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Schlagwort "Gesellschaft"

Globish: Eine nette Idee - nicht mehr, nicht weniger

Die Nachfrage nach einer einzelnen Weltsprache, auf die sich alle Menschen verstehen, kann aus völlig unterschiedlicher Motivation heraus entstehen. Schon die biblische Erzählung vom Turmbau zu Babel verdeutlicht, wie eine gemeinsame Sprache einen praktischen Nutzen haben, aber auch den menschlichen Zusammenhalt fördern kann. Konkretere Überlegungen, wie so eine Sprache aussehen könnte, führen unweigerlich zu weiteren Fragen ganz anderer Art: Aus praktischen Gründen würde man eine bereits existierende Sprache vorschlagen, stößt dann aber auf die sozialen, politischen und kulturellen Probleme, die daraus entstehen, dass jede existierende Sprache eine gesamte Kultur oder sogar ein Land repräsentiert. Erfindet man eine Sprache komplett neu (Plansprache, siehe etwa Esperanto [1]), stößt man mindestens auf jene Kontroversen, die schon bei so einfachen Themen wie einem einheitlichen Handyladegerät [2] entstehen.

Einige dieser Probleme werden recht überzeugend und zunächst auch wohl durchdacht in "Globish - Die neue Weltsprache?" [3] angegangen. Die Autoren Jean-Paul Nerrière und David Hon sind selbst keine Linguisten. Bestenfalls David Hon, der einen Magister in Englisch hat, kann akademische Bildung in diesem Fachbereich vorweisen.
Die Herangehensweise an die Frage der Weltsprache ist dementsprechend auch weniger akademisch als vielmehr pragmatisch und bodenständig. Zunächst wird die unzweifelhafte Tatsache in den Raum gestellt, Englisch habe sich als weltweite Verkehrssprache längst etabliert. Sie von diesem Platze zu verdrängen sei kaum denkbar.

Englisch ist also der Ausgangspunkt des Buches. Wesentlich am weiteren Verlauf des Diskurses ist aber die Tatsache, dass diese Grundlage nicht gerade günstig ist. Diese Erkenntnis zieht sich durch die gesamten 200 Seiten und ist Anlass, nicht Englisch Weltsprache sein und werden zu lassen, sondern das Konzept "Globish" in den Raum zu werfen, das gleichzeitig die Entfremdung der englischen Sprache von ihren kulturellen Wurzeln verhindern und den Lernprozess verkürzen und übersichtlicher gestalten soll.
Im Zentrum von "Globish" steht das Bestreben, den längst etablierten Kern der englischen Sprache, der tatsächlich in der internationalen Kommunikation verwendet wird und sinnvollerweise verwendet werden sollte, zu entwurzeln und durch die Taufe auf einen neuen Namen zu emanzipieren.

Zwischen diesem etablierten Kern und dem kulturell und historisch verwurzelten Englisch bestehe nämlich bereits heute eine beidseitige Inkompatibilität und Ablehnung. Einerseits könne das "richtige Englisch" die internationale Kommunikation sogar erschweren: Die Kommunikation zwischen Fremdsprachlern auf Englisch funktioniere erfahrungsgemäß besser als zwischen einem Fremdsprachler und einem Muttersprachler. Dem verwendeten Vokabular und der Sprechgeschwindigkeit, aber auch dem Akzent bzw. Dialekt wird hier eine entscheidende Rolle beigemessen. Umgekehrt sehe ein Liebhaber der englischen Sprache in der "Verkehrssprache Englisch" eine Bedrohung: "Globish kann auch die englische Sprache davor schützen, von anderen Kulturen zerbrochen zu werden" (Seite 64).
Solange außerdem Englisch den Posten der Verkehrssprache für sich beansprucht, werde sich politische sowie kulturelle Abneigung nicht verhindern lassen. In Ländern, in denen etwa die amerikanische Kultur kein gutes Ansehen hat, sei Englisch seltener die bevorzugte Verkehrssprache.

Das Erlernen einer Fremdsprache beinhaltet traditionell auch immer eine Auseinandersetzung mit der damit verbundenen Kultur. Für eine Verkehrssprache, die idealerweise auch schnell zu erlernen sein soll, wäre dieser kulturelle Hintergrund eher ein Balast. Globish ist letztendlich also die Idee, ein Stück aus der englischen Sprache zu isolieren, ihm den Namen "Globish" zu verpassen und dann zu sagen: "Wenn man diese Dinge gelernt hat, ist man fertig" (Seite 49). Dabei werden hinderliche Details, wie die Unterschiede zwischen der britischen und der amerikanischen Aussprache, Schreibweise oder Grammatik vernachlässigt. "Und auch sonst sollte sich niemand darum kümmern", heißt es dazu etwas zu radikal für meinen Geschmack auf Seite 61.

