Seit dem 19. oder 20. Juli 2010 kursieren im D1-Netz
der Telekom Kurznachrichten (SMS), deren Absender und
Inhalt scheinbar völlig zufällig zusammengestellt
werden. Das heißt, die Nachrichten enthalten
zufällige alphanumerische Zeichenfolgen (wirre,
"kryptische" Buchstaben und Zahlen) von 20 bis 50
Zeichen Länge. Die Absender sind stets ausländische
Telefonnummern.
Mit dem Problem beschäftigt man sich nun also schon
seit über einer Woche in verschiedenen Internetforen.
Ich habe zusammgestellt, was der Austausch der User in
folgenden Internetforen ergeben hat:
ComputerBase - Forum
Computerbetrug - Forum
ThinkPad - Forum
Blogaddict
gutefrage.net (wenig Aktivität)
myGully - Forum (wenig Aktivität)
gulli:board (wenig Aktivität)
iFun - Forum (wenig Aktivität)
Growbook - Forum (inaktiv)
Was steht in den Nachrichten?
Ein unerklärliches, anscheinend zufälliges und
sinnloses Wirrwarr aus Zahlen und Buchstaben
ZW3n0CCsK8DJYj6ea8RXytNRZlOIqefO8it0eiWmh2CrFPWI1
BPYJlBqA6mGQI431dilq7j48ZJzcKzqiEPtctzZAberW4EN21
WmHyOA9UOr5i02sI2oyVz33QqlIuF0mrPuFFxyme8MaLQcx7U
oPv2gr4ylTGjAstTpJTAHCWp3NCzBfUzHY55xlADc9QftRBC7uyVGHJeCm8Cy0tUklAOnltvyqEsPZC2
NwbHjYRiQigKhelUWYZCzPW7SqhpvtiYrOyrHxeY5WmUkofkhH0qVC8ejj1jQf2mfqxGIf3ZQq
Leerzeichen treten in den meisten Fällen ebensowenig wie Sonderzeichen auf. Die Länge der Nachrichten variiert zwischen 20 und (in Einzelfällen) über 100 Zeichen.
Wer verschickt diese Nachrichten?
Die Nummern der Absender haben Vorwahlen
unterschiedlicher, aber stets weit entfernter Länder
wie Vietnam, Indien oder Burkina Faso (Westafrika). Die
Ziffernfolgen der Nummern sind nicht auffällig,
sondern eher gewöhnlich - wie Privatnummern.
Betroffene, die die Nummern zurückzurufen wagten,
wurden mit Privatpersonen oder Call-Centern verbunden.
Nie sprach der gewählte Gesprächspartner Deutsch.
Bisweilen war niemand unter diesem Anschluss
erreichbar.
Wer ist betroffen?
Es handelt sich bei den Empfängern um Kunden aller
Mobilfunkanbieter, die das D1-Netz verwenden: Discotel,
Simply, T-Mobile, Callmobile, Congstar und andere.
Betroffen sind sowohl Nummern mit D1-Vorwahl als auch
portierte Nummern mit anderen Vorwahlen. Unter den
Empfängern gibt es welche, die schon über ein Jahr
ihre Verträge oder Prepaid-Tarife haben - ebenso gibt
es aber auch Neukunden wie mich die seit weniger als
einem Monat dabei sind [1]. Der Handytyp scheint
auch beliebig zu sein: iPhone-User befinden sich unter
den Betroffenen ebenso wie Billig-Handy-Benutzer.
Die anfängliche Vermutung, ausschließlich
Auslandsreisende könnten betroffen sein, wurde durch
mehrere Betroffene widerlegt, die sich längere Zeit
nicht mehr im Ausland aufgehalten haben. Außerdem
konnten einige Betroffene (auch ich) garantieren, dass
sie ihre Nummer nicht an Dritte außerhalb ihres
engeren Bekanntenkreises weitergegeben haben - um
Werbung handelt es sich angesichts der sinnlosen
Inhalte aber ohnehin nicht.
Eine Sache ist jedoch sicher: Nicht alle D1-Nutzer sind
betroffen. Ich selbst habe auf meinem Zweithandy
(T-Mobile), dessen Handy-Nummer eigentlich viel weiter
verbreitet ist, noch keine einzige solche SMS erhalten
- das gleiche trifft auf die Handys meiner Eltern zu
(ebenfalls T-Mobile).
Was haben Betroffen zu befürchten?
Bis zu zwei Kurznachrichten pro Tag stellen eine
ärgerliche Belästigung dar, zumal die Nachrichten
auch manchmal zu nächtlicher Stunde eintreffen.
Darüber hinaus berichten einige Betroffene davon, dass
ihnen diese Nachrichten in Rechnung gestellt wurden.
Manch einer bezahlte dabei den üblichen SMS-Tarif,
andere wurden ihr gesamtes Guthaben los. Ein
Betroffener konnte seiner Mobilfunkrechnung entnehmen,
dass die entstehenden Kosten unter "sonstige Dienste"
zusammengefasst werden. Wieder andere sind sicher, dass
keine Kosten durch die Spam-Nachrichten entstanden
sind.
Was kann man dagegen tun?
Einzelne Anfragen bei der Deutschen Telekom haben
bisher nichts erreichen können. Der Kundenservice der
Telekom scheint von diesem Problem bislang nichts
gehört zu haben. Da die Ursache des Problems völlig
unbekannt ist, gibt es momentan noch keine Möglichkeit
direkt und effektiv dagegen vorzugehen.
Es ist aber anzuraten, sich mit seinem
Mobilfunkanbieter in Verbindung zu setzen und ihm die
Sachlage zu unterbreiten. Eine Beschwerde bei der
Bundesnetzagentur ist ebenso denkbar. Wer diesen
Aufwand scheut, aber nicht untätig bleiben will, tut
am besten daran, seine Erfahrungen in einem Eintrag ins
ComputerBase-Forum zu schildern [2]. Dort gibt es den
bislang längsten und aktivsten Thread zum Thema.
**** Update
Zur Entwicklung seit der Erstellung des Artikels kann
man sich genauestens in den Kommentaren informieren.
Insbesondere wurde wohl inzwischen eine SMS-Sperre für
die fraglichen Spamnachrichten eingerichtet [3].
Außerdem berichten inzwischen die Webseiten stern.de
[4],
teltarif.de [5] und bnet.info [6]. Ich
selbst kann bestätigen, seit der Sperre keine SMS mehr
aus wirren Zahlen und Buchstaben erhalten zu haben.
Wirre alphanumerische Zeichenketten wurden jetzt
nämlich scheinbar komplett durch Bibelverse ersetzt,
von denen nun im Eplus-, O2-, Vodafone- und D1-Netz
berichtet wird. Es handelt sich um englische Zitate aus
der King-James-Bibel, einer 250 bis 400 Jahre alten
Übersetzung des Alten und Neuen Testaments ins
Englische.
Ich habe bereits früher davon berichtet, wie
Spam-Versender mithilfe von Texten, die zwar sinnvolle
Worte und Sätze enthalten, aber keine erkennbar
sinnvolle Aussage haben, Spam-Filter umgehen können [7].
Vermutlich handelt es sich auch jetzt wieder um eine
Maßnahme der Spammer, die Abwehr- bzw.
Filtermaßnahmen der Netzbetreiber auszuhebeln.
Telekom-Twitter:
Der Pressesprecher der Telekom hat mir getwittert, dass die Nummern der SMS-Absender mit Bibelzitatinhalt bitte gesammelt werden sollen.
©Copyright 2007 Impressum