Die Nachfrage nach
einer einzelnen Weltsprache, auf die sich alle Menschen
verstehen, kann aus völlig unterschiedlicher
Motivation heraus entstehen. Schon die biblische
Erzählung vom Turmbau zu Babel verdeutlicht, wie eine
gemeinsame Sprache einen praktischen Nutzen haben, aber
auch den menschlichen Zusammenhalt fördern kann.
Konkretere Überlegungen, wie so eine Sprache aussehen
könnte, führen unweigerlich zu weiteren Fragen ganz
anderer Art: Aus praktischen Gründen würde man eine
bereits existierende Sprache vorschlagen, stößt dann
aber auf die sozialen, politischen und kulturellen
Probleme, die daraus entstehen, dass jede existierende
Sprache eine gesamte Kultur oder sogar ein Land
repräsentiert. Erfindet man eine Sprache komplett neu
(Plansprache, siehe etwa Esperanto [1]), stößt man
mindestens auf jene Kontroversen, die schon bei so
einfachen Themen wie einem einheitlichen
Handyladegerät [2] entstehen.
Einige dieser Probleme werden recht überzeugend und
zunächst auch wohl durchdacht in "Globish - Die neue
Weltsprache?" [3] angegangen. Die Autoren
Jean-Paul Nerrière und David Hon sind selbst keine
Linguisten. Bestenfalls David Hon, der einen Magister
in Englisch hat, kann akademische Bildung in diesem
Fachbereich vorweisen.
Die Herangehensweise an die Frage der Weltsprache ist
dementsprechend auch weniger akademisch als vielmehr
pragmatisch und bodenständig. Zunächst wird die
unzweifelhafte Tatsache in den Raum gestellt, Englisch
habe sich als weltweite Verkehrssprache längst
etabliert. Sie von diesem Platze zu verdrängen sei
kaum denkbar.
Englisch ist also der Ausgangspunkt des Buches.
Wesentlich am weiteren Verlauf des Diskurses ist aber
die Tatsache, dass diese Grundlage nicht gerade
günstig ist. Diese Erkenntnis zieht sich durch die
gesamten 200 Seiten und ist Anlass, nicht Englisch
Weltsprache sein und werden zu lassen, sondern das
Konzept "Globish" in den Raum zu werfen, das
gleichzeitig die Entfremdung der englischen Sprache von
ihren kulturellen Wurzeln verhindern und den
Lernprozess verkürzen und übersichtlicher gestalten
soll.
Im Zentrum von "Globish" steht das Bestreben, den
längst etablierten Kern der englischen Sprache, der
tatsächlich in der internationalen Kommunikation
verwendet wird und sinnvollerweise verwendet werden
sollte, zu entwurzeln und durch die Taufe auf einen
neuen Namen zu emanzipieren.
Zwischen diesem etablierten Kern und dem kulturell und
historisch verwurzelten Englisch bestehe nämlich
bereits heute eine beidseitige Inkompatibilität und
Ablehnung. Einerseits könne das "richtige Englisch"
die internationale Kommunikation sogar erschweren: Die
Kommunikation zwischen Fremdsprachlern auf Englisch
funktioniere erfahrungsgemäß besser als zwischen
einem Fremdsprachler und einem Muttersprachler. Dem
verwendeten Vokabular und der Sprechgeschwindigkeit,
aber auch dem Akzent bzw. Dialekt wird hier eine
entscheidende Rolle beigemessen. Umgekehrt sehe ein
Liebhaber der englischen Sprache in der
"Verkehrssprache Englisch" eine Bedrohung: "Globish
kann auch die englische Sprache davor schützen, von
anderen Kulturen zerbrochen zu werden" (Seite 64).
Solange außerdem Englisch den Posten der
Verkehrssprache für sich beansprucht, werde sich
politische sowie kulturelle Abneigung nicht verhindern
lassen. In Ländern, in denen etwa die amerikanische
Kultur kein gutes Ansehen hat, sei Englisch seltener
die bevorzugte Verkehrssprache.
Das Erlernen einer Fremdsprache beinhaltet traditionell auch immer eine Auseinandersetzung mit der damit verbundenen Kultur. Für eine Verkehrssprache, die idealerweise auch schnell zu erlernen sein soll, wäre dieser kulturelle Hintergrund eher ein Balast. Globish ist letztendlich also die Idee, ein Stück aus der englischen Sprache zu isolieren, ihm den Namen "Globish" zu verpassen und dann zu sagen: "Wenn man diese Dinge gelernt hat, ist man fertig" (Seite 49). Dabei werden hinderliche Details, wie die Unterschiede zwischen der britischen und der amerikanischen Aussprache, Schreibweise oder Grammatik vernachlässigt. "Und auch sonst sollte sich niemand darum kümmern", heißt es dazu etwas zu radikal für meinen Geschmack auf Seite 61.
