Bevor mein
Gutschein-Paket Ende des Semesters (für Erstsemester)
bzw. im September (für Neubürger) seine Gültigkeit
verliert [1], musste ich wenigstens
noch von dem verlockenden Angebot Gebrauch machen,
kostenfrei einer Vorstellung des Beethovenorchesters
beizuwohnen. Weil ich schön länger besondere
Sympathie für die neunte und letzte Sinfonie ("Aus der
neuen Welt") Antonín Dvořáks hegte, sollte der
Gutschein anlässlich des sechsten Sonntagskonzert [2] am
vergangenen Sonntagabend Verwendung finden.
Mit zwei Kommilitonen, die ebenfalls ihre Gutscheine einsetzten, besorgten wir knapp zwei Wochen zuvor Karten und erhielten drei Plätze nebeneinander im Rang (teuerste Preisklasse). Zum Konzert selbst erschienen wir dann eine gute halbe Stunde vor Beginn und konnten so noch anhören, was Ulrich Wilker (von der Kölner Universität) über das modernste der drei für diesen Abend geplanten Stücke zu erzählen hatte: Das heißt, er sprach über das Konzert für Violoncello und Orchester des polnischen Komponisten Witold Lutosławski. In der kurzen Zeit konnte der junge Mann natürlich keine bahnbrechenden Erkenntnisse vermitteln. Der Vortragsstil war auch nicht ausnehmend mitreißend. Doch nützlich war der Vortrag allemal angesichts der Tatsache, dass ich vorher kein Wissen, geschweige denn eine Vorstellung von diesem Stück und diesem Komponisten gehabt hatte - nach der Einführung war ich immerhin etwas auf Stil und Konzeption eingestellt.
Die Beethovenhalle, in der das Konzert (so wie alle großen Auftritte des Beethoven-Orchesters) stattfand, überragt nicht durch ihre Größe. Der große Saal kann keine besonders extravagante oder moderne Innenarchitektur vorweisen. Aber langweilig ist sie allemal nicht. Und letztlich besticht sie bekanntermaßen vor allem durch ihre besonders raumfüllende, brillante Akustik. Mangels der nötigen Expertise auf diesem Gebiet konnte ich diesen Vorzug kaum in ausreichender Form würdigen. Meinen laienhaften Ohren gefiel aber auf jeden Fall, was zu hören war.
Mit Preisen zwischen 11 und 29 Euro sind selbst die großen Sinfoniekonzerte des Beethovenorchesters sehr preiswert. So wird dies auch ohne Gutschein sicher nicht mein letzter Besuch in der Beethovenhalle gewesen sein. Denn die gut zwei Stunden inklusive Zugabe mit dem österreichischen Dirigenten Walter Weller haben mir gut gefallen. Das Beethoven-Orchester hat die ohnehin wundervollen Stücke der drei osteuropäischen Komponisten unter dem Motto "Von der großen Sehnsucht" überzeugend und mitreißend aufgeführt, sodass ich die Webseite des Beethoven-Orchesters [3] in der nächsten Saison im Auge behalten werde.
Obwohl die letzte Zeche
in Essen schon 1986 stillgelegt wurde und sich schon
davor eine Verschiebung des wirtschaftlichen
Schwerpunktes zum Dienstleistungssektor angebahnt
hatte, verbinden viele Deutsche mit der zweitgrößten
Stadt des Ruhrgebiets die traditionell verwurzelten
Schlagworte Bergbau und Stahlindustrie.
Deutschlands stärkstes Unternehmen der Stahlindustrie, ThyssenKrupp, sitzt tatsächlich nach wie vor in Essen. Aber längst fließen Essens Steuergelder vornehmlich aus ganz anderen Quellen (Unternehmenssitz Essen haben beispielsweise Aldi Nord, Backwerk, Deichmann, Karstadt oder auch Starbucks Deutschland). Es ist übrigens eine irreführende und vor allem falsche Interpretation, den Namen der Stadt auf den Begriff "Esse" aus der Metallurgie zurückzuführen. Tatsächlich schauen die fast sechshunderttausend Einwohner Essens auf eine 1200jährige Stadtgeschichte zurück, an deren Anfang ein Frauenstift stand. Der Name ist im Laufe der Zeit aus "Astnithi" hervorgegangen, wahrscheinlich der Name eines mittelalterlichen Adelsgeschlechts der Region.
