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Schlagwort "Bonn"

Kulturelle Erlebnisse in Bonn: Teil 3 - Das Beethoven-Orchester

Bevor mein Gutschein-Paket Ende des Semesters (für Erstsemester) bzw. im September (für Neubürger) seine Gültigkeit verliert [1], musste ich wenigstens noch von dem verlockenden Angebot Gebrauch machen, kostenfrei einer Vorstellung des Beethovenorchesters beizuwohnen. Weil ich schön länger besondere Sympathie für die neunte und letzte Sinfonie ("Aus der neuen Welt") Antonín Dvořáks  hegte, sollte der Gutschein anlässlich des sechsten Sonntagskonzert [2] am vergangenen Sonntagabend Verwendung finden.

Mit zwei Kommilitonen, die ebenfalls ihre Gutscheine einsetzten, besorgten wir knapp zwei Wochen zuvor Karten und erhielten drei Plätze nebeneinander im Rang (teuerste Preisklasse). Zum Konzert selbst erschienen wir dann eine gute halbe Stunde vor Beginn und konnten so noch anhören, was Ulrich Wilker (von der Kölner Universität) über das modernste der drei für diesen Abend geplanten Stücke zu erzählen hatte: Das heißt, er sprach über das Konzert für Violoncello und Orchester des polnischen Komponisten Witold Lutosławski. In der kurzen Zeit konnte der junge Mann natürlich keine bahnbrechenden Erkenntnisse vermitteln. Der Vortragsstil war auch nicht ausnehmend mitreißend. Doch nützlich war der Vortrag allemal angesichts der Tatsache, dass ich vorher kein Wissen, geschweige denn eine Vorstellung von diesem Stück und diesem Komponisten gehabt hatte - nach der Einführung war ich immerhin etwas auf Stil und Konzeption eingestellt.

Die Beethovenhalle, in der das Konzert (so wie alle großen Auftritte des Beethoven-Orchesters) stattfand, überragt nicht durch ihre Größe. Der große Saal kann keine besonders extravagante oder moderne Innenarchitektur vorweisen. Aber langweilig ist sie allemal nicht. Und letztlich besticht sie bekanntermaßen vor allem durch ihre besonders raumfüllende, brillante Akustik. Mangels der nötigen Expertise auf diesem Gebiet konnte ich diesen Vorzug kaum in ausreichender Form würdigen. Meinen laienhaften Ohren gefiel aber auf jeden Fall, was zu hören war.

Mit Preisen zwischen 11 und 29 Euro sind selbst die großen Sinfoniekonzerte des Beethovenorchesters sehr preiswert. So wird dies auch ohne Gutschein sicher nicht mein letzter Besuch in der Beethovenhalle gewesen sein. Denn die gut zwei Stunden inklusive Zugabe mit dem österreichischen Dirigenten Walter Weller haben mir gut gefallen. Das Beethoven-Orchester hat die ohnehin wundervollen Stücke der drei osteuropäischen Komponisten unter dem Motto "Von der großen Sehnsucht" überzeugend und mitreißend aufgeführt, sodass ich die Webseite des Beethoven-Orchesters [3] in der nächsten Saison im Auge behalten werde.

Feuerwerks-Spektakel in den Rheinauen

Unter dem Titel "Rhein in Flammen" werden jedes Jahr von Mai bis September an verschiedenen Orten im schönen Rheinland riesige Feuerwerke gestartet. Dabei fahren hell erleuchtete Schiffe über den Rhein, die ihren Insassen zum jeweiligen Zeitpunkt des Feuerwerks einen Blick auf das Spektakel ermöglichen. Gleichzeitig werden an den austragenden Orten mehrtägige Volksfeste veranstaltet.

An diesem Wochenende wurde die diesjährige Veranstaltungsreihe von "Rhein in Flammen" in Bonn eröffnet. Mehrere hunderttausend Besucher strömten in die Rheinauen, wo von Freitag bis Sonntag ein großes Volksfest stattfand. Zum krönenden Höhepunkt, dem Feuerwerk am Samstagabend um 23 Uhr, fand auch ich mich dort ein. Von den über 50 beleuchteten Schiffen auf dem Rhein sah man in den Rheinauen allerdings nichts - dafür hatte man hier eine besonders gute Sicht auf das etwa zwanzigminütige Feuerwerk.