Angesichts der Tatsache, dass das Buch im
Sprachenverlag Langenscheidt erschienen ist, fehlt ihm
an vielen Stellen die fachlich-linguistische Grundlage.
Für einen durchschnittlichen Leser ist das allerdings
sehr angenehm und man bekommt das Gefühl, die
Vorsätze dieses neuen Konzepts seien weniger utopisch
und ideell. Tatsächlich trügt dieser Eindruck aber:
Letztendlich dreht sich das Buch nur um die Etablierung
eines neuen Begriffs für etwas, das längst im Kommen
ist, indem man es schärfer abgegrenzt als bisher.
Zugegebenermaßen versucht man auch, Forderungen für
die Praxis aufzustellen. Da ist zum Einen die Forderung
nach kompakteren Sprachkursen, deren Umfang und Nutzen
von Anfang an klar definiert ist: In 120 Lerntagen soll
man Globish, das auf 1500 Vokabeln eingegrenzt wird,
erlernen können. Während die Theorie hier eiskalt
vorrechnet, wie viele Vokabeln und Grammatikregeln man
bei dieser Zielsetzung pro Tag zu lernen hat, vergisst
man, dass am Ende doch die Sprachpraxis den
entscheidenden Lernfaktor darstellt. Die Einschränkung
auf ein fixes Vokabular ist viel zu formal und von
Anfang an zum Scheitern verurteilt. Außerdem ist die
Idee von Sprachkursen, die sich auf das wesentliche
beschränken, längst allerorts in die Tat umgesetzt
worden.
Andererseits will man englische Muttersprachler dazu
auffordern, sich in der internationalen Kommunikation
auf Globish zu beschränken und diese "neue Sprache"
als in sich abgeschlossenes Mittel der Kommunikation zu
akzeptieren. Es ist tatsächlich offenbar notwendig,
dass sich Muttersprachler in der internationalen
Kommunikation gewissermaßen umstellen müssen, damit
sie von Fremdsprachlern besser verstanden werden.
Solche Tendenzen sind aber bereits erkennbar und es
spricht Einiges dafür, dass sich der diesbezügliche
Wandlungsprozess auch ohne eine solche konkrete
Forderung schließlich vollziehen wird.
Ich halte "Globish - Die neue Weltsprache?" für eine interessante Lektüre. Sie beleuchtet viele Probleme der Entwicklung des Englischen zur internationalen Verkehrssprache neu und behandelt diese Entwicklung auch kritisch. Leider zeigt das Buch hier aber keinen nennenswerten Tiefgang, was zum einen darin begründet ist, dass die beiden Autoren nicht vom Fach sind, zum anderen, dass sie ein breites Publikum ansprechen möchten. Obwohl der letztere Aspekt eine entscheidende Rolle bei der Konzeption dieses Buches gespielt haben mag, ist der titelgebende Lösungsvorschlag "Globish" für das Weltsprachenproblem meiner Meinung nach ein Schuss in den Ofen. Was er suggeriert und anstrebt, wird sich auch ohne den bloßen Begriff und die damit verbundene Ideologie durchsetzen. Das zeichnet sich längst ab. Unter Sprachpuristen, die sich eine Abgrenzung des richtigen Englisch von der vereinfachten Verkehrssprache wünschen, wird sich der Begriff vielleicht durchsetzen und seinen psychologischen Nutzen beweisen. Aber die reformatorische Kraft, die sich Nerrière und Hon davon versprechen, traue ich "Globish" nicht zu.
An dieser Stelle noch ein Dank an Langenscheidt [4], die mir ein Exemplar des Buches zur Verfügung gestellt haben.
28.07.2011 00:17 - Tags: Literatur Sprachen Gesellschaft Meinungen Wissen
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Es ist schon seit
geraumer Zeit ein höchst brisantes Thema: Facebook und
sein Gründer Mark Zuckerberg. Man kann aber auch nicht
leugnen, dass sich in diesem Zusammenhang ständig
Dinge ereignen, die entweder so noch gar nicht
vorgekommen sind oder zumindest sehr kurios wirken.