Angesichts der Tatsache, dass das Buch im Sprachenverlag Langenscheidt erschienen ist, fehlt ihm an vielen Stellen die fachlich-linguistische Grundlage. Für einen durchschnittlichen Leser ist das allerdings sehr angenehm und man bekommt das Gefühl, die Vorsätze dieses neuen Konzepts seien weniger utopisch und ideell. Tatsächlich trügt dieser Eindruck aber: Letztendlich dreht sich das Buch nur um die Etablierung eines neuen Begriffs für etwas, das längst im Kommen ist, indem man es schärfer abgegrenzt als bisher.
Zugegebenermaßen versucht man auch, Forderungen für die Praxis aufzustellen. Da ist zum Einen die Forderung nach kompakteren Sprachkursen, deren Umfang und Nutzen von Anfang an klar definiert ist: In 120 Lerntagen soll man Globish, das auf 1500 Vokabeln eingegrenzt wird, erlernen können. Während die Theorie hier eiskalt vorrechnet, wie viele Vokabeln und Grammatikregeln man bei dieser Zielsetzung pro Tag zu lernen hat, vergisst man, dass am Ende doch die Sprachpraxis den entscheidenden Lernfaktor darstellt. Die Einschränkung auf ein fixes Vokabular ist viel zu formal und von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Außerdem ist die Idee von Sprachkursen, die sich auf das wesentliche beschränken, längst allerorts in die Tat umgesetzt worden.
Andererseits will man englische Muttersprachler dazu auffordern, sich in der internationalen Kommunikation auf Globish zu beschränken und diese "neue Sprache" als in sich abgeschlossenes Mittel der Kommunikation zu akzeptieren. Es ist tatsächlich offenbar notwendig, dass sich Muttersprachler in der internationalen Kommunikation gewissermaßen umstellen müssen, damit sie von Fremdsprachlern besser verstanden werden. Solche Tendenzen sind aber bereits erkennbar und es spricht Einiges dafür, dass sich der diesbezügliche Wandlungsprozess auch ohne eine solche konkrete Forderung schließlich vollziehen wird.

Ich halte "Globish - Die neue Weltsprache?" für eine interessante Lektüre. Sie beleuchtet viele Probleme der Entwicklung des Englischen zur internationalen Verkehrssprache neu und behandelt diese Entwicklung auch kritisch. Leider zeigt das Buch hier aber keinen nennenswerten Tiefgang, was zum einen darin begründet ist, dass die beiden Autoren nicht vom Fach sind, zum anderen, dass sie ein breites Publikum ansprechen möchten. Obwohl der letztere Aspekt eine entscheidende Rolle bei der Konzeption dieses Buches gespielt haben mag, ist der titelgebende Lösungsvorschlag "Globish" für das Weltsprachenproblem meiner Meinung nach ein Schuss in den Ofen.  Was er suggeriert und anstrebt, wird sich auch ohne den bloßen Begriff und die damit verbundene Ideologie durchsetzen. Das zeichnet sich längst ab. Unter Sprachpuristen, die sich eine Abgrenzung des richtigen Englisch von der vereinfachten Verkehrssprache wünschen, wird sich der Begriff vielleicht durchsetzen und seinen psychologischen Nutzen beweisen. Aber die reformatorische Kraft, die sich Nerrière und Hon davon versprechen, traue ich "Globish" nicht zu.

An dieser Stelle noch ein Dank an Langenscheidt [4], die mir ein Exemplar des Buches zur Verfügung gestellt haben.

Privatsphäre, Datenschutz und Facebook

Es ist schon seit geraumer Zeit ein höchst brisantes Thema: Facebook und sein Gründer Mark Zuckerberg. Man kann aber auch nicht leugnen, dass sich in diesem Zusammenhang ständig Dinge ereignen, die entweder so noch gar nicht vorgekommen sind oder zumindest sehr kurios wirken.

