Unter der Bezeichnung
"Gesprächskonzerte" gibt der in Deutschland lebende
amerikanische Pianist David Andruss [1] seit einiger Zeit
Klavierkonzerte, bei denen er alle Stücke, die er
vorträgt, mit Hintergrundinformationen bereichert.
Laut Andruss ist das an Musikhochschulen eine sehr
gängige Methode des Dozierens. Er hält sie allerdings
offensichtlich für massentauglich und traut sein
Programm der (Fuldaer) Öffentlichkeit zum wiederholten
Male zu - offenbar mit großem Zuspruch.
Diese Mischung aus Konzert und musiktheoretischem
Vortrag begegnete mir erstmals, als ich vor wenigen
Jahren auf die "lectures" von Andras Schiff für die
britische Tageszeitung "The Guardian" stieß, die
kostenlos im Internet abrufbar [2] sind. Einem brillanten
Pianisten wie Andras Schiff entsprechend ist hier die
herausragende Qualität der Beiträge kaum
verwunderlich.
Zuletzt traf ich diese Form des Vortrags in Thomas
Manns "Doktor Faustus" [3] an, wo der stotternde
Wendell Kretzschmar bei öffentlichen und wenig
besuchten Veranstaltungen dieser Art seine teilweise
kuriosen Theorien zu musikalischen Themen äußert.
Da ich heute also an einem Gesprächskonzert von David Andruss einen Teil des Publikums bildete, musste der arme Pianist sich in meinem Kopf unweigerlich mit diesen beiden Idealbildern messen. Natürlich ist er im Vergleich unterlegen - doch dazu später mehr.
Mit Beginn um 17 Uhr konnte man das Gesprächskonzert
noch gar nicht als Abendveranstaltung bezeichnen. Nach
ungefähr 100 Minuten wurde man nämlich auch bereits
vor 19 Uhr wieder entlassen.
Als Räumlichkeit diente der Veranstaltungssaal von
wohnenplus nahe dem Fuldaer Stadtschloss. In dem
fürchterlich kleinen, schlecht belüfteten und
klimatisierten Räumchen, dessen Akustik nicht nur
durch einige Säulen gestört wurde, hatte man Andruss
mit einem mittelgroßen Flügel ausgestattet, dessen
Klang dort unmöglich zur Geltung kommen konnte.
Die Voraussetzungen waren also schon ungünstig. Sie
prallten aber unmittelbar mit David Andruss' Programm
zusammen, weil der das Publikum in gewissem Maße um
den gesprochenen Anteil seiner Veranstaltung betrog.
Was er sagte, war höchst interessant und anschaulich,
doch es war zu wenig: Die Bezeichnung
"Gesprächskonzert" lässt mehr erwarten; die Akkustik
des Raumes ließ es auch nicht zu, den gespielten
Anteil zu Lasten des Gesprächs unnötig zu
expandieren; und zuletzt bin ich eine angenehmere
Mischung von den "lectures" und aus Doktor Faustus
gewohnt.
Ich persönlich bekam das Gefühl, der Pianist wolle
sich mehr in seinen musikalischen Fähigkeiten denn in
seinem Wissen baden. Dem Publikum, dessen
Altersdurchschnitt wohl nahe am Rentenalter lag,
gefiehl das offenbar gar nicht schlecht. Ich selbst
fand seine pianistischen Leistungen nur wenig
befriedigend. Es schien fast so, als habe er sich mit
Chopins Scherzi, Waltzern und Etüden für diesen Abend
übernommen. Das hätte ich ihm nicht verübelt,
hätten diese musikalischen Vorträge den
Gesprächsanteil nicht so beschnitten.
Resümierend musste ich leider mehr Tadel als Lob
verlauten lassen. Doch meine Vergleichsbilder sind, wie
erwähnt, sichtlich Idealbilder und lassen meine Kritik
etwas unfair ausfallen. Der Fairness halber muss ich
also lobend erwähnen, dass überhaupt endlich mal
jemand die Kultur des Gesprächskonzerts aufs Fuldaer
Parkett gebracht hat. Angesichts des eher laienhaften
Publikums räume ich auch ein, dass hochtrabende
musiktheoretische Erörterungen wenig Anklang gefunden
hätten.
Ich würde es also im Großen und Ganzen durchaus
begrüßen, wenn Herr Andruss die Kultur des Fuldaer
Raums auch weiterhin mit Gesprächkonzerten bereichern
würde. Vielleicht stellt man ihm dann auch mal bessere
Räumlichkeiten zur Verfügung und mit zunehmendem
Erfolg wird er vielleicht wagen, den Redeanteil
merklich zu erhöhen. Ich würde es Fulda
wünschen.