Das Volksfest selbst war nichts, was man nicht schon von anderen Orten kennt, und überragte weder durch die Größe, noch durch die Vielfalt: Auf einer großen und zwei kleineren Bühnen wurde Musik gemacht. Es gab ein paar Fahrgeschäfte inklusive Autoscooter und Riesenrad. Einige größere Unternehmen wie Sparkasse, Post, Stadtwerke und Greenpeace hatten Informations- und Aktionsstände aufgebaut. Und natürlich gab es unzählige Einrichtungen für das leibliche Wohl.

Obwohl ich mich hauptsächlich für das berühmte Feuerwerk interessierte, war ich schon gegen 18 Uhr in den Rheinauen, weil das mehr als sommerliche Wetter zum Entspannen auf den Grünflächen der Rheinauen einlud. Bis 23 Uhr vervielfachte sich die Zahl der Besucher und, als das Feuerwerk begann, drängten sich derart große Menschenmassen in den Rheinauen, dass man fast nichts mehr von dem sonst üppigen Grün zu sehen bekam.
Die Wetterlage blieb bis zum Schluss ideal und angesichts völlig überfüllter Busse und Bahnen bestritt ich den Heimweg am Rhein entlang zu Fuß. Dabei konnte ich zuletzt doch noch einen Blick auf die hell erleuchteten Rheinkreuzer werfen, aus denen tausende von Menschen ans Ufer und in bereitstehende Reisebusse strömten.

Ich kann dieses wunderbare Spektakel, insbesondere natürlich das Feuerwerk, wärmstens weiterempfehlen. Die Musik, die während des Feuerwerks gespielt wurde, war angesichts des diesjährigen Themas "Einfach weltmeisterlich" in Anspielung auf die Fußballweltmeisterschaft der Frauen mehr als dürftig (Stadion-Lieder etc.). Aber das trübte das beeindruckende Feuerwerk kaum.
In den Monaten Juli, August und September werden vier weitere Feuerwerke am Rhein stattfinden [1]. Dabei findet das größte Spektakel in Koblenz am 13. August statt. Hier wurden in den vergangenen Jahren die aufwändigsten Feuerwerke und die größten Besucherzahlen verzeichnet. Natürlich besticht die Region Koblenz auch durch ein besonders malerisches Rheinpanorama.

08.05.2011 13:43 - Tags: Exkurs Kunst Bonn

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Workload und Klausuren im Mathematikstudium

Nachdem ich das erste Semester des Mathematikstudiums an der Universität Bonn nun hinter mir habe, ist es an der Zeit für einen kurzen Rückblick. Gleichzeitig mit mir begannen im vergangenen Wintersemester einige Bekannte ein Studium in unterschiedlichen Fächern und Hochschulen. Es bietet sich also hier und dort ein Vergleich an.

Immer wieder werde ich gefragt, ob das Mathematikstudium eine große Belastung darstellt. Obwohl Mathematik alles andere als beliebt ist und zumeist nicht mal ihr wahrer Nutzen erkannt wird, hat sie doch den Ruf eines ausgesprochen anspruchsvollen Faches. Es scheint daher überraschend, dass beim Studium der Medizin, verschiedener Natur- und Ingenieurwissenschaften sowie der Wirtschaftswissenschaften weitaus mehr Module und Klausuren pro Semester anfallen: Nicht nur in Bonn hat ein Mathematikstudent im ersten Semester lediglich drei Module - Lineare Algebra, Analysis und Algorithmische Mathematik - und jeweils eine Klausur am Ende des Semesters. Praktika in der vorlesungsfreien Zeit gibt es in aller Regel nicht. In den allermeisten Veranstaltungen wird die Anwesenheit gar nicht überprüft.

Zunächst einmal sei zum so genannten "Workload" während des Semesters erwähnt, dass Mathestudenten für die genannten drei Module jeweils 9 Leistungspunkte erhalten und pro Modul und Woche entsprechend zwei Doppelstunden Vorlesungen und zusätzlich zwei bis vier Doppelstunden Übungen anfallen. Dabei bekommen Studenten jede Woche drei Übungsblätter, deren Lösung traditionell einige Zeit in Anspruch nimmt.
Mit 24 so genannten "Semesterwochenstunden" und insgesamt 27 Leistungspunkten fiel mein erstes Semester so mager also nicht aus. (Im Bachelorstudiengang mit 180 Leistungspunkten entfallen auf die üblichen sechs Semester rechnerisch jeweils 30 Leistungspunkte.) In anderen Studiengängen verteilen sich die Punkte innerhalb eines Semesters auf mehr Fächer, die entsprechend oft jeweils nur eine Vorlesung pro Woche umfassen.