Man beachte bereits den Film "The Social Network", wo Mark Zuckerberg wirklich nicht gut wegkommt. Bereits vorher hieß es, aus Chatprotokollen sei rekonstruierbar, der Facebook-Gründer habe einst Harvard-Studenten, die ihm unter anderem ihre Kontaktdaten anvertraut hatten, als "dumb fucks" (etwa "Vollidioten") bezeichnet [1]. Darüber hinaus hat er in einem Interview im Januar 2010 angedeutet, die Bereitschaft seitens der Internetbenutzer, immer mehr persönliche Daten ins Internet zu stellen, mache deutlich, dass Privatsphäre bereits heute ein überholtes Konzept ist [2]. Dabei berief er sich auf "soziale Normen", die sich nun mal über die Jahre änderten; Facebook passe sich lediglich daran an.
An anderer Stelle scheint er sich dann doch wieder nicht allzu sicher zu sein, wie sensibel er mit den ihm anvertrauten Nutzerdaten umgehen muss. Er berichtete Ende November, er mache "so viele Fehler" - Bedauern darüber äußerte er nicht, er beteuerte aber, er gebe sein Bestes [3].

Eines ist sicher: So einfach, wie Zuckerberg die "sozialen Normen" zu durchschauen scheint, ist es nicht. Es gibt unzählige Hinweise darauf, dass ein allgemeiner Konsens über Privatsphäre und Datenschutz einfach nicht besteht: Unzählige Webseiten, Organisationen, Internetvideos und Aktionen rufen dazu auf, Facebook-, Twitter- und andere Web-2.0-Accounts zu löschen (z.B. [4]). Außerdem ist auffällig, wie wenig wohlwollend die Presselandschaft über Facebooks Umgang mit Benutzerdaten ausfällt. Nicht nur Golem, Gulli oder heise, sondern auch Printmedien wie Die Zeit, die FAZ und andere große Presseorgane legen regelmäßig einen sehr kritischen Ton an den Tag, wenn sie von Facebook berichten. Es ist absurd, anzunehmen, sie würden damit "nur" ihre eigene Meinung darstellen. Es wäre schließlich fatal für die Leserquote, wenn an dieser Stelle wirklich eklatante Meinungsverschiedenheiten bestehen würden.
Außerdem muss man gestehen, dass sich die unzähligen Möglichkeiten, die das Internet bietet, anonym und unverbindlich Informationen auszutauschen, nach wie vor großer Beliebtheit erfreuen. Prominentes Beispiel dafür ist die Webseite 4chan, über die kürzlich ein interessanter Artikel in der amerikanischen Zeitschrift Technology Review erschienen ist [5].

Wer einräumt, Facebook beruhe nun mal auf dem Prinzip der Preisgabe persönlicher Daten - es stehe im Übrigen sogar jedem frei, welche Daten er im Einzelnen preisgibt -, der hat nicht ganz Unrecht.
Damit ist es aber nicht getan. Ich halte es für sehr sinnvoll, dass der Rechtsstaat es nicht völlig der Verantwortung jedes Individuums überlässt, auf seine Privatsphäre und seine persönlichen Daten aufzupassen. In der deutschen Rechtssprechung jedenfalls wird das glücklicherweise so gehandhabt.
Die unzähligen Werbeanrufe, -briefe und -emails, mit denen man andernfalls zu kämpfen hätte, wären nur das augenscheinlich unangenehmste. Dazu kommen all die persönlichen Informationen, die auf irgendwelchen Servern womöglich ungeschützt herumliegen würden. Aus Browserverläufen, Nachrichtenprotokollen und ähnlichen Datensammlungen ließen sich peinliche Informationen über Erkrankungen, sexuelle Vorlieben, exzesshafte Partyerlebnisse, politische Ansichten oder auch nur kleine Lästereien und unvorsichtige Äußerungen an die Öffentlichkeit bringen.
Wenn der Schutz der Privatsphäre und der persönlichen Daten wirklich dem einzelnen Individuum überlassen wäre, könnte diese Katastrophe sicher nur durch einen unangenehm vorsichtigen und sicherlich die Freiheit unnötigerweise einschränkenden Lebensstil verhindert werden.

