweige denn Kapiteleinteilungen. Der
Schreibstil ist dabei dermaßen einheitlich, dass eine
Pause beim Lesen kaum möglich ist. Der Roman liest
sich wie ein einziger langer Satz, wie ein einziges
Wort.
Ein Ich-Erzähler erinnert sich daran, was ihm durch
den Kopf ging, als er nach dem Selbstmord eines
Freundes dessen Heimat aufgesucht hatte, um dessen
Nachlass zu sichten. Diese erinnerten Gedanken nehmen
fast alles ein, die Rahmenhandlung hat am Anfang fast
nur den Sinn, den Gedankenfluss an den unpassendsten
Stellen zu unterbrechen. Sie bringt den Leser aus dem
Konzept, zwingt ihn, das eben Gelesene nochmal Revue
passieren zu lassen, reizt dabei aber seine Neugierde,
sodass er sich mit noch mehr Entschlossenheit aufs
Weiterlesen verpflanzen wird.
So perfekt der Leser mit den ersten Sätzen in den Roman hineingezogen wird, so gnadenlos wird er am Ende im Regen stehen gelassen. 157 Seiten Reflexionen sind zwar nicht wenig, aber man hat am Ende eher das Gefühl, dass sich hier ungleich mehr Fragen gestellt als Antworten gefunden haben. Das ist bei einem literarischen Werk natürlich eine Stärke, denn was ist wertvoller, als wenn der Autor es schafft, dem Leser Rätsel aufzugeben - fertige Antworten sind ja im Grunde meistens entweder unbefriedigend oder nicht hinreichend individuell.
Der Leser wird von Bernhard also nicht geschont. Noch viel weniger erhalten aber alle Institutionen, Objekte und Menschen auf diesem Planeten Schonung - am allerwenigsten das Vaterland des Autors: Österreich. Hier bleibt kein Auge trocken. Das einzige Subjekt, dass im Verlaufe des Buches nicht in Grund und Boden kritisiert wird, ist Glenn Gould. Der hat alles richtig gemacht - ein Genie. Er lebte das perfekte Leben und starb den perfekten Tod - immer zur rechten Zeit am rechten Ort. Keine Verfehlungen, keine Makel.
Und genau das macht dieses Buch so spannend. Der
"Untergeher" ist nämlich eigentlich die Bezeichnung
für einen anderen Pianisten im Buch, bei dem einfach
alles schief gegangen ist. Eine gebrochene
Persönlichkeit, deren Ehrgeiz immer von Ängstlichkeit
gehemmt war und deswegen immer ins Leere ging.
Der frappierende Kontrast zwischen dem gescheiterten
Leben dieses "Untergehers" und Glenn Goulds Leben
stellt die Frage nach dem Sinn des Perfektionsstrebens
der Menschen. Und in ihrer verallgemeinerten Form geht
uns diese Frage alle an. Deswegen ist dieses Buch
einfach für jeden unglaublich spannend.
Weiter werde ich gar nicht auf Inhalt oder Textverständnis eingehen. Ich wollte nur ein bisschen Werbung für dieses hochinteressante Buch machen. Ich denke, jeder kann die Zeit und Konzentration für ein 157 Seiten dünnes Buch aufbringen. Und Bernhards "Untergeher" sollte man sich auch wirklich nicht entgehen lassen!
Wie man aus einigen Artikeln auf dieser Seite bereits herauslesen konnte, habe ich mich vor fast zwei Jahren beim Übergang in die Qualifikationsphase zum Abitur für einen Latein-Leistungskurs entschieden. Nun stehe ich kurz vor den Abitur-Prüfungen und es gilt, die behandelten Inhalte wieder ins Gedächtnis zu rufen: Der inhaltliche Teil der Latein-Klausur fließt zwar nur zu einem Drittel in die Note ein. Aber man will ja auch diese 5 möglichen KMK-Punkte nicht unnötig verschenken.
Die im Latein-LK behandelten Themen sind ähnlich übersichtlich wie die Themen des Mathe-LKs. In Mathe lässt sich der Umfang auf die Begriffe Stochastik, lineare Algebra und Analysis zusammenfassen. In Latein sind es Rhetorik (Cicero), Lyrik (Vergil) und Philosophie (Seneca).
Nicht zuletzt aufgrund der Übersetzungsschwierigkeiten
wird der Lyrikvorschlag - sollte es einen geben - nur
ungern gewählt. 180 Wörter Lyrik zu übersetzen ist
eben doch nicht ganz dasselbe wie 180 Wörter Seneca.
Nachdem ich nun aber im Zuge der Abitur-Vorbereitung
das Buch "Vergils Aeneis. Epos zwischen Geschichte und
Gegenwart" von Werner Suerbaum [1] gelesen habe, bin
ich mir gar nicht mehr so sicher, ob ich den
Lyrik-Vorschlag wirklich von Anfang an ausschließen
will.