Dass ich im vergangenen Semester nur drei Klausuren schreiben musste, war tatsächlich sehr angenehm. Dadurch war ich ziemlich früh fertig. Und weil auf die vorlesungsfreie Zeit von Mathestudenten keine Praktika entfallen, genieße ich besonders lange "Semesterferien". Die Klausuren fallen mit 90 bis 150 Minuten auch nicht so lange aus, wie man aufgrund der umfangreichen Module vermuten würde. Man bedenke aber, dass die Dauer der Klausuren noch nichts über deren Anspruch und die tatsächliche Lernbelastung aussagt. Ebenso erwähnenswert ist die Tatsache, dass sämtliche Klausuren im Mathematikstudium benotet werden. Es geht nie nur um Bestehen oder Durchfallen.

Während die obigen Zeilen klarstellen sollen, dass mein erstes Semester nicht so entspannt ausfiel, wie oft vermutet wurde, wenn ich von nur drei Modulen bzw. Klausuren und sechs Wochen arbeitsfreier Zeit berichtete, liegt mir auch daran, Studieninteressierten und Fachfremden ein vollständiges und realistisches Bild vom Mathematikstudium zu vermitteln.
Das Studium der Mathematik ist nicht strukturell anspruchsvoll aufgebaut. Der Anspruch im Mathematikstudium beruht also alleine auf der fachlichen Dimension, nicht auf der Masse der Veranstaltungen und Klausuren wie in Jura, Medizin, Wirtschaftswissenschaften oder ähnlich angelegten Studiengängen.
Traurigerweise wird in der Schule ein Bild von Mathematik entworfen, dass sie als pure Hilfswissenschaft darstellt. Diese Verzerrung hat nicht nur ideologische Folgen in der Sicht auf die Mathematik. Tatsächlich ergeben sich auch inhaltliche Fehleinschätzungen. Was es nicht nur ideologisch, sondern auch thematisch für die Mathematik bedeutet, dass sie eine Strukturwissenschaft und keine bloße Hilfswissenschaft ist, vermittelt Pierre Basieux unterhaltsam, aber immer anspruchsvoll und vor allem korrekt in seinem Buch "Die Architektur der Mathematik" auf nicht ganz 200 Seiten [1].
Diese thematische Einsicht erhalten in der Regel bestenfalls Physikstudenten und selbst die nur unvollständig und in aller Kürze. Tatsächlich handelt es sich bei der Mathematik, die in Medizin, Psychologie, Biologie, Wirtschaftswissenschaften, aber auch Informatik und Chemie behandelt wird, um nicht viel mehr als eine Fortsetzung der Schulmathematik. Das ist natürlich ganz zweckmäßig - die falsche Vorstellung davon, womit sich Mathematiker beschäftigen, wird dadurch aber leider nur vertieft.

Übrigens sind meine "Semesterferien" nicht völlig arbeitsfrei: Schon vorm ersten Semester musste ich die Programmiersprache C lernen, in der wir in Algorithmischer Mathematik programmieren mussten. Analog sind Kenntnisse in der Bedienung und Programmierung von Mathematica Voraussetzung fürs zweite Semester. Das scheint in diesem Ausmaße aber eine Bonner Eigenheit zu sein. Darüber hinaus muss ich einen Vortrag für das Pflichtseminar im kommenden Sommersemester vorbereiten.

Insgesamt ist mein vorläufiges Fazit also, dass das erste Semester des Mathematikstudiums mit nur drei Modulen eine angenehme Übersichtlichkeit aufweist, die ich gar nicht leugnen will. Andererseits bilden die behandelten Themen aber einen höchst anspruchsvollen Kanon, an dem sicherlich jeder Studienanfänger nicht erst in den abschließenden Klausuren zu beißen hat. Studieninteressierte sollten sich dennoch keine Sorgen um den Schwierigkeitsgrad an sich machen. Ich würde jedem das oben angeführte Buch von Basieux ans Herz legen. Wen die darin beschriebenen Konzepte überzeugen und begeistern, hat sicherlich eine realistische Chance, das Mathematikstudium zwar bestimmt nicht mit Leichtigkeit, aber doch mit viel Spaß und Inspiration zu meistern.