Man beachte bereits den Film "The Social Network", wo
Mark Zuckerberg wirklich nicht gut wegkommt. Bereits
vorher hieß es, aus Chatprotokollen sei
rekonstruierbar, der Facebook-Gründer habe einst
Harvard-Studenten, die ihm unter anderem ihre
Kontaktdaten anvertraut hatten, als "dumb fucks" (etwa
"Vollidioten") bezeichnet [1]. Darüber hinaus hat er
in einem Interview im Januar 2010 angedeutet, die
Bereitschaft seitens der Internetbenutzer, immer mehr
persönliche Daten ins Internet zu stellen, mache
deutlich, dass Privatsphäre bereits heute ein
überholtes Konzept ist [2]. Dabei berief er sich
auf "soziale Normen", die sich nun mal über die Jahre
änderten; Facebook passe sich lediglich daran an.
An anderer Stelle scheint er sich dann doch wieder
nicht allzu sicher zu sein, wie sensibel er mit den ihm
anvertrauten Nutzerdaten umgehen muss. Er berichtete
Ende November, er mache "so viele Fehler" - Bedauern
darüber äußerte er nicht, er beteuerte aber, er gebe
sein Bestes [3].
Eines ist sicher: So einfach, wie Zuckerberg die
"sozialen Normen" zu durchschauen scheint, ist es
nicht. Es gibt unzählige Hinweise darauf, dass ein
allgemeiner Konsens über Privatsphäre und Datenschutz
einfach nicht besteht: Unzählige Webseiten,
Organisationen, Internetvideos und Aktionen rufen dazu
auf, Facebook-, Twitter- und andere Web-2.0-Accounts zu
löschen (z.B. [4]). Außerdem ist
auffällig, wie wenig wohlwollend die Presselandschaft
über Facebooks Umgang mit Benutzerdaten ausfällt.
Nicht nur Golem, Gulli oder heise, sondern auch
Printmedien wie Die Zeit, die FAZ und andere große
Presseorgane legen regelmäßig einen sehr kritischen
Ton an den Tag, wenn sie von Facebook berichten. Es ist
absurd, anzunehmen, sie würden damit "nur" ihre eigene
Meinung darstellen. Es wäre schließlich fatal für
die Leserquote, wenn an dieser Stelle wirklich
eklatante Meinungsverschiedenheiten bestehen
würden.
Außerdem muss man gestehen, dass sich die unzähligen
Möglichkeiten, die das Internet bietet, anonym und
unverbindlich Informationen auszutauschen, nach wie vor
großer Beliebtheit erfreuen. Prominentes Beispiel
dafür ist die Webseite 4chan, über die kürzlich ein
interessanter Artikel in der amerikanischen Zeitschrift
Technology Review erschienen ist [5].
Wer einräumt, Facebook beruhe nun mal auf dem Prinzip
der Preisgabe persönlicher Daten - es stehe im
Übrigen sogar jedem frei, welche Daten er im Einzelnen
preisgibt -, der hat nicht ganz Unrecht.
Damit ist es aber nicht getan. Ich halte es für sehr
sinnvoll, dass der Rechtsstaat es nicht völlig der
Verantwortung jedes Individuums überlässt, auf seine
Privatsphäre und seine persönlichen Daten
aufzupassen. In der deutschen Rechtssprechung
jedenfalls wird das glücklicherweise so gehandhabt.
Die unzähligen Werbeanrufe, -briefe und -emails, mit
denen man andernfalls zu kämpfen hätte, wären nur
das augenscheinlich unangenehmste. Dazu kommen all die
persönlichen Informationen, die auf irgendwelchen
Servern womöglich ungeschützt herumliegen würden.
Aus Browserverläufen, Nachrichtenprotokollen und
ähnlichen Datensammlungen ließen sich peinliche
Informationen über Erkrankungen, sexuelle Vorlieben,
exzesshafte Partyerlebnisse, politische Ansichten oder
auch nur kleine Lästereien und unvorsichtige
Äußerungen an die Öffentlichkeit bringen.
Wenn der Schutz der Privatsphäre und der persönlichen
Daten wirklich dem einzelnen Individuum überlassen
wäre, könnte diese Katastrophe sicher nur durch einen
unangenehm vorsichtigen und sicherlich die Freiheit
unnötigerweise einschränkenden Lebensstil verhindert
werden.
Um dieses Szenario zu verhindern, gibt es also
verbindliche rechtliche Grenzen, was die Speicherung
und Verwendung von Kundendaten und generell von fremden
Daten angeht. Dazu gehört eben auch, dass ein Kunde
bei der Anmeldung mit seinen persönlichen Daten im
Vorfeld darüber informiert werden muss, was mit seinen
Daten geschieht. Und danach gibt es auch eine
rechtliche Verpflichtung, diese Vereinbarung
einzuhalten. Außerdem besteht Auskunftpflicht
gegenüber dem Kunden, welche Daten genau über ihn
aufgezeichnet worden sind.