Um dieses Szenario zu verhindern, gibt es also verbindliche rechtliche Grenzen, was die Speicherung und Verwendung von Kundendaten und generell von fremden Daten angeht. Dazu gehört eben auch, dass ein Kunde bei der Anmeldung mit seinen persönlichen Daten im Vorfeld darüber informiert werden muss, was mit seinen Daten geschieht. Und danach gibt es auch eine rechtliche Verpflichtung, diese Vereinbarung einzuhalten. Außerdem besteht Auskunftpflicht gegenüber dem Kunden, welche Daten genau über ihn aufgezeichnet worden sind.
Wer genauere Informationen darüber einholen will, sollte die Stichworte "Bundesdatenschutzgesetz" (BDSG), "Telemediengesetz" und "Recht auf informationelle Selbstbestimmung" in Erinnerung behalten.
Im weiteren Sinne gehören zum Komplex Privatsphäre und Datenschutz übrigens zum Beispiel auch die Einschränkungen bezüglich der Anfertigung und Veröffentlichung von Bild- und Tonmaterial. Ein Anrufer darf ein Telefongespräch mit mir nicht aufzeichnen, wenn ich dem nicht ausdrücklich im Vorfeld zugestimmt habe. Niemand darf ohne meine Zustimmung eine Fotografie veröffentlichen, auf der ich erkenntlich abgebildet bin.

Dass es in Deutschland und in vielen anderen Ländern diese rechtlichen Vereinbarungen gibt, sollte aus diesen meiner Meinung nach einleuchtenden Gründen jeder zu schätzen wissen. Datenschutz und Privatsphäre sind hohe Güter und auch Facebook darf diese Werte nicht auslegen, wie es gerade passt. Deswegen wurde Facebook übrigens kürzlich von deutschen Datenschützern verklagt [6].
Das Argument, jeder könne ja selbst entscheiden, ob er seine Daten bei Facebook preisgeben möchte oder nicht, ist vor allem deswegen nur mit Vorsicht zu genießen, weil viele Menschen einfach nicht einschätzen können, was alles mit ihren Daten passieren kann und welche Einwilligungen es im Detail sind, die sie bei der Nutzung der unterschiedlichen Dienste von Facebook abgeben. Dass die Nutzer von Facebook jede beliebig komplizierte "privacy policy" durchschauen, kann nicht von ihnen verlangt werden. Und deswegen muss man auch Facebook einen - nicht unwesentlichen, doch wenigstens den rechtlich verbindlichen - Teil der Verantwortung zuschieben, wenn es um die Wahrung von Privatsphäre und Datenschutz geht.

Privatsphäre und Datenschutz sind also durchaus nicht vom Aussterben bedroht. Ich behaupte sogar, dass sie nie so groß im Kommen waren wie heute. Denn in welchem Zeitalter wurde so viel um Privatsphäre und Datenschutz gekämpft wie heute?
Dass im Zusammenhang mit Facebook auch immer wieder von Offenheit die Rede ist - also von jenem Begriff, dem ich vor wenigen Tagen erst einen Artikel widmete [7] -, ändert nichts an der Tatsache, dass Facebook wichtige gesellschaftliche und ethische Werte gewaltsam einzustampfen droht. Dieser Entwicklung kann und darf man nicht gleichgültig zuschauen. Und zum Glück tut sich auch etwas auf diesem Gebiet. Aber leider stehen auf der anderen Seite weiterhin viele Menschen dem Kampf um Privatsphäre und Datenschutz mit Unverständnis gegenüber. Das ist ein gefährlicher Trend, zu dessen Eindämmung dieser Artikel hoffentlich einen Beitrag leisten konnte.

Offenheit: das fehlende Stück am angebissenen Apfel

Man kann nicht leugnen, dass Apple der einzige Hersteller von Unterhaltungselektronik ist, dessen Geräte regelmäßig technisch alles bisher dagewesene übertreffen und trotzdem wie modisches Accessoire daherkommen. Die Ästhetik der Apple-Produkt geht so weit, dass man diesen kleinen technischen Wunderdingen überhaupt nicht ansieht, dass es sich um technische Geräte handelt. Hier fällt kein Stecker, kein Anschluss, kein Lautsprecher, kein Mikrofon und keine integrierte Kamera aus dem Konzept. Appleprodukte sind wie aus einem Guss und das konsequent. Alle überflüssigen Unregelmäßigkeit, wie sie ausnahmslos alle anderen Hersteller technischer Geräte für zusätzliche Anschlussmöglichkeiten und sonstige Funktionen in Kauf nehmen, werden radikal eliminiert.