Als ich gestern dank meines NRW-Tickets (Studenten
genießen Freifahrt mit dem öffentlichen Nahverkehr
Nordrhein-Westfalens) in den Genuss eines spontanen
Kurztrips nach Essen kam, konnte ich einen eigenen,
wenn auch kurzen Eindruck davon gewinnen, was die
Metropole, die sich inzwischen "Kulturhauptstadt
Europas 2010" nennen darf, wirklich auszeichnet.
Die besondere Betitelung im Namen der Kultur wird seit
den 80er-Jahren jährlich von der Europäischen Union
vergeben. Und Essen, das sich 2006 stellvertretend für
das Ruhrgebiet um diese Auszeichnung bewarb, ist zu
Recht stolz auf diesen Erfolg: Neben Essen ist in
Deutschland nur Weimar Kulturhauptstadt Europas (1999).
Außerdem erhielt West-Berlin in den 80er-Jahren das
Äquivalent "Kulturstadt Europas".
Vor meinem Kurztrip
hatte ich bereits bemerkt, dass Google Streetview für
Essen verfügbar ist. Dort sah ich mir den Stadtkern
und insbesondere den Bahnhof schonmal an. Letzterer
machte leider keinen guten Eindruck. Das Bildmaterial
von StreetView stellte sich aber als überholt heraus
(von 2009) und als ich schließlich den Essener Bahnhof
mit eigenen Augen begutachtete, bot sich mir ein
wesentlich überzeugenderes Bild. Wahrlich eine Stadt
im Wandel.
Ein vielleicht weniger bedeut- als unterhaltsames Detail ist dabei, dass die McDonald's-Filiale im Norden des Bahnhofs ihren Standort geändert hat: Sie befindet sich jetzt (im Vergleich zu StreetView) auf der anderen Straßenseite und bietet außerdem einen weit attraktiveres Erscheinungsbild, während an ihrem ursprünglichen Standort ein "MrChicken" eingezogen ist, dessen Logo (man beachte "MrCafe") eine beachtliche Ähnlichkeit mit dem Schriftzug seines Vorgängers aufweist [1] - ein Schelm, wer etwas Böses dabei denkt.
Bei meiner nur 6stündigen Erkundung Essens orientierte ich mich am "Kulturpfad", einer Fußgängerroute, die durch blau leuchtende Steine im Pflaster markiert ist und vom Folkwang-Kunstmuseum im Süden sowie vom Ende der Fußgängerzone im Norden begrenzt wird. Näheres über den Kulturpfad kann man in der Touristeninformation vor Ort erfragen. Im dort ausliegenden Flyer gibt es eine kleine Übersichtskarte.
Wie ich im Nachhinein erfuhr, rentiert sich auch ein Besuch des Essener Südens jenseits des Folkwangmuseums. Dort zeigt sich Essen mit dem Grugapark, einem der größten Parks Deutschlands, von seiner grünsten Seite (dort gibt es auch ein von Hundertwasser entworfenes Ronald-McDonald-Haus). Ich selbst bekam davon leider nichts mit, da ich meine Tour mit einem gut eineinhalbstündigen Besuch im Kunstmuseum Folkwang startete, von wo aus mich der Kulturpfad an Erlöserkirche, Folkwangbrücke, Stadtgarten, Saalbau der Philharmonie und Aalto-Oper vorbei nach Norden führte.
Während das Stadtbild südlich des Bahnhofs von modernen und großen Bürogebäuden gesäumt ist, betritt man ausgehend vom Bahnhof nach Norden fast direkt die Fußgängerzone mit zahlreichen modernen Einkaufszentren wie der Rathausgalerie. Hier gibt es auch den ein oder anderen Platz zum Verweilen: etwa neben der Münsterkirche, die eigentlich ein Dom ist.
Bevor man ganz im
Norden zur Sankt-Gertrud-Kirche und ins Nordviertel
dahinter gelangt, muss man allerdings durch einen Teil
der Fußgängerzone, der sich mit Döner-, Sex- und
Shisha-Läden nicht gerade schmückt. (Davor endet der
Kulturpfad natürlich.) Das Nordviertel selbst bekam
ich nicht zu Gesicht. Meine Tour endete an der
U-Bahn-Haltestelle Rheinischer Platz, von wo aus ich
noch einen Blick auf die gewaltige Baustelle werfen
konnte, die einmal der hochmoderne Campus der
Universität Duisburg-Essen werden soll - auch hier ist
der Wandel also noch im Gange.