Wer genauere Informationen darüber einholen will,
sollte die Stichworte "Bundesdatenschutzgesetz" (BDSG),
"Telemediengesetz" und "Recht auf informationelle
Selbstbestimmung" in Erinnerung behalten.
Im weiteren Sinne gehören zum Komplex Privatsphäre
und Datenschutz übrigens zum Beispiel auch die
Einschränkungen bezüglich der Anfertigung und
Veröffentlichung von Bild- und Tonmaterial. Ein
Anrufer darf ein Telefongespräch mit mir nicht
aufzeichnen, wenn ich dem nicht ausdrücklich im
Vorfeld zugestimmt habe. Niemand darf ohne meine
Zustimmung eine Fotografie veröffentlichen, auf der
ich erkenntlich abgebildet bin.
Dass es in Deutschland und in vielen anderen Ländern
diese rechtlichen Vereinbarungen gibt, sollte aus
diesen meiner Meinung nach einleuchtenden Gründen
jeder zu schätzen wissen. Datenschutz und
Privatsphäre sind hohe Güter und auch Facebook darf
diese Werte nicht auslegen, wie es gerade passt.
Deswegen wurde Facebook übrigens kürzlich von
deutschen Datenschützern verklagt [6].
Das Argument, jeder könne ja selbst entscheiden, ob er
seine Daten bei Facebook preisgeben möchte oder nicht,
ist vor allem deswegen nur mit Vorsicht zu genießen,
weil viele Menschen einfach nicht einschätzen können,
was alles mit ihren Daten passieren kann und welche
Einwilligungen es im Detail sind, die sie bei der
Nutzung der unterschiedlichen Dienste von Facebook
abgeben. Dass die Nutzer von Facebook jede beliebig
komplizierte "privacy policy" durchschauen, kann nicht
von ihnen verlangt werden. Und deswegen muss man auch
Facebook einen - nicht unwesentlichen, doch wenigstens
den rechtlich verbindlichen - Teil der Verantwortung
zuschieben, wenn es um die Wahrung von Privatsphäre
und Datenschutz geht.
Privatsphäre und Datenschutz sind also durchaus nicht
vom Aussterben bedroht. Ich behaupte sogar, dass sie
nie so groß im Kommen waren wie heute. Denn in welchem
Zeitalter wurde so viel um Privatsphäre und
Datenschutz gekämpft wie heute?
Dass im Zusammenhang mit Facebook auch immer wieder von
Offenheit die Rede ist - also von jenem Begriff, dem
ich vor wenigen Tagen erst einen Artikel widmete [7] -,
ändert nichts an der Tatsache, dass Facebook wichtige
gesellschaftliche und ethische Werte gewaltsam
einzustampfen droht. Dieser Entwicklung kann und darf
man nicht gleichgültig zuschauen. Und zum Glück tut
sich auch etwas auf diesem Gebiet. Aber leider stehen
auf der anderen Seite weiterhin viele Menschen dem
Kampf um Privatsphäre und Datenschutz mit
Unverständnis gegenüber. Das ist ein gefährlicher
Trend, zu dessen Eindämmung dieser Artikel hoffentlich
einen Beitrag leisten konnte.
02.12.2010 22:40 - Tags: Meinungen Verbraucher Recht Gesellschaft Computer Internet Multimedia
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Man kann nicht leugnen,
dass Apple der einzige Hersteller von
Unterhaltungselektronik ist, dessen Geräte
regelmäßig technisch alles bisher dagewesene
übertreffen und trotzdem wie modisches Accessoire
daherkommen. Die Ästhetik der Apple-Produkt geht so
weit, dass man diesen kleinen technischen Wunderdingen
überhaupt nicht ansieht, dass es sich um technische
Geräte handelt. Hier fällt kein Stecker, kein
Anschluss, kein Lautsprecher, kein Mikrofon und keine
integrierte Kamera aus dem Konzept. Appleprodukte sind
wie aus einem Guss und das konsequent. Alle
überflüssigen Unregelmäßigkeit, wie sie ausnahmslos
alle anderen Hersteller technischer Geräte für
zusätzliche Anschlussmöglichkeiten und sonstige
Funktionen in Kauf nehmen, werden radikal
eliminiert.
