In der angewandten
Mathematik drückt man sich gewählt aus: Man sagt
nicht "Problemlösung" oder "Optimierung", sondern
"Modellierung". Das klingt ziemlich nach Töpfern, doch
damit hat es natürlich herzlich wenig zu tun.
Das Thema "Modellieren" stand jedenfalls im Mittelpunkt
der vergangenen Woche in der Reinhardswaldschule in
Fuldatal. 40 Schüler, die am diesjährigen "Tag der
Mathematik" (ein hessischer Mathematikwettbewerb der
zwölften Klassen) vordere Plätze erreicht hatten, und
ein Haufen 16 Mathematik-Lehramtsstudenten
wurden hier in 8 Gruppen einsortiert, denen jeweils
eine Problemstellung aufgetischt wurde, die es mit
angewandter Mathematik zu lösen galt.
Die Probleme kamen aus KFZ-, GPS- und Fahrstuhltechnik,
Speditionswesen, Biologie und Schifffahrt und ihre
Lösung war nicht nur alles andere als trivial, sondern
sogar unbekannt. Dementsprechend kam auch keine Gruppe
am Ende der fünf Tage Arbeit zu einem Ergebnis, das
man nicht noch weiter hätte verbessern können.
Als Preisträger beim Tag der Mathematik hatte ich ein
Stipendium in der Tasche, mit dem die Veranstaltung
für mich kostenlos war. Mein Interesse war im
vornherein nicht übermäßig groß, da ich der
angewandten eher die theoretische Mathematik vorziehe.
Auf diesem Standpunkt stehe ich zwar jetzt noch, trete
aber vor jener anfänglichen Uninteressiertheit
zurück: Ich langweilte mich durchaus nicht, während
ich mit meiner großartigen Gruppe ein Fahrstuhlsystem
für große Bürogebäude konzipierte und optimierte
("modellierte").
Die Atmosphäre unter den Teilnehmern war nämlich
erfreulich entspannt und fröhlich. Teilweise wurde man
auch von Mitgliedern anderer Gruppen angelächelt und
angesprochen, als kenne man sich bereits. Außerdem
vermischten sich Schüler und Lehramtsstudenten
geradezu unbemerkt.
Dazu kam das ganze Drumherum von Unterkunft, Verpflegung, Räumlichkeiten, Ausstattung und Organisation, das durchweg zu überzeugen vermochte: saubere Doppelzimmer, reichliche Mahlzeiten, zweckmäßige Gruppenräume und großzügige Versorgung mit Flip-Charts, Whiteboards, Papier, Stiften aller Art, Computern, Internet und sogar einem Klavier. Die Zeittafel ließ zwar zwischen Frühstück und Abendessen kaum etwas anderes als Arbeit an den Problemen zu, schrieb allerdings kein Programm für die Abende bzw. Nächte vor und hatte sogar am Mittwoch einen Geocaching-Trip an der frischen Luft eingeplant. Tatsächlich verbrachten viele Gruppen freiwillig die Abende mit der Bearbeitung ihrer Probleme, sodass anschließende Freizeitaktivitäten die Nächte lang werden ließen, was sich in den letzten zwei Tagen in der Ausdauer der Teilnehmer bemerkbar machte.
Die Lösung der Problemstellungen bestand überwiegend
aus dem Entwurf von Computersimulationen, die die
Problematik mehr oder weniger gut erfassen konnten.
Dementsprechend wichtig waren Teilnehmer für die
Gruppen, die ihre Laptops und eine gute Portion
Programmierkenntnisse mitgebracht hatten.
Wer also je die Möglichkeit bekommen sollte, an dieser
jährlich stattfindenden Modellierungswoche des
Zentrums für Mathematik teilzunehmen, sollte die
Gelegenheit nutzen, sofern er die Arbeit an derartigen
Problemstellungen (siehe oben) interessant fände oder
auch einfach nur, um ein paar aufgeschlossene Leute
kennenzulernen, die nicht auf den Kopf gefallen
sind.