Insgesamt hat sich mir Essen von einer schönen Seite
gezeigt. Der kulturelle Wandel gibt sich leicht zu
erkennen: Andere deutsche Städte sind sicherlich
schöner, doch der geschichtliche Hintergrund mit den
damit verbundenen Vorurteilen über das Ruhrgebiet
macht einen Besuch Essens sicherlich zu einer
erkenntnisreichen und lohnenden Erfahrung.
Den Kulturpfad im Speziellen halte ich für eine
gelungene Einrichtung. Eventuell wäre etwas
ausgeglicheneres Info-Material angebracht. Für 10 Euro
gibt es ein 200 Seiten starkes Büchlein zum Thema [2]. Wer
allerdings kein Geld ausgeben will und etwas kompaktere
Informationen wünscht, steht mit nichts als dem
mageren Flyer aus der Touristeninformation da.
Unter dem Titel "Rhein
in Flammen" werden jedes Jahr von Mai bis September an
verschiedenen Orten im schönen Rheinland riesige
Feuerwerke gestartet. Dabei fahren hell erleuchtete
Schiffe über den Rhein, die ihren Insassen zum
jeweiligen Zeitpunkt des Feuerwerks einen Blick auf das
Spektakel ermöglichen. Gleichzeitig werden an den
austragenden Orten mehrtägige Volksfeste
veranstaltet.
An diesem Wochenende wurde die diesjährige Veranstaltungsreihe von "Rhein in Flammen" in Bonn eröffnet. Mehrere hunderttausend Besucher strömten in die Rheinauen, wo von Freitag bis Sonntag ein großes Volksfest stattfand. Zum krönenden Höhepunkt, dem Feuerwerk am Samstagabend um 23 Uhr, fand auch ich mich dort ein. Von den über 50 beleuchteten Schiffen auf dem Rhein sah man in den Rheinauen allerdings nichts - dafür hatte man hier eine besonders gute Sicht auf das etwa zwanzigminütige Feuerwerk.
Das Volksfest selbst war nichts, was man nicht schon von anderen Orten kennt, und überragte weder durch die Größe, noch durch die Vielfalt: Auf einer großen und zwei kleineren Bühnen wurde Musik gemacht. Es gab ein paar Fahrgeschäfte inklusive Autoscooter und Riesenrad. Einige größere Unternehmen wie Sparkasse, Post, Stadtwerke und Greenpeace hatten Informations- und Aktionsstände aufgebaut. Und natürlich gab es unzählige Einrichtungen für das leibliche Wohl.
Obwohl ich mich hauptsächlich für das berühmte
Feuerwerk interessierte, war ich schon gegen 18 Uhr in
den Rheinauen, weil das mehr als sommerliche Wetter zum
Entspannen auf den Grünflächen der Rheinauen einlud.
Bis 23 Uhr vervielfachte sich die Zahl der Besucher
und, als das Feuerwerk begann, drängten sich derart
große Menschenmassen in den Rheinauen, dass man fast
nichts mehr von dem sonst üppigen Grün zu sehen
bekam.
Die Wetterlage blieb bis zum Schluss ideal und
angesichts völlig überfüllter Busse und Bahnen
bestritt ich den Heimweg am Rhein entlang zu Fuß.
Dabei konnte ich zuletzt doch noch einen Blick auf die
hell erleuchteten Rheinkreuzer werfen, aus denen
tausende von Menschen ans Ufer und in bereitstehende
Reisebusse strömten.
Ich kann dieses wunderbare Spektakel, insbesondere
natürlich das Feuerwerk, wärmstens weiterempfehlen.
Die Musik, die während des Feuerwerks gespielt wurde,
war angesichts des diesjährigen Themas "Einfach
weltmeisterlich" in Anspielung auf die
Fußballweltmeisterschaft der Frauen mehr als dürftig
(Stadion-Lieder etc.). Aber das trübte das
beeindruckende Feuerwerk kaum.
In den Monaten Juli, August und September werden vier
weitere Feuerwerke am Rhein stattfinden [1]. Dabei
findet das größte Spektakel in Koblenz am 13. August
statt. Hier wurden in den vergangenen Jahren die
aufwändigsten Feuerwerke und die größten
Besucherzahlen verzeichnet. Natürlich besticht die
Region Koblenz auch durch ein besonders malerisches
Rheinpanorama.