Dass die tatsächliche Qualität oder das ausgefeilte Design von Apple ständig aufs Schärfste bestritten werden, ist meiner Meinung nach zunächst mal eine Folge zweierlei Faktoren: Jeder Technikbegeisterte wird die Faszination, die von den High-End-Geräten ausgeht, bestätigen müssen. Es ist eben zweifellos etwas anderes, ob man den extrem hochauflösenden und erstaunlich reaktionsfähigen Touchscreen eines iPhones oder den Touchscreen eines beliebigen anderen Smartphones auf dem Markt unter den Fingern hat. Viel Kritik ist also sicherlich durch Neid auf diejenigen, die sich diese Dinge leisten können, verursacht. Außerdem bleibt aber noch die Abneigung, die viele Menschen grundsätzlich vor beängstigend rasch expandierenden Trends verspüren. Jeder Mensch scheint seine Grenzen zu haben, ab wo er einen Trend als "Hype" bezeichnet und es für "albern" hält, diesem zu folgen. Bei manchen ist diese Grenze bei Apple eben überschritten. Und das kann durchaus jemand sein, der jeden Dan-Brown-Roman dreimal gelesen und die Verfilmungen eine Woche nach dem Erscheinungstermin bereits zweimal im Kino gesehen hatte - mal ganz abgesehen von der Tatsache, dass auch der Hass auf Apple inzwischen zu einem "albernen Hype" geworden ist.
Aber das ist nicht alles. Auch wenn sicherlich der
größte Teil der Apple-Kritik durch obige Gründe
motiviert ist, bleiben ernstzunehmende Kritikpunkte auf
dem Tisch. Ob man den in meinem einführenden Artikel
[1]
erwähnten vier mal vier Zentimeter Touchscreen für
150 Euro wirklich "braucht", ist eines jeden eigene
Entscheidung. Ein bisschen Spieltrieb hat ja
schließlich jeder und wer dann eben noch das Geld
aufbringen kann - warum nicht?
Aber ein Manko ist nicht aus der Welt zu räumen:
Apple-Produkte sind so unflexibel wie ein Knäckebrot.
Man darf diesen Kritikpunkt nicht falsch verstehen: Mir
geht es bei Flexibilität um Offenheit. Je mehr Geld
ich in ein Produkt stecke, desto mehr erwarte ich, dass
ich dieses Produkt vielseitiger und nach eigenen
Vorstellungen verwenden kann. Es soll hier gar nicht
darum gehen, ob das die Konkurrenz besser macht (dem
ist im Allgemeinen nicht so). Aber ein Apple-Produkt zu
kaufen ist vergleichbar mit dem Kauf eines Autos, dass
nur in Shell-Tankstellen getankt werden kann. Und das
tut weh, wenn man die hohen Preise für Apple-Produkte
in Betracht zieht. Dass dem Benutzer beispielsweise
iTunes aufgezwungen wird, ist völlig inakzeptabel -
ganz egal, ob iTunes nun toll ist oder nicht. Diese
Einschränkung ist technisch schlichtweg nicht
notwendig. Es ist eine reine Marketing-Strategie, die
dem Kunden ein Stück Freiheit raubt. Genausowenig ist
einsichtig, dass Software für iOS nur über den
original App Store vertrieben und bezogen werden
darf.
Warum also Offenheit?
Seit einigen Jahren wird der Ruf nach Offenheit immer
lauter und unzählige glückliche Windows- und
Mac-Benutzer stehen dem mit Unverständnis gegenüber:
"Unsere geschlossenen Systeme geben uns doch alles, was
wir wollen, warum brauchen wir Offenheit?" Ich kann mir
vorstellen, dass es viele regierungstreue Chinesen
gibt, die das gleiche Argument gegen die
Meinungsfreiheit bringen würden.
Am schönsten lassen sich die Vorteile von Offenheit
vielleicht an der inzwischen weit verbreiteten
Open-Source-Software (OSS) demonstrieren. Dass die
Benutzung solcher Software Probleme mit sich bringt,
ist eigentlich im Moment nur Resultat der Tatsache,
dass die vielen Hersteller geschlossener Produkte den
Entwicklern der offenen Software kein Entgegenkommen
zeigen wollen. Wenn der neueste Laptop von Samsung
unter Linux keine WLAN-Verbindung aufbaut, liegt das im
Grunde nicht an den Linux-Entwicklern. Schuld ist der
Hersteller, der keine Treiber für Linux zur Verfügung
stellt. Würde er die nämlich nicht für Windows zur
Verfügung stellen, so würde es dort die gleichen
Probleme geben.