Dass die tatsächliche Qualität oder das ausgefeilte Design von Apple ständig aufs Schärfste bestritten werden, ist meiner Meinung nach zunächst mal eine Folge zweierlei Faktoren: Jeder Technikbegeisterte wird die Faszination, die von den High-End-Geräten ausgeht, bestätigen müssen. Es ist eben zweifellos etwas anderes, ob man den extrem hochauflösenden und erstaunlich reaktionsfähigen Touchscreen eines iPhones oder den Touchscreen eines beliebigen anderen Smartphones auf dem Markt unter den Fingern hat. Viel Kritik ist also sicherlich durch Neid auf diejenigen, die sich diese Dinge leisten können, verursacht. Außerdem bleibt aber noch die Abneigung, die viele Menschen grundsätzlich vor beängstigend rasch expandierenden Trends verspüren. Jeder Mensch scheint seine Grenzen zu haben, ab wo er einen Trend als "Hype" bezeichnet und es für "albern" hält, diesem zu folgen. Bei manchen ist diese Grenze bei Apple eben überschritten. Und das kann durchaus jemand sein, der jeden Dan-Brown-Roman dreimal gelesen und die Verfilmungen eine Woche nach dem Erscheinungstermin bereits zweimal im Kino gesehen hatte - mal ganz abgesehen von der Tatsache, dass auch der Hass auf Apple inzwischen zu einem "albernen Hype" geworden ist.

Aber das ist nicht alles. Auch wenn sicherlich der größte Teil der Apple-Kritik durch obige Gründe motiviert ist, bleiben ernstzunehmende Kritikpunkte auf dem Tisch. Ob man den in meinem einführenden Artikel [1] erwähnten vier mal vier Zentimeter Touchscreen für 150 Euro wirklich "braucht", ist eines jeden eigene Entscheidung. Ein bisschen Spieltrieb hat ja schließlich jeder und wer dann eben noch das Geld aufbringen kann - warum nicht?
Aber ein Manko ist nicht aus der Welt zu räumen: Apple-Produkte sind so unflexibel wie ein Knäckebrot. Man darf diesen Kritikpunkt nicht falsch verstehen: Mir geht es bei Flexibilität um Offenheit. Je mehr Geld ich in ein Produkt stecke, desto mehr erwarte ich, dass ich dieses Produkt vielseitiger und nach eigenen Vorstellungen verwenden kann. Es soll hier gar nicht darum gehen, ob das die Konkurrenz besser macht (dem ist im Allgemeinen nicht so). Aber ein Apple-Produkt zu kaufen ist vergleichbar mit dem Kauf eines Autos, dass nur in Shell-Tankstellen getankt werden kann. Und das tut weh, wenn man die hohen Preise für Apple-Produkte in Betracht zieht. Dass dem Benutzer beispielsweise iTunes aufgezwungen wird, ist völlig inakzeptabel - ganz egal, ob iTunes nun toll ist oder nicht. Diese Einschränkung ist technisch schlichtweg nicht notwendig. Es ist eine reine Marketing-Strategie, die dem Kunden ein Stück Freiheit raubt. Genausowenig ist einsichtig, dass Software für iOS nur über den original App Store vertrieben und bezogen werden darf.

Warum also Offenheit? Seit einigen Jahren wird der Ruf nach Offenheit immer lauter und unzählige glückliche Windows- und Mac-Benutzer stehen dem mit Unverständnis gegenüber: "Unsere geschlossenen Systeme geben uns doch alles, was wir wollen, warum brauchen wir Offenheit?" Ich kann mir vorstellen, dass es viele regierungstreue Chinesen gibt, die das gleiche Argument gegen die Meinungsfreiheit bringen würden.
Am schönsten lassen sich die Vorteile von Offenheit vielleicht an der inzwischen weit verbreiteten Open-Source-Software (OSS) demonstrieren. Dass die Benutzung solcher Software Probleme mit sich bringt, ist eigentlich im Moment nur Resultat der Tatsache, dass die vielen Hersteller geschlossener Produkte den Entwicklern der offenen Software kein Entgegenkommen zeigen wollen. Wenn der neueste Laptop von Samsung unter Linux keine WLAN-Verbindung aufbaut, liegt das im Grunde nicht an den Linux-Entwicklern. Schuld ist der Hersteller, der keine Treiber für Linux zur Verfügung stellt. Würde er die nämlich nicht für Windows zur Verfügung stellen, so würde es dort die gleichen Probleme geben.
Darüber hinaus erschweren viele Hersteller aber zusätzlich die Entwicklung offener Treiber durch die Linux-Community, indem sie immer wieder neue Signalprotokolle für ihre Chipsätze verwenden, die sie nicht offenlegen. Bedenkt man also, dass viele Hersteller offener Software dermaßen unkooperativ gegenüber stehen, ist es eigentlich erstaunlich, dass OSS so gut funktioniert.