Ich begann dieses
Wintersemester zusammen mit fast 200 Studenten ein
Mathematikstudium an der Universität Bonn. Zweihundert
waren zwar schon eine ganze Menge - aber angesichts der
über siebenundzwanzigtausend anderen Studenten,
fühlte ich mich doch nicht so richtig als Student der
Universität Bonn, solange ich keine Ahnung hatte, was
eigentlich in den anderen Fachbereichen dieser großen
Bildungseinrichtung passierte.
Es klingt aber auch wirklich so schrecklich interessant, was sich besonders im Stadtzentrum, im Universitätshauptgebäude, tagtäglich abzuspielen scheint. Ein Blick ins Vorlesungsverzeichnis lässt nur erahnen, was wir Naturwissenschaftler und Mathematiker hier im Poppelsdorfer Campus unbemerkt verpassen.
In einer der vergangenen Wochen nahm ich mir die Zeit, als Fachfremder Einblick in die unterschiedlichen Bereiche der Geisteswissenschaften zu erhalten. Die Freizeit, die mir als Mathestudent noch vergönnt ist, kratzte ich zusammen und füllte sie gnadenlos mit Vorlesungen und Veranstaltungen aller Art aus Romanistik, Hispanistik, Anglistik, Philosophie, Asienwissenschaften, Kommunikationswissenschaften, Klassischer Philologie, Germanistik, Psychologie und Musikwissenschaft.
Das Semester hatte natürlich bereits vor einiger Zeit begonnen, was einerseits den Vorteil hatte, dass die Warmlauf-Phase bereits überstanden war. Andererseits drohte die thematische Desorientierung, die sich bei mir mangels hinreichender Vorkenntnisse hätte einstellen sollen, ein Nachteil zu werden. Diese Befürchtung bestätigte sich allerdings nicht. Das Wissen in den Geisteswissenschaften scheint wenig aufeinander aufzubauen. Dieser Eindruck mag aber auch damit zusammenhängen, dass ich vorwiegend Einführungsveranstaltungen besuchte, in denen breit gefächertes Grundwissen vermittelt wurde.
Ein wenig verwunderlich war es schon, als man in
Einführung in die Kommunikationswissenschaften
die Terminologie des "Kommunizierenden Menschen"
definierte, als sei die Bedeutung des Wortes
"Kommunikation" noch nicht klar - in der sechsten
Veranstaltung.
Der Chinesisch-Kurs für Asienwissenschaftler
war dagegen beeindruckend weit fortgeschritten: Hier
konnte die Dozentin bereits kurze Texte diktieren, die
von den Studenten ziemlich geschickt in den richtigen
chinesischen Schriftzeichen niedergeschrieben
wurden.
Zum Vergleich: Ein Chinesischkurs am
Sprachenzentrum der Universität, dem ich ebenfalls
beiwohnte, war auch nach zwei Semestern noch lange
nicht so weit fortgeschritten wie die Erstsemester im
Kurs für Asienwissenschaften.
Beachtlich, aber nicht weiter verwunderlich, waren die
Französisch-Sprachkenntnisse der Romanistik-Studenten
in der Vorlesung über Varietätenlinguistik.
Die Thematik wurde sehr locker, wenig anspruchsvoll,
aber dafür umso spannender gehandhabt.
Einen ähnlich positiven Eindruck machte die
Einführung in die germanistische Linguistik.
Dieser Vorlesung konnte man auch einigen Anspruch nicht
abstreiten. Dafür schienen allerdings einige Studenten
auch überfordert. Und der Professor, der die Vorlesung
wirklich sehr interessant gestaltete, beklagte sich in
einem kleinen Gespräch am Ende der Vorlesung über
mangelndes Interesse in den Kreisen der Germanisten -
schade, dass es an der Universität Bonn kein eigenes
Fach "Linguistik" gibt.
Vielleicht ein Glanzlicht unter den von mir besuchten Veranstaltungen war eine, die Thomas Manns Epochenroman Der Zauberberg thematisierte, den ich bereits vor fast 4 Jahren etwas stümperhaft in einem viel zu kurzen Artikel erwähnte [1]. In der Vorlesung zum Thema fehlte es jedenfalls nicht an Spannung und Witz und schon gar nicht an Anspruch. Mit freundlicher Genehmigung des Dozenten, werde ich - quasi ein Fremdkörper aus der geradezu literaturfremden Mathematik - an dieser Veranstaltung nun regelmäßig teilnehmen.