Über das Nebenfach im Mathematikstudium

Mathematik alleine ist nichts Richtiges - diese Ansicht vertreten offenbar traditionell auch die eigentlich doch eher akademisch ausgerichteten Universitäten. Schon länger ist es beim Studium der Mathematik daher in allen deutschen Universitäten Pflicht, ein Nebenfach zu belegen. Das nimmt zwar von 180 zu erreichenden Punkten nur etwa 30 (in Bonn sind es sogar nur 24) Punkte ein. Man will dann aber doch lieber nicht einfach "ins Blaue" wählen.
Natürlich ist der ursprüngliche Sinn dieser Regelung, Mathematik im Anwendungsbezug kennen zu lernen. Aus diesem Grund bilden Informatik, Naturwissenschaften und wirtschaftliche Fächer das Standardprogramm. Die meisten Universitäten (auch Bonn) akzeptieren aber inzwischen auch alle anderen Fächer aus dem Studienangebot der Universität. Eine ungewöhnliche Nebenfachwahl wird dabei üblicherweise mit einer Erweiterung des Horizonts über die Mathematik und ihre direkten Anwendungen hinaus begründet.

Während man in den meisten Universitäten sein Nebenfach bereits mit Studienbeginn auswählt und belegt, beschränkt man sich in Bonn in den ersten zwei Semestern ausschließlich auf die Mathematik. Die 24 im Nebenfach zu erreichenden Punkte teilen sich dann in der Regel gleichmäßig auf 6 Punkte (also eine Veranstaltung) pro Semester auf.
Als ich mich vom Bonner Servicebüro für Mathematik über die Möglichkeiten bei der Nebenfachwahl informieren ließ, betonte man, dass dem obligatorischen Begründungsschreiben keine besondere Bedeutung zukomme. Die größte Hürde, die jemand, der sich in diesem Sinne "breit aufstellen" will, zu nehmen hat, sei, dass man in aller Regel Gefahr läuft, organisatorische Probleme mit der fachfremden Fakultät und dem eigenen Stundenplan zu bekommen.

Insbesondere fühlt sich die Universität offenbar dafür verantwortlich, dass ihre Studenten das gewählte Nebenfach auch wirklich werden durchziehen können. Außerdem sollen die im Nebenfach gewählten Veranstaltungen nicht völlig wahllos zusammengewürfelt sein, sondern ein rundes Paket abgeben.
Einem Studenten, der statt eines regulären Nebenfachs direkt ein zweites Hauptstudium in einem zweiten Fach neben der Mathematik beginnt, wird daher in der Regel keine weitere Bedingung gestellt: Seine Studienorganisation ergibt sich dann nämlich aus dem Curriculum des zweiten Hauptfachs - hier fühlt sich die Universität weitgehend von der Aufsichtspflicht befreit. Der Student kann danach üblicherweise ohne weitere Komplikationen Module, die er im zweiten Hauptfach belegt hat, als Nebenfach für das Mathematikstudium anrechnen lassen.

Auf Ablehnung der fachfremden Fakultäten stößt man bei der Nebenfachwahl übrigens meistens auch nicht. In Romanistik beispielsweise zeigte man sich ausgesprochen kooperativ. Das letzte Wort übergab man zwar dem Dekanat der philosophischen Fakultät, deutete aber bereits an, dass sich da sicher eine Regelung finden werde. In letzter Konsequenz sei es auch nicht unüblich, sich für das Hauptfach Romanistik einzuschreiben und dort nur diejenigen Veranstaltungen zu besuchen, die man möchte und braucht.
Die Abteilung für Lateinische und Griechische Literatur, die seit Nietzsches Zeiten in Bonn leider etwas eingeschrumpft ist, war sogar hoch erfreut über einen interessierten Studenten. Man versicherte mir hier, dass man alles in Bewegung setzen werde, um mir dieses Nebenfach möglich zu machen. Unzählige Modulkombinationen wurden durchgesprochen und zuletzt betonte man, die Wahl der Module sei mir doch eigentlich völlig freigestellt. Alles ließe sich einrichten, solange sich nur die mathematische Fakultät damit einverstanden zeige.