So viel zur Benutzbarkeit von OSS. Nun zum Sinn der Offenheit: "Wenn mein Produkt nicht das tut, was ich will, bringe ich es ihm eben bei." Diese Vorstellung ist in geschlossenen Systemen nur sehr begrenzt vorstellbar. Nun halten viele Leute diesen Einwand für sehr hypothetisch, da ja sowieso kaum ein durchschnittlicher Benutzer fähig ist, die nötige Programmierarbeit (im Bezug auf OSS) vorzunehmen. Das ist in vielen Fällen aber gar nicht notwendig: Zuletzt besteht schließlich die Möglichkeit, an einen erfahreneren Benutzer heranzutreten und ihn um Hilfe zu bitten. Die riesige Open-Source-Community macht das möglich. In dieser Community findet sich in der Regel auch zu jedem noch so außergewöhnlichen Problem eine engagierte Gruppe von Personen, die sich der Sache annimmt.

Zum anderen schafft Offenheit eben auch Vertrauen. Was Apples Betriebssystem iOS, das auf iPhone, iPod Touch und iPad läuft, im Hintergrund mit meinen sensiblen Daten macht, weiß nur Apple alleine. Natürlich ist es unwahrscheinlich, dass Apple die Daten an irgendeinen Server schickt und direkt Datenraub begeht. Das halte ich zumindest für absurd. Aber es reicht schon, wenn ein iPhone gelesene Emails irgendwo im Arbeitsspeicher unverschlüsselt ablegt, wo sie jemand lesen könnte, der das iPhone in die Hände bekommt, obwohl es eventuell passwortgesichert ist. Diese Überlegungen sind durchaus relevant, wenn man bedenkt, dass Smartphones vermehrt als Diensthandys Verwendung finden, über die auch Emails mit für den Arbeitgeber sensiblen und vertrauenswürdigen Inhalten abgerufen werden - Industriespionage ist längst alltäglich geworden.

Bei offener Software besteht ein viel größeres Potenzial, dass irgendein engagierter Anwender eine Sicherheitslücke rechtzeitig entdeckt. Als sicherstes Betriebssystem gilt vielerorts nicht ohne Grund "OpenBSD" [2], das die Offenheit bereits im Namen führt. Nachrichten über Datenlecks unterschiedlicher Art bei iPhones durchziehen übrigens die Presselandschaft ununterbrochen seit der ersten iPhone-Generation [3][4][5][6][7][8][9].

Um zu Apple zurückzukommen: Steve Jobs hat viele gute Gründe angeführt, warum man Flash nicht mehr benutzen und unterstützen sollte [10]. Aber warum heißt das, dass er seine Kunden in diesem Punkt bevormunden muss? iPhone-Benutzer zahlen horrende Preise für ein technisch extrem ausgefeiltes Gerät. Warum sollen sie nicht so etwas Banales wie Flash benutzen dürfen? Es ist meiner Meinung nach ebenso möglich, moralische, technische, soziale, wahrscheinlich sogar ökologische und ökonomische Gründe gegen die Benutzung von Apple-Produkten ins Feld zu führen. Aber deswegen würde ich doch nicht unterbinden, dass Treiber für den Anschluss von iPods an Linux-Systeme entwickelt werden, wenn es in meiner Hand läge.

Mein Artikel würde ein schiefes Bild von der momentanen Lage entwerfen, wenn ich hier schon aufhörte. Es gehört in dieser Diskussion bereits zum guten Ton, es bei einer pauschalen Ablehnung des Feindbilds und einer unkritischen Verklärung der eigenen Position zu belassen.
Seit Jahren guckt die gesamte Unterhaltungselektronik unzählige Details bei Apple ab. Auf Seiten der Apple-Hasser gesteht das niemand ein, während Apple-Liebhaber sich darüber lustig machen. Ich sehe aber nicht, wieso man Apple die Vorreiterrolle nicht offen zugestehen sollte - dort, wo Apple sie inne hat. Ebenso schleierhaft ist mir aber auch, wieso man sich seitens der Apple-Liebhaber darüber ärgert oder lustig macht, dass andere die Vorlagen von Apple kopieren, weiterentwickeln und für eine breite Masse zugänglich machen. Apple kann sich die Vorreiterrolle nun mal leisten, weil seine Produkte viel Geld kosten - es spielt in der Premium-Liga. Im Sinne der sozialen und wirtschaftlichen Gerechtigkeit sind aber günstige Produkte ebenso wünschenswert. Da gibt es gar nichts zu belächeln. Besonders, wenn man all die Sachen bedenkt, die Apple seinerseits woanders abgeguckt hat.