Darüber hinaus erschweren viele Hersteller aber
zusätzlich die Entwicklung offener Treiber durch die
Linux-Community, indem sie immer wieder neue
Signalprotokolle für ihre Chipsätze verwenden, die
sie nicht offenlegen. Bedenkt man also, dass viele
Hersteller offener Software dermaßen unkooperativ
gegenüber stehen, ist es eigentlich erstaunlich, dass
OSS so gut funktioniert.
So viel zur Benutzbarkeit von OSS. Nun zum Sinn der Offenheit: "Wenn mein Produkt nicht das tut, was ich will, bringe ich es ihm eben bei." Diese Vorstellung ist in geschlossenen Systemen nur sehr begrenzt vorstellbar. Nun halten viele Leute diesen Einwand für sehr hypothetisch, da ja sowieso kaum ein durchschnittlicher Benutzer fähig ist, die nötige Programmierarbeit (im Bezug auf OSS) vorzunehmen. Das ist in vielen Fällen aber gar nicht notwendig: Zuletzt besteht schließlich die Möglichkeit, an einen erfahreneren Benutzer heranzutreten und ihn um Hilfe zu bitten. Die riesige Open-Source-Community macht das möglich. In dieser Community findet sich in der Regel auch zu jedem noch so außergewöhnlichen Problem eine engagierte Gruppe von Personen, die sich der Sache annimmt.
Zum anderen schafft Offenheit eben auch Vertrauen. Was Apples Betriebssystem iOS, das auf iPhone, iPod Touch und iPad läuft, im Hintergrund mit meinen sensiblen Daten macht, weiß nur Apple alleine. Natürlich ist es unwahrscheinlich, dass Apple die Daten an irgendeinen Server schickt und direkt Datenraub begeht. Das halte ich zumindest für absurd. Aber es reicht schon, wenn ein iPhone gelesene Emails irgendwo im Arbeitsspeicher unverschlüsselt ablegt, wo sie jemand lesen könnte, der das iPhone in die Hände bekommt, obwohl es eventuell passwortgesichert ist. Diese Überlegungen sind durchaus relevant, wenn man bedenkt, dass Smartphones vermehrt als Diensthandys Verwendung finden, über die auch Emails mit für den Arbeitgeber sensiblen und vertrauenswürdigen Inhalten abgerufen werden - Industriespionage ist längst alltäglich geworden.
Bei offener Software besteht ein viel größeres Potenzial, dass irgendein engagierter Anwender eine Sicherheitslücke rechtzeitig entdeckt. Als sicherstes Betriebssystem gilt vielerorts nicht ohne Grund "OpenBSD" [2], das die Offenheit bereits im Namen führt. Nachrichten über Datenlecks unterschiedlicher Art bei iPhones durchziehen übrigens die Presselandschaft ununterbrochen seit der ersten iPhone-Generation [3][4][5][6][7][8][9].
Um zu Apple
zurückzukommen: Steve Jobs hat viele gute Gründe
angeführt, warum man Flash nicht mehr benutzen und
unterstützen sollte [10]. Aber warum heißt
das, dass er seine Kunden in diesem Punkt bevormunden
muss? iPhone-Benutzer zahlen horrende Preise für ein
technisch extrem ausgefeiltes Gerät. Warum sollen sie
nicht so etwas Banales wie Flash benutzen dürfen? Es
ist meiner Meinung nach ebenso möglich, moralische,
technische, soziale, wahrscheinlich sogar ökologische
und ökonomische Gründe gegen die Benutzung von
Apple-Produkten ins Feld zu führen. Aber deswegen
würde ich doch nicht unterbinden, dass Treiber für
den Anschluss von iPods an Linux-Systeme entwickelt
werden, wenn es in meiner Hand läge.
Mein Artikel würde ein schiefes Bild von der
momentanen Lage entwerfen, wenn ich hier schon
aufhörte. Es gehört in dieser Diskussion bereits zum
guten Ton, es bei einer pauschalen Ablehnung des
Feindbilds und einer unkritischen Verklärung der
eigenen Position zu belassen.
Seit Jahren guckt die gesamte Unterhaltungselektronik
unzählige Details bei Apple ab. Auf Seiten der
Apple-Hasser gesteht das niemand ein, während
Apple-Liebhaber sich darüber lustig machen. Ich sehe
aber nicht, wieso man Apple die Vorreiterrolle nicht
offen zugestehen sollte - dort, wo Apple sie inne hat.
