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Dysphemismus "chemisch"

Akazie: Warum kaufst du eigentlich so viele Öko-Produkte? Was für Bedingungen erfüllt ökologische Landwirtschaft?
Bougainville: Das kann ich dir natürlich im Detail nicht sagen. Aber es geht zum Beispiel darum, dass keine chemischen Düngemittel verwendet werden...
Akazie: Moment, aber was sind denn nicht-chemische Düngemittel? Geht es in der Chemie nicht um Stoffverbindungen im Allgemeinen? Dann müsste doch alles Chemie sein?!
Bougainville: Ach, jetzt sei nicht wieder so spitzfindig. Das heißt jetzt eben einfach mal so.
Akazie: Ja, "DAS" heißt jetzt eben so. Meinetwegen, aber dann solltest du "DAS" auch mal ein wenig genauer spezifizieren.
Bougainville: Hör auf, ich kann doch jetzt auch nicht genau sagen, was das ist.
Akazie: Aber wie kannst du diesen deinen "chemischen" Düngemitteln etwas anderes vorziehen, wenn du gar nicht weißt, was du unter "chemischen" Düngemitteln überhaupt verstehst?

Der Begriff "chemisch" hat im Zeitalter von Klimawandel und Nachhaltigkeit eine extrem schlechte Konnotation erhalten. Aber niemand weiß so genau, was damit überhaupt gemeint ist und warum es eigentlich so schlecht sein sollte.
Insbesondere bei Lebensmitteln ist der Begriff sehr ungern gesehen. Denn "Chemie" sei schließlich schlecht für die Gesundheit. Demgegenüber sei "natürlich" genau das, was der Körper will.
Dabei wird gerne darüber hinweggesehen, dass es unnatürliche Chemie oder nicht-chemische Natur überhaupt nicht gibt.

Tatsächlich gemeint sind umgangssprachlich in der künstlichen Synthese hergestellte Stoffe, wenn von "chemischen" Stoffen die Rede ist. "Natürlichen" Stoffen haben entsprechend biochemische Syntheseprozesse zugrundezuliegen.
Es ist allerdings unzweifelhaft, dass gerade etwa die tödlichsten Gifte bisland nur in biochemischen Prozessen synthetisiert werden können. Was "Mutter Natur" alles an Krankmachern zu bieten hat, übersteigt weit das Kontingent entsprechender Stoffe "aus dem Reagenzglas".

Und so gibt es unzählige Dysphemismen im heutigen Sprachgebrauch, die alleine aufgrund gesellschaftlicher Konventionen ihre negative Konnotation erhalten haben. Ist das nun gut oder schlecht? Das muss natürlich im Einzelfall entschieden werden - aber es muss entschieden werden und darf nicht einfach von Anfang an festgelegt werden!

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