Apple ist also in vielen Dingen Vorreiter. Warum nicht auch in der Offenheit? Darüber sollten sich Apple-User Gedanken machen. Alle Apple-Hasser, die beim letzten Satz zufrieden genickt haben, sollten sich ihrerseits Gedanken darüber machen, ob es um die Offenheit bei anderen Herstellern wirklich deutlich besser steht. Hier gibt es noch viel zu tun und es wäre doch schön, wenn am Ende weder Apple noch der Rest der Welt, sondern alle zusammen im Sinne der Offenheit und des technischen Fortschritts den Sieg davon tragen könnten.

Warum eigentlich Offenheit, warum Privatsphäre und Datenschutz?

Ein bisschen nerven sie ja schon: diese ständigen Aufschreie, wenn es sich mal wieder herausstellt, dass Facebook Benutzerdaten verkauft hat oder dass SchülerVZ ein Datenleck hatte.

Und im Moment ist's ganz schlimm: Facebooks Dienst "Messages" will die klassischen Emails ersetzen [1]. Oha. Facebook hat verboten, auf den eigenen Seiten über "Lamebook", ein satirisches Blog über das große Social Network, zu kommunizieren [2]. Oho. Facebook will das Wort "Face" als eingetragene Marke in der Telekommunikation schützen [3]. Ahja. Und derweil blitzen am Horizont geradezu messianistische Facebook-Kontrahenten wie "diaspora" auf. Juhu.

Aber was steckt eigentlich dahinter? Es ist doch ganz nett bei Facebook, bis jetzt hat es noch keinem weh getan. Man hat doch schließlich nichts zu verheimlichen. Und wen wundert's, dass Facebook nicht auf der eigenen Webseite von "Lamebook" veräppelt werden will?

Und dann ist da noch dieses Lied vom angebissenen Apfel. Kaum bringt das Unternehmen für Unterhaltungselektronik aus Kalifornien ein neues Produkt auf den Markt und Steve Jobs Jünger beginnen das Loblied zu singen, da kommen diese miesepetrigen Kritiker: Was soll man mit einem vier mal vier Zentimeter großen Multi-Touchscreen, wenn da überhaupt nicht zwei Finger gleichzeitig draufpassen [4]? Warum braucht so ein kleines Display Farbe, soll man darauf Bilder oder gar Filme angucken?
So viel nur zum neuen iPod nano. Aber was sollen diese Fragen? Er sieht unglaublich schick aus, es gibt keinen anderen Multimedia-Player, der so fortschrittliche Technologie auf so kleinem Raum vereint. Ist es nicht vielleicht sogar angemessen, dass man dafür 150 Euro hinblättern muss, auch wenn man für diesen Preis inzwischen ein 5-Zoll-Android-Internet-Tablet bekommt [5]?

Mein Blog bietet zu solchen Dingen keine pauschalen Antworten. Daher gebe ich an dieser Stelle meinen Lesern Gelegenheit, sich selbst eine Meinung zu diesen Fragen zu bilden. Mehrere Artikel, in denen ich die gängigen Meinungsbilder kritisch analysieren, zusammenfassen, ergänzen und natürlich auch um meine eigene Meinung ergänzen werde, sollen in nächster Zeit folgen.

Philosophieren für jedermann und ganz ohne Rotweingläser

An jedem dritten Freitag im Monat findet seit geraumer Zeit in einem kleinen Bonner Bistro, dem Pauke Life [1], das so genannte Philosophische Café statt: offene Diskussionsabende zu philosophischen Themen, an denen jeder teilnehmen darf - der Eintritt ist frei.
Im Vordergrund steht an diesen Abenden jeweils ein spezielles Diskussionsthema, das von Markus Melchers, der sich selbst als "praktischen Philosophen" bezeichnet, vorgestellt, moderiert und koordiniert wird.
An zwei Veranstaltungen dieser Reihe zu den Themen "Zorn" und "Selbsttäuschung" habe ich inzwischen selbst teilgenommen und dabei einige Interessante Erfahrungen gemacht.