Insbesondere bevor ich überhaupt mit dem Mathestudium begonnen hatte, lag mir diese Nebenfachangelegenheit schwer auf der Brust. Im Internet fand ich viele unterschiedliche, teilweise widersprüchliche Meinungen darüber. Ich möchte daher mit diesem Artikel einige Orientierung bieten und gleichzeitig darauf hinweisen, dass es wohl immer der einfachste und befriedigendste Weg sein wird, in der Sprechstunde der Studienberatung einer mathematischen Fakultät über das Thema zu reden.
Was ich momentan noch nicht bieten kann, ist die Antwort auf die höchst interessante Frage, ob das Nebenfach irgendeine Relevanz für die spätere Berufswahl oder die beruflichen Chancen haben wird. Fest steht aber, dass Mathematiker ganz allgemein in allen nur erdenklichen Bereichen gesucht und eingesetzt werden. Außerdem vermute ich ganz stark, dass das Nebenfach mit seinen kaum 30 Leistungspunkten nur schwerlich ins Gewicht fallen wird.

    Das Studium der Anderen: Eindrücke eines Fachfremden

    Ich begann dieses Wintersemester zusammen mit fast 200 Studenten ein Mathematikstudium an der Universität Bonn. Zweihundert waren zwar schon eine ganze Menge - aber angesichts der über siebenundzwanzigtausend anderen Studenten, fühlte ich mich doch nicht so richtig als Student der Universität Bonn, solange ich keine Ahnung hatte, was eigentlich in den anderen Fachbereichen dieser großen Bildungseinrichtung passierte.

    Es klingt aber auch wirklich so schrecklich interessant, was sich besonders im Stadtzentrum, im Universitätshauptgebäude, tagtäglich abzuspielen scheint. Ein Blick ins Vorlesungsverzeichnis lässt nur erahnen, was wir Naturwissenschaftler und Mathematiker hier im Poppelsdorfer Campus unbemerkt verpassen.

    In einer der vergangenen Wochen nahm ich mir die Zeit, als Fachfremder Einblick in die unterschiedlichen Bereiche der Geisteswissenschaften zu erhalten. Die Freizeit, die mir als Mathestudent noch vergönnt ist, kratzte ich zusammen und füllte sie gnadenlos mit Vorlesungen und Veranstaltungen aller Art aus Romanistik, Hispanistik, Anglistik, Philosophie, Asienwissenschaften, Kommunikationswissenschaften, Klassischer Philologie, Germanistik, Psychologie und Musikwissenschaft.

    Das Semester hatte natürlich bereits vor einiger Zeit begonnen, was einerseits den Vorteil hatte, dass die Warmlauf-Phase bereits überstanden war. Andererseits drohte die thematische Desorientierung, die sich bei mir mangels hinreichender Vorkenntnisse hätte einstellen sollen, ein Nachteil zu werden. Diese Befürchtung bestätigte sich allerdings nicht. Das Wissen in den Geisteswissenschaften scheint wenig aufeinander aufzubauen. Dieser Eindruck mag aber auch damit zusammenhängen, dass ich vorwiegend Einführungsveranstaltungen besuchte, in denen breit gefächertes Grundwissen vermittelt wurde.

    Ein wenig verwunderlich war es schon, als man in Einführung in die Kommunikationswissenschaften die Terminologie des "Kommunizierenden Menschen" definierte, als sei die Bedeutung des Wortes "Kommunikation" noch nicht klar - in der sechsten Veranstaltung.
    Der Chinesisch-Kurs für Asienwissenschaftler war dagegen beeindruckend weit fortgeschritten: Hier konnte die Dozentin bereits kurze Texte diktieren, die von den Studenten ziemlich geschickt in den richtigen chinesischen Schriftzeichen niedergeschrieben wurden.
    Zum Vergleich: Ein Chinesischkurs am Sprachenzentrum der Universität, dem ich ebenfalls beiwohnte, war auch nach zwei Semestern noch lange nicht so weit fortgeschritten wie die Erstsemester im Kurs für Asienwissenschaften.

    Beachtlich, aber nicht weiter verwunderlich, waren die Französisch-Sprachkenntnisse der Romanistik-Studenten in der Vorlesung über Varietätenlinguistik. Die Thematik wurde sehr locker, wenig anspruchsvoll, aber dafür umso spannender gehandhabt.
    Einen ähnlich positiven Eindruck machte die Einführung in die germanistische Linguistik. Dieser Vorlesung konnte man auch einigen Anspruch nicht abstreiten. Dafür schienen allerdings einige Studenten auch überfordert. Und der Professor, der die Vorlesung wirklich sehr interessant gestaltete, beklagte sich in einem kleinen Gespräch am Ende der Vorlesung über mangelndes Interesse in den Kreisen der Germanisten - schade, dass es an der Universität Bonn kein eigenes Fach "Linguistik" gibt.