Ebenso schleierhaft ist mir aber auch, wieso man sich
seitens der Apple-Liebhaber darüber ärgert oder
lustig macht, dass andere die Vorlagen von Apple
kopieren, weiterentwickeln und für eine breite Masse
zugänglich machen. Apple kann sich die Vorreiterrolle
nun mal leisten, weil seine Produkte viel Geld kosten -
es spielt in der Premium-Liga. Im Sinne der sozialen
und wirtschaftlichen Gerechtigkeit sind aber günstige
Produkte ebenso wünschenswert. Da gibt es gar nichts
zu belächeln. Besonders, wenn man all die Sachen
bedenkt, die Apple seinerseits woanders abgeguckt
hat.
Apple ist also in vielen Dingen Vorreiter. Warum nicht auch in der Offenheit? Darüber sollten sich Apple-User Gedanken machen. Alle Apple-Hasser, die beim letzten Satz zufrieden genickt haben, sollten sich ihrerseits Gedanken darüber machen, ob es um die Offenheit bei anderen Herstellern wirklich deutlich besser steht. Hier gibt es noch viel zu tun und es wäre doch schön, wenn am Ende weder Apple noch der Rest der Welt, sondern alle zusammen im Sinne der Offenheit und des technischen Fortschritts den Sieg davon tragen könnten.
26.11.2010 09:11 - Tags: Meinungen Verbraucher Recht Gesellschaft Computer Internet Multimedia
Druckversion / 2 Kommentare / verlinkenEin bisschen nerven sie ja schon: diese ständigen Aufschreie, wenn es sich mal wieder herausstellt, dass Facebook Benutzerdaten verkauft hat oder dass SchülerVZ ein Datenleck hatte.
Und im Moment ist's ganz schlimm: Facebooks Dienst "Messages" will die klassischen Emails ersetzen [1]. Oha. Facebook hat verboten, auf den eigenen Seiten über "Lamebook", ein satirisches Blog über das große Social Network, zu kommunizieren [2]. Oho. Facebook will das Wort "Face" als eingetragene Marke in der Telekommunikation schützen [3]. Ahja. Und derweil blitzen am Horizont geradezu messianistische Facebook-Kontrahenten wie "diaspora" auf. Juhu.
Aber was steckt eigentlich dahinter? Es ist doch ganz nett bei Facebook, bis jetzt hat es noch keinem weh getan. Man hat doch schließlich nichts zu verheimlichen. Und wen wundert's, dass Facebook nicht auf der eigenen Webseite von "Lamebook" veräppelt werden will?
Und dann ist da noch dieses Lied vom angebissenen
Apfel. Kaum bringt das Unternehmen für
Unterhaltungselektronik aus Kalifornien ein neues
Produkt auf den Markt und Steve Jobs Jünger beginnen
das Loblied zu singen, da kommen diese miesepetrigen
Kritiker: Was soll man mit einem vier mal vier
Zentimeter großen Multi-Touchscreen, wenn da
überhaupt nicht zwei Finger gleichzeitig draufpassen
[4]?
Warum braucht so ein kleines Display Farbe, soll man
darauf Bilder oder gar Filme angucken?
So viel nur zum neuen iPod nano. Aber was sollen diese
Fragen? Er sieht unglaublich schick aus, es gibt keinen
anderen Multimedia-Player, der so fortschrittliche
Technologie auf so kleinem Raum vereint. Ist es nicht
vielleicht sogar angemessen, dass man dafür 150 Euro
hinblättern muss, auch wenn man für diesen Preis
inzwischen ein 5-Zoll-Android-Internet-Tablet bekommt
[5]?
Mein Blog bietet zu solchen Dingen keine pauschalen Antworten. Daher gebe ich an dieser Stelle meinen Lesern Gelegenheit, sich selbst eine Meinung zu diesen Fragen zu bilden. Mehrere Artikel, in denen ich die gängigen Meinungsbilder kritisch analysieren, zusammenfassen, ergänzen und natürlich auch um meine eigene Meinung ergänzen werde, sollen in nächster Zeit folgen.
24.11.2010 22:33 - Tags: Meinungen Verbraucher Recht Gesellschaft Computer Internet Multimedia
Druckversion / 9 Kommentare / verlinken
An jedem dritten Freitag
im Monat findet seit geraumer Zeit in einem kleinen
Bonner Bistro, dem Pauke Life [1], das so genannte
Philosophische Café statt: offene Diskussionsabende zu
philosophischen Themen, an denen jeder teilnehmen darf
- der Eintritt ist frei.
Im Vordergrund steht an diesen Abenden jeweils ein
spezielles Diskussionsthema, das von Markus Melchers,
der sich selbst als "praktischen Philosophen"
bezeichnet, vorgestellt, moderiert und koordiniert
wird.
