Zwischen den Jahren füllt
sich das Berlin Congress Centrum sowie einige Berliner
Turnhallen mit Menschenmassen ungewöhnlicher Art. Seit
dem 27. Dezember strömen aus aller Welt Technik- und
Computerbegeisterte auf die alljährliche
Gesamtkonferenz des Chaos Computer Clubs (CCC) namens
Chaos Communication Congress [1].
Der CCC wird bisweilen als Hacker-Verein bezeichnet. Es handelt sich um eine Vereinigung von Menschen, die sich um sicherheitstechnische und ideologische Probleme der modernen Welt Gedanken machen. Ihre Gedanken äußern sie häufig lautstark in den Medien und vor der Politik. Der CCC hat im vergangenen Jahr Begriffe wie "Stasi 2.0" und "Zensursula" geprägt, die in der so genannten Netzgemeinde großen Gesprächsbedarf weckten.
Ich war also dabei, als sich jener Verein dieses Jahr
zum 26. Mal in Berlin versammelte und zu diesem Zwecke
Interessierte aus aller Welt einlud. Von dem
viertägigen Kongress erlebte ich jedoch nur den ersten
Tag mit: Mit Übernachtung und den einigermaßen hohen
Eintrittsgeldern konnte ich nur auf die Art im
finanziellen Rahmen bleiben. Ursprünglich wollte ich
auch am zweiten Tag teilnehmen, musste aber
feststellen, dass bereits alle Tagestickets ausverkauft
waren, als ich nach Mittag am Veranstaltungsort
auftauchte.
Die Zugfahrt hin und zurück war übrigens dermaßen
verworren, dass sie einen eigenen Artikel einnehmen
könnte. Darauf, wie auch auf Unterbringung und das
Berliner Rahmenprogramm, will ich an dieser Stelle
nicht eingehen.
Das Kongressprogramm bestand vorrangig aus Vorträgen, die sich grob zusammengefasst um Gesellschaft, Kultur und Technik drehten. Die Dozenten waren meistens privat motiviert, bisweilen gab es aber sogar Mitglieder der Leitung internationaler Software-Projekte. Dementsprechend wurden Vorträge ebenso häufig auf mehr oder weniger gutem Englisch wie auf Deutsch gehalten. Ebenso durchwachsen wie die behandelten Themen war auch die Qualität der Vorträge. Die drei geräumigen Vortragssäle waren jedoch stets zum Überlaufen gefüllt, sodass das Personal vom Haus seine Not damit hatte, Brandschutzbestimmungen wie Fluchtkorridore zu wahren.
Besondere Begeisterung brachte das Publikum gewöhnlich vor allem für politisch-ideologische Themen mit, wo sie auch gerne mal in fanatisch anmutende Beifallsstürme ausbrachen, wenn beispielsweise die Leitung des WikiLeaks-Projektes ihre Pläne für die Durchbringung eines speziellen Gesetzes in Island offenlegte [2].
Neben den Vorträgen gab es einige Stände an denen
Bücher, Accessoirs und technische Bausätze verkauft
wurden. Außerdem fanden zahlreiche vor allem
inoffizielle Workshops statt und einige Bastler
stellten ihre Roboter, Mikrokopter,
Leuchtdioden-Bausätze und Computerexperimente vor. Es
gab sogar eine Spielecke für Kleinkinder und
natürlich war für das leibliche Wohl gesorgt.
Zu essen gab es dabei alles, was einfach zuzubereiten
ist und in den Haushalt eines typischen
Computer-Liebhabers gehört: Chili con Carne, Pizza,
Sandwiches. Neben den üblichen Getränken fiel ein
besonderes Szene-Getränk auf: "Club-Mate". Es handelt
sich um einen Eistee aus dem lateinamerikanischen
Mate-Tee, der mit reichlich Koffein, Zucker und
Kohlensäure versetzt wurde. Geschmacklich erinnert es
zunächst an Sprudelwasser, das mit Zucker und
Zigarettenkippen versetzt wurde. Hat man sich einmal
daran gewöhnt, kann man sich aber auch einbilden, es
handle sich um Eistee mit Kohlensäure.
Meine Begleitperson und ich passten im Grunde ziemlich
schlecht in die Zielgruppe der Veranstaltung hinein:
Uns fehlte die Technikversiertheit, der ideologische
Fanatismus und schließlich auch das richtige Alter.
Das Altersmittel befand sich nämlich wohl eher bei
Ende zwanzig.
Natürlich führte jeder Besucher außer uns einen
Laptop mit, bisweilen waren iPhone-Benutzer vertreten.
Erstaunlich war der hohe Anteil an Apple-Laptops: Aus
den Vorträgen ging nämlich hervor, dass man dem
Kapitalismus zu frönen eigentlich eher nicht geneigt
war.
Dass wir nicht zur Szene gehörten, zeigte sich auch
bisweilen an der Unkenntnis einiger Begriffe aus dem
Fachjargon. Besonders beliebt schien es zum Beispiel,
Papier mit "toter Baum" zu bezeichnen.
Befremdlich mutete es an, mitten im Aufenthaltsraum
unter all den plaudernden, trinkenden, essenden und
bastelnden Menschen einen zu sehen, der sich mit dem
Laptop Porno-Filme anschaute. Was das für einen
tieferen Sinn hatte, blieb uns verborgen.
Zusammenfassend stellt sich der 26C3 sicherlich als ein großes Event im Terminkalender eines Hackers dar. Für uns als Außenstehende ist das allerdings nicht in jeder Hinsicht gleich einsichtig. Aus objektiver Sicht lässt sich sagen, dass es sich im Grunde um eine Versammlung von Liebhabern handelt: So ist einerseits die Qualität mancher Vorträge eher zum Abgewöhnen. Andererseits werden bisweilen Themen ausgerollt, die eher jenen grundlagenforschenden und realitätsfernen Charakter haben, den man oft bei Dilettanten feststellt, den ich damit aber nicht unbedingt negativ bewerten will.
[1] events.ccc.de/congress/2009/wiki/Welcome
[2] golem.de/0912/72094.html