    Vielleicht ein Glanzlicht unter den von mir besuchten Veranstaltungen war eine, die Thomas Manns Epochenroman Der Zauberberg thematisierte, den ich bereits vor fast 4 Jahren etwas stümperhaft in einem viel zu kurzen Artikel erwähnte [1]. In der Vorlesung zum Thema fehlte es jedenfalls nicht an Spannung und Witz und schon gar nicht an Anspruch. Mit freundlicher Genehmigung des Dozenten, werde ich - quasi ein Fremdkörper aus der geradezu literaturfremden Mathematik - an dieser Veranstaltung nun regelmäßig teilnehmen.

    In der Einführung in die griechische und lateinische Literaturgeschichte erarbeitete man gerade einen Epochenüberblick von griechischer Archaik bis zu byzantinischer Literatur. Die Vorlesung endete mit einem kurzen Einblick in die entsprechenden Epochen der lateinischen Literatur. Hier wurde sehr deutlich, wie die Fundamentbildung von Wissen in den Geisteswissenschaften grundlegend anders verläuft als in der Mathematik. Während man in dieser mit atemberaubenden Tempo quasi in die Höhe strebt, also neue Erkenntnisse aus wenigem vorher Erkannten ableitet, stecken jene das Gebiet zu Anfang breit ab, um dann nur allmählich die Höhen und Tiefen des Stoffes zu ergründen.
    Dass der Lehrstil der Physiker in dieser Hinsicht einige Ähnlichkeit mit dem der Mathematiker hat, wurde übrigens anschließend in der Vorlesung Theoretische Physik II deutlich. Dort war ich als Fachfremder gänzlich orientierungslos und hätte kaum hoffen können, in absehbarer Zeit den Anschluss zu finden.

    Doch zurück zu den Geisteswissenschaften. Ich besuchte noch eine Vorlesung über Musik in intermedialen Zusammenhängen, wo man den Film "Ludwig van" aus den 70er Jahren analysierte. Die Diskussionen fanden durchaus auf gehobenerem Niveau statt, ich hatte allerdings keinerlei Schwierigkeiten, den Ausführungen zu folgen.
    Die Einführung in die Philosophie war ähnlich konzipiert. Der Dozent wagte durchaus, die eine oder andere schwierige Kontroverse einzuwerfen, blieb aber auf einer allgemein verständlichen Stilebene. Thema der Vorlesung, der ich beiwohnte, war die "Wissenschaftsphilosophie".

    Noch eine Einführungsveranstaltung besuchte ich im Bereich Anglistik: Introduction to linguistics. Es handelte sich hierbei um die einzige Vorlesung in meiner Liste, die komplett in einer Fremdsprache gehalten wurde. Doch auch hier gab es weder inhaltliche noch sprachliche Verständnisschwierigkeiten. Ich wohnte einer Besprechung des Themas Varietäten (Dialekte) der englischen Sprache bei. Die Englischkenntnisse aus der Schule reichten für die sprachlichen, meine Allgemeinbildung für die thematischen Ansprüche der Vorlesung völlig aus. Der Professor gestaltete seine Vorlesung zwar interessant, so richtig begeistern konnte ich mich dafür aber nicht.

    Zwar inhaltlich hoch interessant und anspruchsvoll, aber bezüglich der Aufmachung absolut einschläfernd war eine Veranstaltung über Ovid-Rezeption im Mittelalter. Natürlich verstehe ich kein Mittelhochdeutsch, aber der Professor übersetzte freundlicherweise alles immer sofort, wenn er etwas zitierte. Und da mir aus dem Lateinunterricht Ovid bereits ein Begriff war, konnte ich auch dieser Thematik recht gut folgen. Nur dass der Professor jeden Satz seines Vortrags mit unwahrscheinlich monotoner Stimme abzulesen schien, war wenig vorteilhaft.