Das Pauke Life fördert mit der kostenfreien Veranstaltung das philosophische Interesse vor allem derjenigen, die zur philosophischen Diskussion mangels Philosophiestudium nicht kommen. Die Zielgruppe sind also Laien und mein Eindruck war bisher, dass man im Philosophischen Café tatsächlich überwiegend solche antrifft.
Doch es handelt sich meistens um intellektuelle Laien: interessierte und oft belesene Menschen, die sich gerne auf große Namen aus Philosophie, Psychologie, Literatur und so weiter berufen.
Aus diesem Grunde und natürlich wegen der vorsichtigen Lenkung durch die Moderation behalten die Diskussionen immer ein recht beeindruckendes Niveau, obwohl sich Personen ganz unterschiedlicher Generationen daran beteiligen. Ich gehöre mit dem frühen studentischen Alter eher zu den jüngsten in der Runde, aber wie sich beim letzten Mal gezeigt hat, stört auch eine Schulklasse nicht das friedliche Bild.

Die beiden Philosophischen Cafés, denen ich bisher beiwohnte, waren gut besucht, das zweite sogar hoffnungslos überfüllt, was aber unter Umständen damit erklärt werden kann, dass - wie eben erwähnt - eine ganze Schulklasse zusätzlich im Raum saß.
Herr Melchers gelingt es bei den vielen Menschen sehr gut, jeden zu Wort kommen zu lassen, und bisher war es nie nötig, einem Sprecher, der allzu viel zu sagen hatte, das Wort abzuschneiden. Auch ernstere Streitereien und Fehlgriffe im Tonfall treten meiner Erfahrung nach nicht auf.

Die Diskussionsabende bieten also ein gemütliches Ambiente zum intellektuellen Gedankenaustausch - ohne Rotweingläser übrigens, denn, da das Pauke Life ein Träger der Bonner Suchthilfe ist, ist in der Einrichtung Alkohol- und Tabakkonsum untersagt.
So positive Worte kann man über die inhaltliche Entwicklung der Diskussionen aber nicht verlieren, was ganz natürlich darauf zurückzuführen ist, dass sich viel zu viele Menschen gleichzeitig an den Diskussionen beteiligen. Konkret äußert sich das darin, dass es zwar immer um ein recht überschaubares Diskussionsthema (etwa "Zorn") geht, aber trotzdem sehr bald klar wird, dass Uneinigkeit darüber herrscht, was dieser Begriff eigentlich bedeutet. Das führt regelmäßig zu scheinbar willkürlichen und aus der Luft gegriffenen Abgrenzungen zu anderen Begriffen (etwa "Wut","Empörung","Entrüstung"). Das klingt zwar nicht so falsch, löst das Problem aber nicht, weil ja auch über diese neuen Begriffe keine Einigkeit herrscht.
Das Thema hinreichend genau zu definieren, wäre an dieser Stelle eigentlich Aufgabe des Moderators, der davor aber zurückschreckt: Man will an diesen Abenden nämlich einen offenen Diskussionsstil wahren und dazu zählt man eben auch, dass die Diskussionsteilnehmer selbst es sind, die das Thema hinreichend abgrenzen. Da ihnen das nicht gelingt, wäre es eine Überlegung wert, entweder die Abgrenzung strenger vorzugeben, oder die Diskussion schon früh zu einer Einigung zumindest bezüglich des Diskussionsthemas zu lenken.

Doch wie bereits erwähnt halte ich die inhaltliche Schwäche dieser Abende für ein kaum zu bändigendes Resultat der unüberschaubaren Zielgruppe. Diese Schwäche tut im Übrigen dem Charakter eines intellektuell inspirierenden und kurzweiligen Zeitvertreibs durchaus keinen Abbruch.
Dass der "praktische" Philosoph lange nicht in allen Teilnehmern der Runde steckte, wurde übrigens spätestens da klar, als die Dame, die am Anfang der Veranstaltung erklärte, man verbiete hier aus guten Gründen Alkohol- und Nikotinkonsum, vor dem Café nervös an einer Zigarette ziehend in denkwürdige Erscheinung trat.

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