An zwei Veranstaltungen dieser Reihe zu den Themen
"Zorn" und "Selbsttäuschung" habe ich inzwischen
selbst teilgenommen und dabei einige Interessante
Erfahrungen gemacht.
Das Pauke Life fördert mit der kostenfreien
Veranstaltung das philosophische Interesse vor allem
derjenigen, die zur philosophischen Diskussion mangels
Philosophiestudium nicht kommen. Die Zielgruppe sind
also Laien und mein Eindruck war bisher, dass man im
Philosophischen Café tatsächlich überwiegend solche
antrifft.
Doch es handelt sich meistens um intellektuelle Laien:
interessierte und oft belesene Menschen, die sich gerne
auf große Namen aus Philosophie, Psychologie,
Literatur und so weiter berufen.
Aus diesem Grunde und natürlich wegen der vorsichtigen
Lenkung durch die Moderation behalten die Diskussionen
immer ein recht beeindruckendes Niveau, obwohl sich
Personen ganz unterschiedlicher Generationen daran
beteiligen. Ich gehöre mit dem frühen studentischen
Alter eher zu den jüngsten in der Runde, aber wie sich
beim letzten Mal gezeigt hat, stört auch eine
Schulklasse nicht das friedliche Bild.
Die beiden Philosophischen Cafés, denen ich bisher
beiwohnte, waren gut besucht, das zweite sogar
hoffnungslos überfüllt, was aber unter Umständen
damit erklärt werden kann, dass - wie eben erwähnt -
eine ganze Schulklasse zusätzlich im Raum saß.
Herr Melchers gelingt es bei den vielen Menschen sehr
gut, jeden zu Wort kommen zu lassen, und bisher war es
nie nötig, einem Sprecher, der allzu viel zu sagen
hatte, das Wort abzuschneiden. Auch ernstere
Streitereien und Fehlgriffe im Tonfall treten meiner
Erfahrung nach nicht auf.
Die Diskussionsabende bieten also ein gemütliches
Ambiente zum intellektuellen Gedankenaustausch - ohne
Rotweingläser übrigens, denn, da das Pauke Life ein
Träger der Bonner Suchthilfe ist, ist in der
Einrichtung Alkohol- und Tabakkonsum untersagt.
So positive Worte kann man über die inhaltliche
Entwicklung der Diskussionen aber nicht verlieren, was
ganz natürlich darauf zurückzuführen ist, dass sich
viel zu viele Menschen gleichzeitig an den Diskussionen
beteiligen. Konkret äußert sich das darin, dass es
zwar immer um ein recht überschaubares
Diskussionsthema (etwa "Zorn") geht, aber trotzdem sehr
bald klar wird, dass Uneinigkeit darüber herrscht, was
dieser Begriff eigentlich bedeutet. Das führt
regelmäßig zu scheinbar willkürlichen und aus der
Luft gegriffenen Abgrenzungen zu anderen Begriffen
(etwa "Wut","Empörung","Entrüstung"). Das klingt zwar
nicht so falsch, löst das Problem aber nicht, weil ja
auch über diese neuen Begriffe keine Einigkeit
herrscht.
Das Thema hinreichend genau zu definieren, wäre an
dieser Stelle eigentlich Aufgabe des Moderators, der
davor aber zurückschreckt: Man will an diesen Abenden
nämlich einen offenen Diskussionsstil wahren und dazu
zählt man eben auch, dass die Diskussionsteilnehmer
selbst es sind, die das Thema hinreichend abgrenzen. Da
ihnen das nicht gelingt, wäre es eine Überlegung
wert, entweder die Abgrenzung strenger vorzugeben, oder
die Diskussion schon früh zu einer Einigung zumindest
bezüglich des Diskussionsthemas zu lenken.
Doch wie bereits erwähnt halte ich die inhaltliche
Schwäche dieser Abende für ein kaum zu bändigendes
Resultat der unüberschaubaren Zielgruppe. Diese
Schwäche tut im Übrigen dem Charakter eines
intellektuell inspirierenden und kurzweiligen
Zeitvertreibs durchaus keinen Abbruch.
Dass der "praktische" Philosoph lange nicht in allen
Teilnehmern der Runde steckte, wurde übrigens
spätestens da klar, als die Dame, die am Anfang der
Veranstaltung erklärte, man verbiete hier aus guten
Gründen Alkohol- und Nikotinkonsum, vor dem Café
nervös an einer Zigarette ziehend in denkwürdige
Erscheinung trat.
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