Zwar behauptet ein
Rezensent bei Amazon.de, Suerbaums Kommentar sei
fachlich unbezahlbar, "[f]ür Schüler als Hilfe
allerdings wohl eher zu kompliziert". Diese
Einschränkung kann ich aber nicht bestätigen. Bei der
Lektüre des Kommentars ist im Gegenteil immer wieder
die Bemühung des Autors deutlich geworden, den
schweren antiken Stoff dem modernen und ungelehrten
Leser näherzubringen. Und seine Bemühungen lohnen
sich: Die Grundkonzeption, das Werk nicht von Seiten
des komponierenden Autors zu verstehen, sondern sich in
die Lage des entschlüsselnden Lesers zu versetzen,
zahlt sich aus.
Aus fachlicher Sicht ist dieser Ansatz sogar sehr fortschrittlich, wenn man bedenkt, dass man über Vergil kaum gesichertes biografisches Wissen hat. Viel nützlicher wirkt sich diese Konzeption aber natürlich auf die Lesbarkeit des Kommentars aus. Er ist nicht nur ohne Studium der Altphilologie verständlich, sondern insbesondere auch höchst interessant und unterhaltsam geschrieben.
Auf dem Umweg über Suerbaums Aeneis-Kommentar bin ich dem Werk jedenfalls so viel näher gekommen, dass ich eine Auseinandersetzung damit im Rahmen meiner Abi-Klausur nicht mehr ausschließen, sondern im Gegenteil sogar für interessanter und vielversprechender halten würde als die trockene Rhetorik Ciceros und die allzu hoch stilisierte Philosophie Senecas. (Ich persönlich finde Ciceros Auffassung von Philosophie vielleicht sogar sympathischer als seine Rede-Theorie - auf jeden Fall aber interessanter als Senecas Philosophie.)
[1] amazon.de/gp/product/315...54&creativeASIN=3150176182
Am vergangenen
Mittwoch, 3. Februar, wurde auf ARD eine
TV-Filmkomödie mit dem Titel "Die Spätzünder" [1]
ausgestrahlt. Es geht darin um den Gitarrenspieler
Rocco, Anfang 40, der seinen Lebensunterhalt als
Pflegekraft in einem kleinen privaten Wohnheim für
alte Damen und Herren verdient. Als er eines Tages aus
seiner Band geworfen wird, greift er den Vorschlag
einer Freundin auf, mit den Bewohnern des Pflegeheims
eine neue Band zu gründen. Leider findet die
unsympathische Heimleiterin die Idee überhaupt nicht
gut und feuert ihn sofort. Die alten Leute vermissen
Rocco und richten sich deshalb in einem benachbarten
Schuppen ein, in dem sie nachts heimlich mit ihm proben
können. Ihr Ziel ist ein großer nationaler
Bandcontest. Beim Dreh des Bewerbungsvideos werden sie
von der Heimleitung erwischt und die zeigt Rocco
diesmal sogar bei der Polizei an. Das Video gerät auf
Umwege tatsächlich ins Internet und die Band wird
berühmt. Den Bandwettbewerb gewinnen "Rocco und die
Herzschrittmacher" natürlich auch und am Ende ist
alles Friede, Freude, Eierkuchen, als die Rentner mit
ihrem hippen Gitarristen im Tourbus von dannen
fahren.
Der erste Gedanke, der mir angesichts dieser Handlung kam, war: Da hat Rocco aber ziemlich Glück mit seinen alten Freunden gehabt. Nach meinem Pflegepraktikum in einem Fuldaer Altenwohnheim hatte ich einen ganz anderen Eindruck von der Atmosphäre in einer solchen Wohnstätte. Aufständisch oder derart aktiv waren da nur wenige und einen "Drachen" wie die Heimleitung im Film bekam ich auch nicht zu Gesicht.
Die Konstellation von dieser "Altenheimromantik", unterdrückt von einer gnadenlosen Heimleitung scheint schon älter zu sein. Ich kam zum Beispiel bei der Lektüre von "Cloud Atlas" [2] mit ihr in Berührung. Dort war die Thematik aber weitaus ironischer behandelt worden und schien daher gewollt unrealistisch zu sein.
Ebenso humorvoll wurde das Thema Altenheim schon mehrfach in den Simpsons behandelt. Insbesondere in der Folge vom 31. Januar (Erstausstrahlung USA) aus der 21. Staffel gelingt es Lisa, die Stimmung in Grampas Wohnheim durch den Kauf einer "Funtendo Zii" zu heben. Die Heimleitung beseitigt das Gerät aber schon bald wieder, als sie merkt, dass die alten Leute plötzlich vor Lebensenergie sprühen und daher viel schwieriger unter Kontrolle zu halten sind.
Im ARD-Programm wirkt der Film, als habe man versucht, das große Rentnerpublikum mit den jüngeren Zuschauern auf einen Nenner zu bringen. Entstanden ist dabei ein sehr verklärter, kitschiger, aber doch eigentlich unterhaltsamer TV-Film - das muss man den "Spätzündern" einräumen. Allerdings kann das Filmchen in der Umsetzung dieser schon viel verwendeten Idee bei weitem nicht mit anderen Ansätzen (wie denen in Cloud Atlas und in den Simpsons) Schritt halten.
[1] imdb.de/title/tt1450151
[2] tovotu.de/archiv/420-Tol...pt-mit-kritikwrdigem-Thema
[3] en.wikipedia.org/wiki/Million_Dollar_Maybe
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