In der Einführung in die griechische und
lateinische Literaturgeschichte erarbeitete man
gerade einen Epochenüberblick von griechischer Archaik
bis zu byzantinischer Literatur. Die Vorlesung endete
mit einem kurzen Einblick in die entsprechenden Epochen
der lateinischen Literatur. Hier wurde sehr deutlich,
wie die Fundamentbildung von Wissen in den
Geisteswissenschaften grundlegend anders verläuft als
in der Mathematik. Während man in dieser mit
atemberaubenden Tempo quasi in die Höhe strebt, also
neue Erkenntnisse aus wenigem vorher Erkannten
ableitet, stecken jene das Gebiet zu Anfang breit ab,
um dann nur allmählich die Höhen und Tiefen des
Stoffes zu ergründen.
Dass der Lehrstil der Physiker in dieser Hinsicht
einige Ähnlichkeit mit dem der Mathematiker hat, wurde
übrigens anschließend in der Vorlesung
Theoretische Physik II deutlich. Dort war ich
als Fachfremder gänzlich orientierungslos und hätte
kaum hoffen können, in absehbarer Zeit den Anschluss
zu finden.
Doch zurück zu den Geisteswissenschaften. Ich besuchte
noch eine Vorlesung über Musik in intermedialen
Zusammenhängen, wo man den Film "Ludwig van" aus
den 70er Jahren analysierte. Die Diskussionen fanden
durchaus auf gehobenerem Niveau statt, ich hatte
allerdings keinerlei Schwierigkeiten, den Ausführungen
zu folgen.
Die Einführung in die Philosophie war ähnlich
konzipiert. Der Dozent wagte durchaus, die eine oder
andere schwierige Kontroverse einzuwerfen, blieb aber
auf einer allgemein verständlichen Stilebene. Thema
der Vorlesung, der ich beiwohnte, war die
"Wissenschaftsphilosophie".
Noch eine Einführungsveranstaltung besuchte ich im Bereich Anglistik: Introduction to linguistics. Es handelte sich hierbei um die einzige Vorlesung in meiner Liste, die komplett in einer Fremdsprache gehalten wurde. Doch auch hier gab es weder inhaltliche noch sprachliche Verständnisschwierigkeiten. Ich wohnte einer Besprechung des Themas Varietäten (Dialekte) der englischen Sprache bei. Die Englischkenntnisse aus der Schule reichten für die sprachlichen, meine Allgemeinbildung für die thematischen Ansprüche der Vorlesung völlig aus. Der Professor gestaltete seine Vorlesung zwar interessant, so richtig begeistern konnte ich mich dafür aber nicht.
Zwar inhaltlich hoch interessant und anspruchsvoll, aber bezüglich der Aufmachung absolut einschläfernd war eine Veranstaltung über Ovid-Rezeption im Mittelalter. Natürlich verstehe ich kein Mittelhochdeutsch, aber der Professor übersetzte freundlicherweise alles immer sofort, wenn er etwas zitierte. Und da mir aus dem Lateinunterricht Ovid bereits ein Begriff war, konnte ich auch dieser Thematik recht gut folgen. Nur dass der Professor jeden Satz seines Vortrags mit unwahrscheinlich monotoner Stimme abzulesen schien, war wenig vorteilhaft.
Grundbegriffe der Literaturwissenschaft konnte
der Hispanistik- und Altamerikanistikprofessor in
seiner gleichnamigen Veranstaltung zwar vermitteln. So
richtig kompetent wirkte er dabei aber nicht und die
Grundbegriffe der Lyrik, die in der Vorlesung behandelt
wurden, der ich beiwohnte, waren mir bereits aus der
Schule wohl bekannt.
Ebensowenig waren mir die Themen der Vorlesung
Musikalische Satztechnik und Analyse fremd.
Obwohl es bereits die fünfte Veranstaltung war,
beschäftigte man sich zum ersten Mal mit Dur- und
Moll-Dreiklängen, ihren Umkehrungen und Funktionen und
dem Quintenzirkel. Das Vortragstempo stellte im
Übrigen auch keinen baldigen Wechsel auf eine höhere
Anspruchsebene in Aussicht.