    Grundbegriffe der Literaturwissenschaft konnte der Hispanistik- und Altamerikanistikprofessor in seiner gleichnamigen Veranstaltung zwar vermitteln. So richtig kompetent wirkte er dabei aber nicht und die Grundbegriffe der Lyrik, die in der Vorlesung behandelt wurden, der ich beiwohnte, waren mir bereits aus der Schule wohl bekannt.
    Ebensowenig waren mir die Themen der Vorlesung Musikalische Satztechnik und Analyse fremd. Obwohl es bereits die fünfte Veranstaltung war, beschäftigte man sich zum ersten Mal mit Dur- und Moll-Dreiklängen, ihren Umkehrungen und Funktionen und dem Quintenzirkel. Das Vortragstempo stellte im Übrigen auch keinen baldigen Wechsel auf eine höhere Anspruchsebene in Aussicht.

    Wesentlich interessanter war schließlich die Einführung in die Psychologie, wo man sich mit dem Libet-Experiment und dem Stanford-Prison-Experiment von Philip Zimbardo (siehe dazu auch den Film mit Moritz Bleibtreu [2]) beschäftigte. Auf Nachfrage ging die Dozentin dabei auch gerne weiter auf aktuelle Standpunkte in der Psychologie ein. Nicht zufriedenstellend beantworten konnte sie allerdings die Nachfragen zu ihrer eigenen Definition vom Begriff "Ich". Ob sie da in einem Anfänger-Kurs nicht zu weit ins Detail gehen wollte oder ob ihre Kompetenz in der Hinsicht zu wünschen übrig ließ, wurde nicht ganz klar.

    Obwohl das Universitätshauptgebäude ganz andere Dimensionen hat als die Gebäude hier im Poppelsdorfer Campus, fiel kein Hörsaal größer aus, als der große Hörsaal, in dem wir Mathematiker unsere Erstsemester-Vorlesungen hören. Zugegebenermaßen habe ich viele ungewöhnliche und daher erwartungsgemäß nicht übermäßig stark besuchte Veranstaltungen besucht. Aber der einen oder anderen hätte ich doch ein größeres Publikum zugetraut.
    Dafür, dass Mathematiker mehr Kapazitäten zu brauchen scheinen, kommen ihre Vorlesungen im Allgemeinen mit einfachen traditionellen Methoden ziemlich gut aus, wohingegen man in den meisten anderen Fächern eine inflationäre Verwendung von Beamern und anderen digitalen Medien erkennen kann. Die Tafeln scheinen nur in Ausnahmefällen Benutzung zu finden, wenn im jeweiligen Hörsaal überhaupt eine Tafel vorhanden ist - bisweilen ist zwar eine Tafel da, aber statt Schwamm und Waschbecken gibt es nur einen Eimer Wasser und ein winziges Tüchlein. Diese mangelhafte Ausstattung der Räumlichkeiten im Hauptgebäude stört die Dozenten aber in der Regel nicht: Ihre Powerpoint-Präsentation reicht ihnen aus, wenn sie überhaupt irgendein visuelles Medium verwenden.
    Erwähnenswert ist auf jeden Fall außerdem, dass bei Geisteswissenschaftler ausnahmslos Anwesenheitspflicht herrscht: Wer sich für eine Veranstaltung einschreibt, muss dort auch jedes Mal erscheinen, sonst wird ihm diese nicht angerechnet. Anwesenheitskontrolle über Unterschriftenlisten ist die Regel. Das kenne ich aus der Mathematik nicht in dieser Form - zwar wird ein Tutor niemanden zur Prüfung zulassen, der nie in der Übung erschienen ist, aber Anwesenheitskontrolle gibt es dort bisher nicht. Und in den Vorlesungen verzichtet man auf solcherlei Dinge vollständig.

    Aus dem obigen Text geht das inhaltliche Fazit meines Exkurses bereits hervor: Mathematiker und Physiker haben eine aufwärtsgerichtete Art des Lernens, während die meisten Geisteswissenschaftler tendenziell eher breites Wissen anhäufen, bevor sie zögerlich ein höheres Niveau angehen. Dadurch fällt es im Allgemeinen auch Fachfremden nicht schwer, den Vorlesungen zu folgen. Und wenn man die richtige Veranstaltung erwischt, kann sie auch ein richtig spannender und unterhaltsamer, aber natürlich vor allem inspirierender und informativer Freizeitfüller sein.
    Der Besuch der unterschiedlichen Veranstaltungen war für mich also eine lohnende Erfahrung, die ich nur jedem Studenten oder Nichtstudenten (meinen Ausweis hat man natürlich nie kontrolliert) wärmstens empfehlen kann.

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