Jeder Rhetorik-Ratgeber
und -Lehrgang geht mindestens kurz auf die Verwendung
so genannter Verzögerungslaute oder Pausenfüller ein:
äh, öhm, hmm und so fort. Die konsequente
Verdrängung dieser Laute aus dem eloquenten
Sprachgebrauch ist schon lange eine einprägsame
Grundregel der Redekunst, die in Frage zu stellen
lächerlich klingt.
Bemerkenswert ist allerdings, dass diese Laute eine so bedeutsame Stellung in Unterhaltungen einnehmen, dass man sie sogar in Chaträumen im Internet verwendet. Das verwundert vor allem, wenn man einmal hinter die anatomisch-physiologische Ursache für die scheinbar bedeutungslosen Pausenfüller gekommen ist: Tatsächlich verhindern sie nämlich, dass man förmlich aus dem Redefluss kommt, indem sie die so genannte "Sprechatmung" aufrecht erhalten und das Zurückfallen in die übliche Atemtechnik, bei der Phasen des Einatmens und Ausatmens viel gleichmäßiger verteilt sind, verhindern.
Die ausgeschriebenen Verzögerungslaute im
Internet-Chat erfüllen diese physiologische Funktion
selbstverständlich nicht. Ihre Verwendung legt also
nahe, dass sie noch mindestens einen anderen Zweck
erfüllen: Sie sind auch Informationsträger.
Diese Feststellung war auch schon Thema eines sehr
knapp gehaltenen Artikels auf der Webseite der
Zeitschrift "Bild der Wissenschaft" im Jahre 2002 [1].
In der gedruckten Ausgabe dieser Zeitschrift gab es
dann 2007 einen ausführlicheren Bericht über eine
Studie zum Thema. Das Nachrichtenportal Wienweb bezieht
sich darauf in einem Artikel [2].
Die Ergebnisse der Studie legen nahe, dass die
Verwendung der Verzögerungslaute an sinnvoll
gewählten Stellen im Redefluss die Aufmerksamkeit der
Zuhörer nachweislich erhöhen kann. Das ist auch nicht
schwer nachzuvollziehen, wenn man bedenkt, dass diese
Laute insbesondere an Stellen eingeflochten werden, an
denen der Sprecher es für notwendig hält, seine
Gedanken neu zu ordnen. Das signalisiert dem Zuhörer
entsprechend, dass jetzt etwas Kompliziertes folgen
wird. In anderen Fällen können die Pausenfüller auch
ausdrücken, dass die folgende Information mit einiger
Unsicherheit behaftet ist, und oft sind auch völlig
situationsbezogene Deutungen denkbar.
Die Verzögerungslaute verschaffen dem
Gesprächspartner also einen Einblick in eine
Gedankenebene, die im sonstigen Gesprächsinhalt nicht
zu Tage tritt. Diese Sichtweise wird insbesondere
interessant, wenn man einen anderen Artikel in der
schon zitierten Bild der Wissenschaft mit einbezieht [3]. Hier
legen Forscher die These dar, dass die Gehirne zweier
Gesprächspartner im Dialog sehr ähnliche Aktivitäten
in den relevanten Spracharealen aufweisen. Dabei wird
herausgestellt, dass dieses Phänomen natürlich nur
auftritt, wenn die Partner verstehen, wovon sie reden.
Und wenn man bedenkt, dass auch die Verzögerungslaute
eine Entsprechung im Gehirn haben, wird man ihre
Notwendigkeit oder zumindest ihren nützlichen
Charakter im Gedankenaustausch nicht mehr leugnen
können.
Die rhetorische Leitlinie, Pausenfüller zu eliminieren und eventuell sogar durch Pausen zu ersetzen, sollte also durchaus kritisch betrachtet werden. Sprechpausen, die nicht durch solche Verzögerungslaute gefüllt werden, können in vielen Fällen den Zuhörer, wenn nicht sogar den Sprecher selbst aus dem Konzept bringen. Denn der Zuhörer wird sich über die für ihn unerklärliche Kommunikationslücke wundern und der Sprecher selbst droht aus physiologischer Sicht (siehe oben) aus dem Redefluss zu geraten.