Wesentlich interessanter war schließlich die Einführung in die Psychologie, wo man sich mit dem Libet-Experiment und dem Stanford-Prison-Experiment von Philip Zimbardo (siehe dazu auch den Film mit Moritz Bleibtreu [2]) beschäftigte. Auf Nachfrage ging die Dozentin dabei auch gerne weiter auf aktuelle Standpunkte in der Psychologie ein. Nicht zufriedenstellend beantworten konnte sie allerdings die Nachfragen zu ihrer eigenen Definition vom Begriff "Ich". Ob sie da in einem Anfänger-Kurs nicht zu weit ins Detail gehen wollte oder ob ihre Kompetenz in der Hinsicht zu wünschen übrig ließ, wurde nicht ganz klar.
Obwohl das Universitätshauptgebäude ganz andere
Dimensionen hat als die Gebäude hier im Poppelsdorfer
Campus, fiel kein Hörsaal größer aus, als der große
Hörsaal, in dem wir Mathematiker unsere
Erstsemester-Vorlesungen hören. Zugegebenermaßen habe
ich viele ungewöhnliche und daher erwartungsgemäß
nicht übermäßig stark besuchte Veranstaltungen
besucht. Aber der einen oder anderen hätte ich doch
ein größeres Publikum zugetraut.
Dafür, dass Mathematiker mehr Kapazitäten zu brauchen
scheinen, kommen ihre Vorlesungen im Allgemeinen mit
einfachen traditionellen Methoden ziemlich gut aus,
wohingegen man in den meisten anderen Fächern eine
inflationäre Verwendung von Beamern und anderen
digitalen Medien erkennen kann. Die Tafeln scheinen nur
in Ausnahmefällen Benutzung zu finden, wenn im
jeweiligen Hörsaal überhaupt eine Tafel vorhanden ist
- bisweilen ist zwar eine Tafel da, aber statt Schwamm
und Waschbecken gibt es nur einen Eimer Wasser und ein
winziges Tüchlein. Diese mangelhafte Ausstattung der
Räumlichkeiten im Hauptgebäude stört die Dozenten
aber in der Regel nicht: Ihre Powerpoint-Präsentation
reicht ihnen aus, wenn sie überhaupt irgendein
visuelles Medium verwenden.
Erwähnenswert ist auf jeden Fall außerdem, dass bei
Geisteswissenschaftler ausnahmslos Anwesenheitspflicht
herrscht: Wer sich für eine Veranstaltung einschreibt,
muss dort auch jedes Mal erscheinen, sonst wird ihm
diese nicht angerechnet. Anwesenheitskontrolle über
Unterschriftenlisten ist die Regel. Das kenne ich aus
der Mathematik nicht in dieser Form - zwar wird ein
Tutor niemanden zur Prüfung zulassen, der nie in der
Übung erschienen ist, aber Anwesenheitskontrolle gibt
es dort bisher nicht. Und in den Vorlesungen verzichtet
man auf solcherlei Dinge vollständig.
Aus dem obigen Text geht das inhaltliche Fazit meines
Exkurses bereits hervor: Mathematiker und Physiker
haben eine aufwärtsgerichtete Art des Lernens,
während die meisten Geisteswissenschaftler tendenziell
eher breites Wissen anhäufen, bevor sie zögerlich ein
höheres Niveau angehen. Dadurch fällt es im
Allgemeinen auch Fachfremden nicht schwer, den
Vorlesungen zu folgen. Und wenn man die richtige
Veranstaltung erwischt, kann sie auch ein richtig
spannender und unterhaltsamer, aber natürlich vor
allem inspirierender und informativer Freizeitfüller
sein.
Der Besuch der unterschiedlichen Veranstaltungen war
für mich also eine lohnende Erfahrung, die ich nur
jedem Studenten oder Nichtstudenten (meinen Ausweis hat
man natürlich nie kontrolliert) wärmstens empfehlen
kann.
An jedem dritten Freitag
im Monat findet seit geraumer Zeit in einem kleinen
Bonner Bistro, dem Pauke Life [1], das so genannte
Philosophische Café statt: offene Diskussionsabende zu
philosophischen Themen, an denen jeder teilnehmen darf
- der Eintritt ist frei.
Im Vordergrund steht an diesen Abenden jeweils ein
spezielles Diskussionsthema, das von Markus Melchers,
der sich selbst als "praktischen Philosophen"
bezeichnet, vorgestellt, moderiert und koordiniert
wird.
