Wie das unter
arbeitslosen Abiturienten ist, hatte mich Mittwoch
Abend gegen 23 Uhr die Müdigkeit noch nicht eingeholt.
Ich wollte wenigstens noch einige Seiten in einem Buch
lesen. Da keines zur Hand war, dass noch darauf
wartete, zu Ende gelesen zu werden, griff ich zum
dünnsten Buch unter den Büchern, die ich mir seit
längerem zu lesen vorgenommen hatte: "Der Untergeher".
Ein Roman des österreichischen Schriftstellers Thomas
Bernhard aus dem Jahre 1983 [1].
Es handelte sich um die SZ-Bibliothek-Ausgabe: In grünem Schutzumschlag machte das dünne Büchlein einen recht sympathischen Eindruck. Ich wusste schon, es würde sich auf den 157 Seiten um Klaviervirtuosen drehen, namentlich auch um den weltberühmten Glenn Gould. Das Thema war mir gerade recht, befand ich mich doch selbst gerade in der Krise, in 10 Tagen ein Chopin vorspielen zu müssen, ohne im Geringsten mit meiner stümperhaften Spieltechnik zufrieden sein zu können.
Der Roman war mir auf Empfehlung meines Vaters in die Hände geraten. Seine Anmerkungen dazu im Vorfeld gaben mir schon einen Vorgeschmack auf Thomas Bernhard, einen der bedeutendsten deutschsprachigen Autoren der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts: Charakteristisch sei wohl, er habe sein Vaterland Österreich nicht gerade geschont. Doch nicht nur Österreich sei Zielscheibe der oft kränklich anmutenden und stets pessimistischen Kritik.
Ich brauchte zwanzig Seiten, um mich an den Stil zu gewöhnen. Danach riss er mich fort. Es wurde Mitternacht, es wurde ein Uhr, da entschied ich mich aus Vernunft, bei der nächsten Möglichkeit die Lektüre zu unterbrechen, um sie frühestens am nächsten Morgen fortzusetzen. Eine Möglichkeit ergab sich nicht, den Schlaf brauchte ich aber trotzdem und schloss mitten im Lesen das Buch. Die übrigen 60 Seiten schlossen sich am nächsten Morgen fast nahtlos an - geschafft.
Bernhards "Untergeher" ist mehr eine Rhapsodie als ein
literarisches Werk: ab der zweiten Seite nur noch 156
Seiten Blocksatz - ein einziger langer Paragraph ohne
Absätze geschweige denn Kapiteleinteilungen. Der
Schreibstil ist dabei dermaßen einheitlich, dass eine
Pause beim Lesen kaum möglich ist. Der Roman liest
sich wie ein einziger langer Satz, wie ein einziges
Wort.
Ein Ich-Erzähler erinnert sich daran, was ihm durch
den Kopf ging, als er nach dem Selbstmord eines
Freundes dessen Heimat aufgesucht hatte, um dessen
Nachlass zu sichten. Diese erinnerten Gedanken nehmen
fast alles ein, die Rahmenhandlung hat am Anfang fast
nur den Sinn, den Gedankenfluss an den unpassendsten
Stellen zu unterbrechen. Sie bringt den Leser aus dem
Konzept, zwingt ihn, das eben Gelesene nochmal Revue
passieren zu lassen, reizt dabei aber seine Neugierde,
sodass er sich mit noch mehr Entschlossenheit aufs
Weiterlesen verpflanzen wird.
So perfekt der Leser mit den ersten Sätzen in den Roman hineingezogen wird, so gnadenlos wird er am Ende im Regen stehen gelassen. 157 Seiten Reflexionen sind zwar nicht wenig, aber man hat am Ende eher das Gefühl, dass sich hier ungleich mehr Fragen gestellt als Antworten gefunden haben. Das ist bei einem literarischen Werk natürlich eine Stärke, denn was ist wertvoller, als wenn der Autor es schafft, dem Leser Rätsel aufzugeben - fertige Antworten sind ja im Grunde meistens entweder unbefriedigend oder nicht hinreichend individuell.
Der Leser wird von Bernhard also nicht geschont. Noch viel weniger erhalten aber alle Institutionen, Objekte und Menschen auf diesem Planeten Schonung - am allerwenigsten das Vaterland des Autors: Österreich. Hier bleibt kein Auge trocken. Das einzige Subjekt, dass im Verlaufe des Buches nicht in Grund und Boden kritisiert wird, ist Glenn Gould. Der hat alles richtig gemacht - ein Genie. Er lebte das perfekte Leben und starb den perfekten Tod - immer zur rechten Zeit am rechten Ort. Keine Verfehlungen, keine Makel.
Und genau das macht dieses Buch so spannend. Der
"Untergeher" ist nämlich eigentlich die Bezeichnung
für einen anderen Pianisten im Buch, bei dem einfach
alles schief gegangen ist. Eine gebrochene
Persönlichkeit, deren Ehrgeiz immer von Ängstlichkeit
gehemmt war und deswegen immer ins Leere ging.
Der frappierende Kontrast zwischen dem gescheiterten
Leben dieses "Untergehers" und Glenn Goulds Leben
stellt die Frage nach dem Sinn des Perfektionsstrebens
der Menschen. Und in ihrer verallgemeinerten Form geht
uns diese Frage alle an. Deswegen ist dieses Buch
einfach für jeden unglaublich spannend.
Weiter werde ich gar nicht auf Inhalt oder Textverständnis eingehen. Ich wollte nur ein bisschen Werbung für dieses hochinteressante Buch machen. Ich denke, jeder kann die Zeit und Konzentration für ein 157 Seiten dünnes Buch aufbringen. Und Bernhards "Untergeher" sollte man sich auch wirklich nicht entgehen lassen!