An zwei Veranstaltungen dieser Reihe zu den Themen
"Zorn" und "Selbsttäuschung" habe ich inzwischen
selbst teilgenommen und dabei einige Interessante
Erfahrungen gemacht.
Das Pauke Life fördert mit der kostenfreien
Veranstaltung das philosophische Interesse vor allem
derjenigen, die zur philosophischen Diskussion mangels
Philosophiestudium nicht kommen. Die Zielgruppe sind
also Laien und mein Eindruck war bisher, dass man im
Philosophischen Café tatsächlich überwiegend solche
antrifft.
Doch es handelt sich meistens um intellektuelle Laien:
interessierte und oft belesene Menschen, die sich gerne
auf große Namen aus Philosophie, Psychologie,
Literatur und so weiter berufen.
Aus diesem Grunde und natürlich wegen der vorsichtigen
Lenkung durch die Moderation behalten die Diskussionen
immer ein recht beeindruckendes Niveau, obwohl sich
Personen ganz unterschiedlicher Generationen daran
beteiligen. Ich gehöre mit dem frühen studentischen
Alter eher zu den jüngsten in der Runde, aber wie sich
beim letzten Mal gezeigt hat, stört auch eine
Schulklasse nicht das friedliche Bild.
Die beiden Philosophischen Cafés, denen ich bisher
beiwohnte, waren gut besucht, das zweite sogar
hoffnungslos überfüllt, was aber unter Umständen
damit erklärt werden kann, dass - wie eben erwähnt -
eine ganze Schulklasse zusätzlich im Raum saß.
Herr Melchers gelingt es bei den vielen Menschen sehr
gut, jeden zu Wort kommen zu lassen, und bisher war es
nie nötig, einem Sprecher, der allzu viel zu sagen
hatte, das Wort abzuschneiden. Auch ernstere
Streitereien und Fehlgriffe im Tonfall treten meiner
Erfahrung nach nicht auf.
Die Diskussionsabende bieten also ein gemütliches
Ambiente zum intellektuellen Gedankenaustausch - ohne
Rotweingläser übrigens, denn, da das Pauke Life ein
Träger der Bonner Suchthilfe ist, ist in der
Einrichtung Alkohol- und Tabakkonsum untersagt.
So positive Worte kann man über die inhaltliche
Entwicklung der Diskussionen aber nicht verlieren, was
ganz natürlich darauf zurückzuführen ist, dass sich
viel zu viele Menschen gleichzeitig an den Diskussionen
beteiligen. Konkret äußert sich das darin, dass es
zwar immer um ein recht überschaubares
Diskussionsthema (etwa "Zorn") geht, aber trotzdem sehr
bald klar wird, dass Uneinigkeit darüber herrscht, was
dieser Begriff eigentlich bedeutet. Das führt
regelmäßig zu scheinbar willkürlichen und aus der
Luft gegriffenen Abgrenzungen zu anderen Begriffen
(etwa "Wut","Empörung","Entrüstung"). Das klingt zwar
nicht so falsch, löst das Problem aber nicht, weil ja
auch über diese neuen Begriffe keine Einigkeit
herrscht.
Das Thema hinreichend genau zu definieren, wäre an
dieser Stelle eigentlich Aufgabe des Moderators, der
davor aber zurückschreckt: Man will an diesen Abenden
nämlich einen offenen Diskussionsstil wahren und dazu
zählt man eben auch, dass die Diskussionsteilnehmer
selbst es sind, die das Thema hinreichend abgrenzen. Da
ihnen das nicht gelingt, wäre es eine Überlegung
wert, entweder die Abgrenzung strenger vorzugeben, oder
die Diskussion schon früh zu einer Einigung zumindest
bezüglich des Diskussionsthemas zu lenken.
Doch wie bereits erwähnt halte ich die inhaltliche
Schwäche dieser Abende für ein kaum zu bändigendes
Resultat der unüberschaubaren Zielgruppe. Diese
Schwäche tut im Übrigen dem Charakter eines
intellektuell inspirierenden und kurzweiligen
Zeitvertreibs durchaus keinen Abbruch.
Dass der "praktische" Philosoph lange nicht in allen
Teilnehmern der Runde steckte, wurde übrigens
spätestens da klar, als die Dame, die am Anfang der
Veranstaltung erklärte, man verbiete hier aus guten
Gründen Alkohol- und Nikotinkonsum, vor dem Café
nervös an einer Zigarette ziehend in denkwürdige
Erscheinung trat.
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